ROUNDUPMerkel, EU-Dialog

EU-Dialog mit Putin vor Invasion der Ukraine gescheitert

06.10.2025 - 19:32:00

Vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 hĂ€tte sich die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) einen engeren Dialog der EU mit dem russischen PrĂ€sidenten Wladimir Putin gewĂŒnscht.

Sie habe damals, im Sommer 2021, zusammen mit Frankreichs PrÀsident Emmanuel Macron ein neues GesprÀchsformat angestrebt, "dass wir mit Putin direkt als EuropÀische Union sprechen", sagte Merkel in einem Interview des ungarischen Portals "Partizån".

Sie habe damals gespĂŒrt, "dass das Minsk-Abkommen nicht mehr ernst genommen wird". Das Aushandeln des Minsker Friedensabkommens sei richtig gewesen, "nur wir hatten dann in Corona eben keinerlei Möglichkeit mehr, uns mit Putin direkt auszutauschen, und das war sehr schlecht fĂŒr die weitere Entwicklung", sagte Merkel. Das Abkommen war 2015 geschlossen worden mit dem Ziel, die damals bereits herrschenden KĂ€mpfe in der Ost-Ukraine zu beenden.

Merkel: Balten und Polen gegen direkte EU-GesprÀche mit Putin

Direkte GesprĂ€che der EU mit Putin seien damals "von einigen nicht unterstĂŒtzt" worden, "das waren vor allen Dingen die baltischen Staaten, aber auch Polen war dagegen, weil sie Angst hatten, dass wir keine gemeinsame Politik gegenĂŒber Russland haben", fĂŒhrte die Ex-Kanzlerin aus. "Meine Meinung war, wir mĂŒssen dann eben daran arbeiten, eine gemeinsame Politik zu haben. Auf jeden Fall ist es nicht zustande gekommen, und ja, dann bin ich aus dem Amt geschieden, und dann hat die Aggression Putins begonnen. Wir werden heute nicht mehr klĂ€ren können, was gewesen wĂ€re, wenn", sagte Merkel.

Estlands Außenminister: Aussagen unverschĂ€mt und falsch

Estlands Außenminister Margus Tsahkna wies die Aussagen von Merkel als unverschĂ€mt und falsch zurĂŒck. Der Grund fĂŒr Russlands umfassende Aggression sei Putins UnfĂ€higkeit, den Kollaps der Sowjetunion zu akzeptieren, sowie der frĂŒhere Wunsch der westlichen LĂ€nder, mit Putin zu verhandeln und seine Taten zu ignorieren, sagte er in einer Mitteilung des Außenamtes in Tallinn. So seien weder der Krieg in Georgien 2008 noch Russlands Annexion der Krim 2014 auf starke Reaktionen gestoßen.

"In unserer Region wurde Russlands wahre Natur schon frĂŒh erkannt, und es wurde vor den von Russland ausgehenden Gefahren gewarnt. Die große Mehrheit der westlichen Welt zog es jedoch vor, dies zu ignorieren", sagte Tsahkna. Deutschland habe unter Merkels FĂŒhrung zudem die Kosten der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit Russland falsch eingeschĂ€tzt und durch die Eröffnung der Nord-Stream-Pipeline dazu beigetragen, von Russland energieabhĂ€ngig zu bleiben.

Interview wÀhrend Besuch in Ungarn

Auch in den beiden anderen baltischen Staaten Lettland und Litauen wurden die Aussagen Merkels kritisch aufgefasst. Das GesprĂ€ch mit einem Journalisten von "PartizĂĄn" wurde bereits vor einigen Tagen online veröffentlicht. Merkel hielt sich am 1. Oktober in der ungarischen Hauptstadt Budapest auf, um dort fĂŒr die ungarische Übersetzung ihrer Memoiren zu werben.

Eine Sprecherin Merkels teilte am Montag auf Anfrage mit, die Aussagen der frĂŒheren Kanzlerin seien "nicht neu". Bei einer Veranstaltung im Juni 2022 habe sie sich bereits entsprechend zur Lage im Juni 2021 geĂ€ußert. Die Haltung der baltischen Staaten und Polen zu einem Dialog mit Putin erwĂ€hnte sie damals aber nicht.

@ dpa.de