Angela Merkel begeistert im Bode-Museum – warum die Altkanzlerin so viele Fans bewegt
Veröffentlicht am: 04.10.2026 um 15:44 Uhr | dpa, AD HOC NEWSAngela Merkel hat bei einer Signierstunde zu ihrem Porträt im Berliner Bode-Museum erneut großen Andrang erlebt.
Lange Schlange vor dem Museum
Gemeinsam mit dem Maler Jérémie Queyras signierte die frühere Bundeskanzlerin am Sonntag Postkarten mit dem Motiv des Gemäldes. Die Schlange reichte bis vor den Museumseingang; insgesamt standen nach Angaben des Museums rund 450 Tickets zur Verfügung.
Etwa 300 Karten waren vorab buchbar und innerhalb weniger Stunden vergriffen. Einige Besucher erklärten, sie seien ausschließlich wegen der Ausstellung gekommen. Das Porträt wird wegen der hohen Nachfrage drei Monate länger gezeigt als zunächst geplant – bis zum 3. Januar.
Merkel bleibt öffentlich präsent
Rund fünf Jahre nach ihrem Abschied aus dem Amt ist Merkel wieder regelmäßig bei politischen und gesellschaftlichen Veranstaltungen präsent. Sie trat unter anderem beim CDU-Parteitag auf, nahm an einer Digitalmesse teil und warb bei Lesungen für ihre Autobiografie „Freiheit“.
Das 736 Seiten umfassende Buch verkaufte sich nach Angaben ihres Verlags weltweit mehr als eine Million Mal. Bei einer Lesung im Historisch-Technischen Museum PeenemĂĽnde sprach Merkel ĂĽber ihren politischen Weg, internationale Krisen, die Corona-Pandemie und die deutsche FlĂĽchtlingspolitik.
Appell an demokratische Parteien
Besonders starken Applaus erhielt sie für ihren Einsatz für die Demokratie. Auch ihr Appell an die Nachfolger fand Zustimmung: „Maß und Mitte, das ist Basis und Voraussetzung für den Erfolg demokratischer Parteien.“
Viele Besucher verbinden mit Merkel vor allem Ruhe, Verlässlichkeit und einen unaufgeregten Regierungsstil. Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte beschreibt ihre öffentliche Wirkung als ungewöhnlich wenig empörungsorientiert und leicht verständlich.
Schwieriger Vergleich mit Friedrich Merz
Der Zuspruch fällt in eine schwierige Lage für Bundeskanzler Friedrich Merz. Nach nur gut einem Jahr im Amt sind seine Zustimmungswerte niedrig; zugleich liegt die AfD in bundesweiten Umfragen vor der Union. Merz hatte einen politischen Aufbruch und eine stärker profilierte konservative Linie angekündigt.
In einer YouGov-Umfrage im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur hielten 48 Prozent der gut 2000 Befragten Merkel für besser geeignet als Merz, die aktuellen Probleme Deutschlands zu lösen. 29 Prozent sahen beide gleichauf, acht Prozent hielten Merkel für schlechter geeignet.
Politische Gegenwart verstärkt den Rückblick
Merkels anhaltende Resonanz fällt in eine Phase, in der viele Menschen politische Führung als konfliktreich und unübersichtlich erleben. Aktuelle Umfragen zeichnen ein belastetes Bild der schwarz-roten Bundesregierung: Die AfD liegt in einer Insa-Erhebung bei 30 Prozent, während CDU und CSU 18 Prozent erreichen. Zugleich sind 79 Prozent mit der Arbeit von Kanzler Friedrich Merz unzufrieden.
Diese Werte erklären die Nostalgie jedoch nicht allein. Merkel steht für 16 Jahre Regierungserfahrung, einen zurückhaltenden Auftritt und die Fähigkeit, Krisen öffentlich als beherrschbar darzustellen. Ihre Bilanz bleibt zugleich ambivalent: Entscheidungen zur Flüchtlingspolitik, zur Energieversorgung und zum Umgang mit Russland werden weiterhin unterschiedlich bewertet. Der gegenwärtige Zuspruch ist daher eher eine Erinnerung an Stil und wahrgenommene Stabilität als eine eindeutige Zustimmung zu jeder früheren Entscheidung.
Bedeutung fĂĽr Union und Publikum
Für die Union entsteht daraus ein schwieriger Vergleich. Friedrich Merz hatte einen politischen Neubeginn versprochen, muss sich aber an einer Kanzlerin messen lassen, deren Amtszeit viele Bürger als vertrauten Referenzpunkt nutzen. Merkels Hinweis auf „Maß und Mitte“ zielt damit über ihre eigene Partei hinaus: In einer polarisierten Debatte wird moderater Ton selbst zum politischen Signal.
Für Besucher des Bode-Museums verbindet sich dieser Rückblick mit einem konkreten Kulturerlebnis. Die verlängerte Ausstellung läuft bis zum 3. Januar; die große Nachfrage nach der Signierstunde zeigt, dass Merkel derzeit nicht nur als ehemalige Regierungschefin, sondern auch als öffentliche Erinnerungsfigur präsent bleibt.
