Nationalsozialismus, Deutschland

Papiere der Vernichtung – Mit einer Überlebenden im Archiv

28.01.2026 - 04:45:05

AnlĂ€sslich des Holocaust-Gedenktages spricht sie als Überlebende von Auschwitz im Bundestag. Doch vorher besucht die 87-jĂ€hrige Tova Friedman in Berlin noch einen besonderen Ort.

  • Tova Friedman, die als Kind das Vernichtungslager Auschwitz ĂŒberlebte, ist auch heute - 81 Jahre nach der Befreiung des Lagers durch die Rote Armee - noch auf der Suche nach Gerechtigkeit. - Foto: Markus Lenhardt/dpa

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  • Tochter und Enkel Aron Goodman begleiten die Zeitzeugin Tova Friedman auf ihrer Berlin-Reise. - Foto: Markus Lenhardt/dpa

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  • FĂŒr normale Besucher sind nicht alle RĂ€ume des Bundesarchivs zugĂ€nglich. - Foto: Markus Lenhardt/dpa

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  • Jedes Jahr gedenkt der Bundestag anlĂ€sslich des Jahrestags der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz der Opfer des Nationalsozialismus. - Foto: Beata Zawrzel/AP/dpa

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Tova Friedman, die als Kind das Vernichtungslager Auschwitz ĂŒberlebte, ist auch heute - 81 Jahre nach der Befreiung des Lagers durch die Rote Armee - noch auf der Suche nach Gerechtigkeit. - Foto: Markus Lenhardt/dpaTochter und Enkel Aron Goodman begleiten die Zeitzeugin Tova Friedman auf ihrer Berlin-Reise. - Foto: Markus Lenhardt/dpaFĂŒr normale Besucher sind nicht alle RĂ€ume des Bundesarchivs zugĂ€nglich. - Foto: Markus Lenhardt/dpaJedes Jahr gedenkt der Bundestag anlĂ€sslich des Jahrestags der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz der Opfer des Nationalsozialismus. - Foto: Beata Zawrzel/AP/dpa

Auch heute noch, auf den Tag genau 81 Jahre nach ihrer Befreiung aus dem KZ, graust es Tova Friedman, wenn sie solche in kalter, deutscher BĂŒrokratensprache abgefassten Dokumente in den HĂ€nden hĂ€lt. Unterlagen, die Einblick gewĂ€hren in die organisierte Ermordung der Juden durch die Nazis. «So viele Papiere», sagt die 87-jĂ€hrige Holocaust-Überlebende, als sie der PrĂ€sident des Bundesarchivs, Michael Hollmann, durch die von nummerierten Kisten gesĂ€umten RĂ€ume seiner Behörde fĂŒhrt.

Ein Dokument, das beide an diesem kalten Januartag gemeinsam anschauen, ist ein als «geheim» eingestufter «Schnellbrief» aus dem Februar 1943 mit dem Betreff «Abbeförderung von Juden aus Theresienstadt». In dem Schreiben, das heute im Bundesarchiv lagert, wurde einst um eine Genehmigung gebeten, um «zunĂ€chst 5.000 ĂŒber 60 Jahre alte Juden» ins Vernichtungslager Auschwitz zu bringen.

Die US-Amerikanerin Tova Friedman wurde 1938 als Tola Grossman in Gdingen unweit von Danzig geboren. Die Nationalsozialisten deportierten sie als FĂŒnfjĂ€hrige in das deutsche Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau im besetzten Polen. Sie und ihre Mutter ĂŒberlebten Auschwitz. Ihr Vater wurde von Auschwitz in das KZ Dachau verschleppt und ĂŒberlebte ebenfalls. In Berlin kamen die drei nach dem Krieg in einem Übergangslager wieder zusammen, bevor die Familie spĂ€ter in die USA auswanderte.

Auf der Suche nach Gerechtigkeit

Ein Papier, das ihr Hollmann zeigt, beschĂ€ftigt die Zeitzeugin bei ihrem Besuch im Bundesarchiv besonders. Es ist die Personalkarteikarte eines SS-HauptscharfĂŒhrers, der ab September 1942 in der HĂ€ftlingsverwaltung des Konzentrationslagers Auschwitz beschĂ€ftigt war.

