Baden-WĂŒrttemberg, KriminalitĂ€t

Eritrea-Krawall: Stellvertreterkampf auf Stuttgarts Straßen

18.09.2023 - 07:33:10 | dpa.de

4600 Kilometer Entfernung liegen zwischen Stuttgart und dem kleinen Staat Eritrea. Ein Konflikt zwischen RegimeanhĂ€ngern und -gegnern eskaliert auf den Straßen der Stadt. Die Gewalt ist massiv.

  • Eine Gruppe von Menschen feiert wĂ€hrend sie nach Ausschreitungen bei einer Eritrea-Veranstaltung von PolizeikrĂ€ften eingekesselt ist. - Bild: Jason Tschepljakow/dpa
    Eine Gruppe von Menschen feiert wÀhrend sie nach Ausschreitungen bei einer Eritrea-Veranstaltung von PolizeikrÀften eingekesselt ist. - Bild: Jason Tschepljakow/dpa
  • Von der Polizei gesichterte Stöcke und Latten liegen vor der Pressekonferenz zu den Ausschreitungen auf einem Tisch. - Bild: Andreas Rosar/dpa
    Von der Polizei gesichterte Stöcke und Latten liegen vor der Pressekonferenz zu den Ausschreitungen auf einem Tisch. - Bild: Andreas Rosar/dpa
Eine Gruppe von Menschen feiert wÀhrend sie nach Ausschreitungen bei einer Eritrea-Veranstaltung von PolizeikrÀften eingekesselt ist. - Bild: Jason Tschepljakow/dpa Von der Polizei gesichterte Stöcke und Latten liegen vor der Pressekonferenz zu den Ausschreitungen auf einem Tisch. - Bild: Andreas Rosar/dpa

Sie liegen sorgsam aneinandergereiht da, die Polizei hat die GegenstĂ€nde öffentlichwirksam hindrapiert, die zu Waffen und Wurfgeschossen wurden. Lange Holzlatten, teils mit NĂ€geln durchsetzt. Dicke Aste, Steine, so groß wie ein Kopf. Der Stuttgarter VizepolizeiprĂ€sident steht schockiert daneben.

«Das ist nur ein kleiner Ausriss von dem, was gestern mit einer gewissen Tragik stattgefunden hat», sagt er. «Es wurde nach allem gegriffen, um uns massiven Verletzungen auszusetzen.» Der Rechtsstaat könne das keineswegs tolerieren.

Einen Tag nach den Ausschreitungen lĂ€dt die Polizei die Öffentlichkeit zum Tatort, gibt unter freiem Himmel eine Pressekonferenz, wo wenige Stunden zuvor noch die Gewalt eskalierte. Immer noch sind im Stuttgarter Römerkastell Spuren der VerwĂŒstung zu sehen, etwa Bauabsperrungen und Betongewichte, die herausgerissen wurden. Der Vize-PolizeiprĂ€sident spricht von einem «Gewaltexzess».

Doch was ist passiert?

Am Samstag versammeln sich Mitglieder eritreischer Vereine im Römerkastell, rund 90 an der Zahl. Sie haben einen Veranstaltungsraum bei der Stadt gemietet. Es handelte sich um keine Versammlung, die angemeldet werden mĂŒsse, sagt die Stadt. Laut Veranstalter war es ein Infotreffen, es sollte um die Sicherheit der Mitglieder gehen. Die eritreischen Vereine, so berichtet die Polizei, stĂŒnden der Regierung des Landes in Afrika nahe - eine isolierte Ein-Parteien-Diktatur, ohne Parlament oder unabhĂ€ngige Gerichte. Meinungs- und Pressefreiheit sind stark eingeschrĂ€nkt. Zudem herrscht ein strenges Wehrdienst- und Zwangsarbeitssystem, vor dem viele Eritreer ins Ausland fliehen.

