Sylter Bar rechtfertigt sich nach Rassismus-Eklat
25.05.2024 - 08:17:51Die rassistischen GesĂ€nge junger PartygĂ€ste auf Sylt alarmieren die Politik und schĂŒren Sorgen vor einem Rechtsruck hierzulande und SchĂ€den fĂŒr die Demokratie. Vizekanzler Robert Habeck (GrĂŒne): «Wer so rumpöbelt, ausgrenzt und faschistische Parolen schreit, greift an, was unser Land zusammenhĂ€lt.» Die bekannte Bar Pony im Inselort Kampen teilte mit, man habe Strafanzeige gestellt. Der Staatsschutz ermittelt wegen Volksverhetzung und des Verwendens verfassungswidriger Kennzeichen.
Auf dem kurzen Video, das am Donnerstag viral gegangen war und zu Pfingsten entstanden sein soll, ist zu sehen und zu hören, wie junge Menschen zur Melodie des mehr als 20 Jahre alten Party-Hits «Lâamour toujours» von Gigi D'Agostino rassistische Parolen grölen. Scheinbar völlig ungeniert und ausgelassen singen sie «Deutschland den Deutschen - AuslĂ€nder raus!». Ein Mann macht eine Geste, die an den HitlergruĂ denken lĂ€sst. Von den Umstehenden scheint sich niemand daran zu stören.
FĂŒr einige Beteiligte hatte das Gegröle ein schnelles Nachspiel: Die Werbeagentur-Gruppe Serviceplan Group erklĂ€rte, sie habe einen beteiligten Mitarbeiter fristlos entlassen. Auch die Hamburger Influencerin Milena Karl entlieĂ nach eigenen Angaben eine Mitarbeiterin, die dabei war. «Ich bin selbst Migrantin und als werdende Mutter steht alles, was in diesem Video zu sehen ist, fĂŒr eine Gesellschaft, in der ich mein Kind nicht groĂziehen möchte.»
Lokalbetreiber stellen Strafanzeige
Die Betreiber des Lokals schrieben dazu auf Instagram: «HĂ€tte unser Personal zu irgendeinem Zeitpunkt ein solches Verhalten mitbekommen, hĂ€tten wir sofort reagiert. Wir hĂ€tten umgehend die Polizei verstĂ€ndigt und Strafanzeige gestellt. Das haben wir mittlerweile tun können.» Bei der Party waren mehrere Hundert GĂ€ste, wie GeschĂ€ftsfĂŒhrer Tim Becker im ZDF sagte.
DJ Gigi D'Agostino, dessen Song verhunzt wurde, stellte klar, dass sich dieser ausschlieĂlich um Liebe drehe. «In meinem Lied «L'amour toujours» geht es um ein wunderbares, groĂes und intensives GefĂŒhl, das die Menschen verbindet», teilte D'Agostino auf dpa-Anfrage mit. Zentral sei zudem die Freude ĂŒber die Schönheit des Zusammenseins.
Bundeskanzler Olaf Scholz bezeichnete die Parolen als «ekelig» und «nicht akzeptabel». Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) sagte den Zeitungen der Funke Mediengruppe: «Wer Nazi-Parolen wie «Deutschland den Deutschen - AuslĂ€nder raus» grölt, ist eine Schande fĂŒr Deutschland». Zudem Ă€uĂerte sich auch der CDU-Bundesvorsitzende Friedrich Merz: «Was geht eigentlich in den Köpfen dieser Leute vor, das ist doch auch mit Alkoholkonsum nicht mehr zu erklĂ€ren.»
Ăhnliche VorfĂ€lle in Bayern und Niedersachsen
Auch der Club Rotes Kliff im Nobelort Kampen berichtete von einem «Rassismus-Vorfall» zu Pfingsten. Die betroffenen Personen seien des Clubs verwiesen worden und hÀtten jetzt Hausverbot, schrieben die Betreiber am Freitag auf Instagram.
Doch Sylt ist kein Einzelfall. Schon in den vergangenen Monaten gab es immer wieder VorfÀlle, bei denen zu dem Lied Nazi-Parolen gerufen wurden - etwa in Bayern und Mecklenburg-Vorpommern. In der Oberpfalz ermittelte die Polizei nach einem möglichen Vorfall bei einem Faschingszug im Februar.
In Erlangen skandierten - wie auf Sylt - zwei MÀnner auf der Bergkirchweih rassistische Parolen zum Lied «L'amour toujours». Wie die Polizei am Samstag mitteilte, bekamen die VerdÀchtigen im Alter von 21 und 26 Jahren am Freitagabend ein Betretungsverbot - der Staatsschutz leitete Ermittlungen ein.
