Schaffen soziale Medien Verbindung oder Einsamkeit?
Veröffentlicht: 07.07.2026 um 15:44 Uhr, dpa.deIn Australien gilt seit Dezember ein Verbot für unter 16-Jährige, in Deutschland wird über besseren Schutz Minderjähriger diskutiert.
Dabei geht es nicht nur um Suchtgefahr und Mobbing, sondern auch um Einsamkeit. Darüber zu sprechen, sei noch immer schambehaftet, sagt Luise Meergans, Leiterin der Abteilung Programme beim Deutschen Kinderhilfswerk. Einsamkeit sei kein individuelles Problem, sondern eine gesellschaftliche Frage - und ein Warnsignal des Körpers, eine Art Überlebensmodus, der entstehe, wenn Verbindung fehle.
Soziale Medien können Einsamkeit sowohl lindern als auch verstärken, wie sich beim Jugenddialog in Berlin zeigt. Im Rahmen des von WAKE UP! Telefónica organisierten Treffens tauschten sich Jugendliche der Paula-Fürst-Schule und Campus Berlin über soziale Medien und Einsamkeit aus. Dabei waren neben Meergans der Politik-Influencer Fabian Grischkat, die Politikerinnen Tamara Lüdke (SPD), Anne-Mieke Bremer (Linke) und Anna Auerbach (Volt) sowie Lilli Berthold, stellvertretende Generalsekretärin der Bundesschülerkonferenz.
Social Media kann verbinden
Berthold, die selbst im ländlichen Sachsen-Anhalt aufgewachsen ist, sieht in sozialen Medien vor allem auf dem Land eine Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen. "Auf dem Land gibts einfach nicht so viele Jugendliche. In sozialen Netzwerken findet man die", sagt sie. Es sei "fast schon überlebensnotwendig sich online zu connecten, weil man sonst seine Gruppe nicht findet".
Auch in dichter besiedelten Gegenden habe es noch nie ausreichend Jugendzentren oder andere offene Räume für Jugendliche gegeben, sagt Berthold. "Jugendliche können sich nirgends mehr aufhalten" und wichen daher auf digitale Räume aus, das habe sich insbesondere während Corona gezeigt. Ein Schüler im Publikum ergänzt: Kino oder andere Freizeitaktivitäten seien so teuer geworden, dass man sonst nichts mehr machen könne.
Was bringt ein Verbot von Social Media?
Auch der 18-jährige Yotis fühlt sich manchmal einsam, vor allem in den Sommerferien, wenn er seine Freunde seltener sehe. Unterbewusst nutze er soziale Medien, um sich weniger einsam zu fühlen - auch wenn er eigentlich wisse, dass es ihm nicht helfe. Für introvertierte Menschen sei es aber hilfreich, um Kontakte zu knüpfen. Er selbst hat während der Corona-Zeit über Videospiele auch Freunde gefunden, die er mittlerweile auch treffe.
Ein Verbot hält Yotis eher nicht für sinnvoll. Er wünscht sich mehr Aufklärung über Suchtgefahr und Datenschutz. In seinem Freundeskreis habe es Erfahrungen gegeben, mit Fotos, die man eigentlich lieber nicht verschickt hätte. "Social Media ist ähnlich wie eine Droge, auf einer bestimmten Ebene", sagt er. Ein anderer Schüler, Emanuel, ergänzt: Filterblasen, Echokammern, das sei Begriffe, die manchen Eltern nichts sagten, und die deshalb auch nicht helfen könnten.
Politik-Influencer Fabian Grischkat meint, für eine mental vulnerable Gruppe sei Social Media nicht der Retter, sondern könne eine zusätzliche Gefahr sein. Verschwörungsideologien entstünden auch aus Einsamkeit heraus, meint der 25-Jährige, dem auf Instagram knapp 240.000 Menschen folgen. Auch wegen der Durchsetzung zweifelt er an der Wirksamkeit eines Verbots. Dafür müsste man sich verifizieren, den Social-Media-Plattformen den Ausweis zeigen und das Gesicht scannen lassen, "das wollen viele auch nicht".