Die Veranstaltung in Stuttgart ruft Regierungsgegner auf den Plan. Nach Angaben der Polizei reisen mehr als 200 Oppositionelle an, sie kommen vor allem aus dem Stuttgarter Umland, aber auch aus der Schweiz und aus Gießen. In der hessischen Stadt war es vor wenigen Wochen ebenfalls zu Ausschreitungen rund um eine Ă€hnliche Veranstaltung gekommen. Die Gewalt hatte bundesweit Schlagzeilen gemacht.

Nun trifft es Stuttgart. Den Regierungsgegnern wird ein Platz zugewiesen fĂŒr ihren Protest, doch die weigern sich, dorthin zu gehen - und machen sich stattdessen auf zum Römerkastell. Dort eskaliert die Lage schnell. Die MĂ€nner greifen zu Latten, Stangen, Flaschen, Steinen, greifen Teilnehmer der Veranstaltung an, aber vor allem die Polizeibeamten, die diese beschĂŒtzen wollen. Die Polizei hat anfangs viel zu wenig Beamte auf der Straße, die Veranstaltung wird zu Beginn nur mit 20 Polizisten gesichert. Man habe nicht mit einem solchen Ausmaß der Gewalt gerechnet, heißt es spĂ€ter. Eilig werden zusĂ€tzliche KrĂ€fte angefordert, sogar per Hubschrauber eingeflogen wird die VerstĂ€rkung. Insgesamt 31 Beamte hĂ€tten bei dem Einsatz Verletzungen erlitten, sagte Innenminister Thomas Strobl (CDU) in Stuttgart. Er rechne mit höheren Zahlen, weil sich einige Polizistinnen und Polizisten erst spĂ€ter meldeten.

228 TatverdÀchtige

Die Beamten gehen mit Schlagstöcken und Pfefferspray gegen die Krawallmacher vor. Die Straßen um das Römerkastell werden gesperrt. Stundenlang ist die Rede von ScharmĂŒtzeln, immer wieder versuchen Kleingruppen zum GebĂ€ude vorzudringen. Die Teilnehmer der Veranstaltung werden am Abend mit Polizeischutz vom GelĂ€nde eskortiert. Schließlich kesselt die Polizei so gut wie alle TatverdĂ€chtigen ein, treibt die Gruppen zusammen. Bis in die Nacht werden Personalien festgestellt und Platzverweise erteilt. Gegen 228 TatverdĂ€chtige wird nun ermittelt. Vorwurf: schwerer Landfriedensbruch. Nur einer davon ist im GefĂ€ngnis, alle anderen sind wieder auf freiem Fuß.

Weitere Eritrea-Veranstaltung am Samstag

Schon am kommenden Samstag (23.9.) soll eine weitere Eritrea-Veranstaltung in Stuttgart stattfinden. «Es geht auch um die Frage, ob eine Gewalttat das Sagen haben darf», sagte Johannes Russom vom Verband der eritreischen Vereine in Stuttgart der Deutschen Presse-Agentur. Der Schutz der Veranstaltung sei eine Aufgabe des Staates. «Er muss als demokratisches Land daran interessiert sein», sagte Russom. In den vergangenen 40 Jahren habe es derartige Veranstaltungen regelmĂ€ĂŸig und ohne ZwischenfĂ€lle gegeben.

Der Veranstalter des Stuttgarter Eritrea-Treffens macht der Polizei am Sonntag schwere VorwĂŒrfe. Man habe die Behörden vorher gewarnt, die Polizei habe die Sache aber auf die leichte Schulter genommen, kritisiert Johannes Russom vom Verband der eritreischen Vereine. Die Polizei entgegnet, schon hĂ€ufig seien solche Veranstaltungen abgehalten worden, diese seien aber weitgehend friedlich verlaufen.

«Das sind keine Gegner der Regierung, das sind GewalttĂ€ter», sagt Russom ĂŒber die Angreifer. Wenn die gegen die eritreische Regierung kĂ€mpfen wollen, sollten sie dorthin hingehen. Man habe das legitime Recht, solche Veranstaltungen abzuhalten, sagt Russom. NĂ€chste Woche finde bereits das nĂ€chste Treffen statt, kĂŒndigt er an.

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