Daraus geht hervor, dass der Mann aus Ansbach in Mittelfranken im Juni 1932 als 20-JĂ€hriger in die Partei – gemeint ist die NSDAP – eintrat und ursprĂŒnglich Maler war. «Können Sie die Familien ausfindig machen und ihnen das zuschicken?», fragt die Besucherin. Sie selbst wĂ€re bereit, diese Menschen zu finden und sie in ihrem Zuhause aufzusuchen. Es sei doch wichtig, dass die Nachkommen dieses Mannes und auch die anderer Nazi-Verbrecher wĂŒssten, was ihre Vorfahren damals getan haben.

Zeugnis ablegen – in Kurzvideos bei Tiktok 

Tova Friedman ist nicht allein nach Deutschland gekommen. Bei ihrer dritten Reise durch das Land, das sie, wie sie selbst sagt, 75 Jahre lang gemieden hat, wird sie begleitet von ihrer Tochter und ihrem Enkel Aron Goodman. Er betreibt mit ihr zusammen einen Tiktok-Kanal, wo sie als Zeitzeugin in Kurzvideos von den Verbrechen des Nationalsozialismus berichtet.

Ein Erlebnis, von dem sie dort erzĂ€hlt, ist ihre Freude, als ihre Mutter ihr an ihrem sechsten Geburtstag als Geschenk ein StĂŒck Brot in die Kinderbaracke schickte. Noch heute, wenn sie daran zurĂŒckdenkt, ist sie erstaunt, dass der Kanten Brot, der durch die HĂ€nde mehrerer hungriger KZ-Insassen gegangen sein musste, ĂŒberhaupt bei ihr ankam.

Ihr Enkel sagt, gerade in einer Zeit, in der die Verbreitung falscher Nachrichten und manipulierter Bilder durch KI stark zugenommen habe, sei der Beitrag der Zeitzeugen sehr wichtig. Auf den langen Wegen durch die GĂ€nge und Galerien des Bundesarchivs hĂ€lt er die Hand seiner Großmutter. Die lacht gerne und sieht mit ihrer bestickten Jacke und den modischen Stiefeln aus wie eine Frau, die auch im hohen Alter noch intensiv teilnimmt an dem, was gesellschaftlich und politisch um sie herum geschieht.

Dokumente lagern in ehemaliger SS-Kaserne

Das GebĂ€ude in Berlin-Lichterfelde, in dem die aus den USA angereiste Zeitzeugin empfangen wird, hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Die einstige Preußische Kadettenanstalt wurde 1933 zur Kaserne der Leibstandarte SS Adolf Hitler. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 zogen hier US-Besatzungssoldaten ein. Heute befindet sich auf dem GelĂ€nde einer der wichtigsten Standorte des Bundesarchivs, das seinen Hauptsitz in Koblenz hat.

Die Leitung des Vernichtungslagers Auschwitz habe kurz vor Kriegsende versucht, noch möglichst viele Papiere zu vernichten, damit sie den nĂ€her rĂŒckenden russischen Soldaten nicht in die HĂ€nde fallen, erklĂ€rt der PrĂ€sident des Bundesarchivs seinem Gast. Er zeigt ihr ein Dokument, aus dem hervorgeht, was wenige Tage vor der Befreiung des Lagers durch die Rote Armee auf Lastwagen verladen und abtransportiert wurde: «Die wichtigsten Unterlagen, BĂŒromaschinen usw. der Außendienststelle Auschwitz.»

Gedenkrede im Bundestag

Der Bundestag hat Tova Friedman eingeladen, in seiner traditionellen Gedenkstunde an die Opfer des Nationalsozialismus eine Rede zu halten. Nervös ist sie nicht vor dem Termin. Schließlich ist sie inzwischen daran gewöhnt, Zeugnis abzulegen.

@ dpa.de