Schon am Freitag wurde bekannt, dass es ebenfalls an Pfingsten in Niedersachsen zu einem Ă€hnlichen Fall kam. Auch auf dem SchĂŒtzenfest im niedersĂ€chsischen Löningen westlich von Cloppenburg wurden rassistische Parolen gegrölt, auch zu «Lâamour toujours», auch dort ermittelt der Staatsschutz.
Polizei beendet Feier in Rheinland-Pfalz
Die Polizei hat nach Hinweisen auf möglicherweise verbotene Musik eine private Feier in dem rheinland-pfĂ€lzischen Moselort Kröv beendet. Es habe zudem Hinweise darauf gegeben, dass bei der Feier im Landkreis Bernkastel-Wittlich verfassungsfeindliche Parolen gerufen worden seien, teilte die Polizei mit. Die Polizei kontrollierte etwa 20 Personen und durchsuchte aufgrund eines richterlichen Beschlusses das durch die Gruppe angemietete Wohnhaus, wie es in einer spĂ€teren Mitteilung hieĂ.
Die Beamten seien zuvor wegen LĂ€rms zu dem Fest im Ortsteil Kövenig gerufen worden. Sie beendeten die Feier und stellten die IdentitĂ€t der Anwesenden fest. Um welche Art von Musik und Parolen es sich gehandelt haben könnte, war zunĂ€chst unklar. Die Polizei löste die Feier auf und die GĂ€ste traten anschlieĂend wieder ihre Heimreise an.
Die Polizei leitete mehrere Strafverfahren, unter anderem wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen, Volksverhetzung und VerstöĂen gegen das BetĂ€ubungsmittelgesetz ein.Â
Expertin sieht Normalisierung rechtsextremer Inhalte
Aus Sicht der Expertin Pia Lamberty zeigt das Sylt-Video eine Normalisierung rechtsextremer Inhalte in der Gesellschaft. «Ohne dass es irgendeine Form von Widerspruch gibt, werden die sozialen Normen einfach gebrochen», sagte die Co-GeschĂ€ftsfĂŒhrerin des Centers fĂŒr Monitoring, Analyse und Strategie (Cemas), das Radikalisierungstendenzen und VerschwörungserzĂ€hlungen im Netz untersucht. «Menschen können ohne Scheu in der Ăffentlichkeit extreme Parolen Ă€uĂern.» Der Song «L'amour toujours» sei mittlerweile immer mehr mit den rassistischen Parolen verknĂŒpft, sagte Lamberty. «Das macht ja auch was im Gehirn.» So schafften Rechtsextreme eine Akzeptanz solcher Parolen in der breiten Gesellschaft.
FĂŒr die Cemas-Expertin verdeutlicht der Fall: «Rechtsextremismus ist nicht nur ein Problem, das man in Ostdeutschland sieht oder bei Menschen, die ein geringeres Einkommen haben, sondern auch bei höheren Schichten.» Das Bedrohliche fĂŒr Betroffene sei vor allem die strukturelle Macht, die diese Personen potenziell einmal ausĂŒben könnten. Das Video zeige: «Rassismus geht auch von Menschen aus, die an UniversitĂ€ten studiert haben oder in Managementpositionen stehen.» Rechtsextremismus und rassistische Einstellungen seien etwas, was man in der gesamten Gesellschaft finde.
Antisemitismusbeauftragter schockiert
Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung ist schockiert ĂŒber die rassistischen GesĂ€nge junger PartygĂ€ste einer Bar auf Sylt. «Die Aufnahmen von der gegrölten rassistischen Umtextung eines bekannten Liedes auf Sylt schockieren mich», sagte Felix Klein dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.
«Nicht etwa, weil mich die Existenz solch menschenfeindlicher Ideologie ĂŒberrascht, sondern weil sie ganz offensichtlich Teil der Popkultur und in einem Milieu salonfĂ€hig geworden ist, dem klar sein mĂŒsste, dass AuslĂ€nder maĂgeblich zu unserem Wohlstand beitragen.» Der Vorfall sei fĂŒr ihn Beleg fĂŒr das Vordringen menschenfeindlicher Ideologie in die Gesellschaft.Â
Klein fĂŒgte hinzu: «Wer in klassischer Nazi-Manier "Deutschland den Deutschen" fordert, schlieĂt damit alle angeblich "nicht-deutschen" Gruppen aus, die vermeintlich weniger wert sind, darunter Menschen mit Migrationshintergrund, Sinti und Roma, aber auch JĂŒdinnen und Juden. Ich bin froh, dass derartiges Verhalten nicht ungeahndet bleibt.»


