Spezialkliniken, Karl Lauterbach

Weniger TodesfÀlle bei Behandlungen nur in Spezialkliniken

22.06.2023 - 12:26:37

Bei komplizierten Eingriffen und bedrohlichen FĂ€llen sind Patienten und Patientinnen auf eine möglichst gute Versorgung im Krankenhaus angewiesen - aber ist das nĂ€chstgelegene dafĂŒr auch das beste?

Tausende TodesfĂ€lle wegen SchlaganfĂ€llen und Krebs könnten laut einer Analyse vermeidbar sein, wenn die komplexen Behandlungen dafĂŒr nur in spezialisierten Kliniken gemacht werden. Eine Konzentration mit Mindestvoraussetzungen bei der QualitĂ€t biete «erhebliche Potenziale» fĂŒr bessere Ergebnisse, heißt es in einem am Donnerstag vorgelegten Bericht einer Regierungskommission, die das Bundesgesundheitsministerium berĂ€t.

Wegen der hohen Krankenhausdichte seien auch «keine wesentlichen EinschrĂ€nkungen» der Erreichbarkeit in Kauf zu nehmen. Minister Karl Lauterbach (SPD) warb fĂŒr eine Reform, die auf mehr Spezialisierung zielt. Von den Kliniken kam Kritik.

Kern der Krankenhausreform

«QualitĂ€t rettet Leben», sagte Lauterbach in Berlin. Die Ergebnisse der Analyse bestĂ€tigten damit den Kern der vorgesehenen Krankenhausreform. «Wir brauchen eine gute und schnell erreichbare Grundversorgung. Aber nicht jedes Haus muss auch jede medizinische Behandlung anbieten.» Komplizierte Eingriffe sollten ausschließlich in spezialisierten Kliniken durch sehr gut qualifizierte Mediziner vorgenommen werden. Im Gegenzug mĂŒssten die Kliniken gut bezahlt werden. Die Reform könne so zehntausende Leben pro Jahr retten, besonders bei der Versorgung von Krebs- und Herz-Kreislauf-Patienten.

Konkret gebe es das Potenzial, bei elf untersuchten Krebsarten jĂ€hrlich mehr als 20.000 Lebensjahre zu retten, wenn alle Patienten in zertifizierten Krebszentren behandelt wĂŒrden, heißt es in dem Kommissionsbericht. Bisher wĂŒrden je nach Krebsart zwischen 35 und 84 Prozent der Patientinnen und Patienten in Zentren mit besonders viel Erfahrung behandelt. WĂ€ren nur noch diese zur Krebsbehandlung zugelassen, wĂŒrde bei Darm-, Brust- und Prostatakrebs die mittlere Erreichbarkeit unter oder um 20 Minuten liegen. Das wĂ€re «unverĂ€ndert exzellent» im Vergleich zu europĂ€ischen NachbarlĂ€ndern, heißt es in der Analyse, ĂŒber die zunĂ€chst die «SĂŒddeutsche Zeitung» berichtete.

Bei SchlaganfĂ€llen besteht demnach das Potenzial, dass jĂ€hrlich knapp 5000 Menschen mehr im ersten Jahr nach einem Schlaganfall ĂŒberleben können - wenn alle Patienten in Kliniken mit Spezialabteilungen fĂŒr eine schnelle Versorgung (Stroke Unit) kĂ€men. Im Jahr 2021 gab es bundesweit 328 Standorte mit Spezialstationen, aber auch 1049 andere Kliniken behandelten SchlaganfĂ€lle. Dabei ist anders als bei Krebs eine schnelle Erreichbarkeit wichtig, wie die Experten erlĂ€utern. Bezogen auf alle 1377 Schlaganfall-Standorte lag die Anfahrtszeit nun im Schnitt bei 21,6 Minuten - bei einer Konzentration nur auf die 328 Spezialstandorte wĂŒrde sie sich auf 23,4 Minuten verlĂ€ngern.

AbgeschĂ€tzt wurden auch die wahrscheinlichen Erfolgsaussichten beim Einsatz kĂŒnstlicher Gelenke. WĂŒrden nur Spezialkliniken HĂŒften ersetzen, könnten demnach pro Jahr 397 erneute Operationen unnötig werden. Die Berechnungen beruhen den Angaben zufolge auf Daten der gesetzlichen Krankenkassen, QualitĂ€tsberichten der KrankenhĂ€user, medizinischen Registern und Fachgesellschaften. Auch Analysen der Kassen zeigten schon Vorteile von Spezialisierungen.

Der Leiter der Expertenkommission, Tom Bschor, erlĂ€uterte, dass im jetzigen System Patienten mit Schlaganfall und Krebs «frĂŒher sterben als nötig, weil zu viele KrankenhĂ€user diese Behandlungen durchfĂŒhren». Deutschland habe mit seiner «einzigartig hohe Dichte an KrankenhĂ€usern» ideale Voraussetzungen, auch mit einer Konzentration auf erfahrene Kliniken engmaschig exzellente Versorgung anzubieten.

Lauterbach strebt ĂŒber den Sommer konkretere VorschlĂ€ge fĂŒr die Reform an. Die auch auf Empfehlungen der Kommission zurĂŒckgehenden GesetzesplĂ€ne sehen bundeseinheitliche QualitĂ€tskriterien und genauer definierte Leistungsbereiche der KrankenhĂ€user mit entsprechender Finanzierung vor. Zudem soll das VergĂŒtungssystem mit Pauschalen fĂŒr BehandlungsfĂ€lle geĂ€ndert werden, um den Finanzdruck zu verringern.

Kritik von der Deutschen Krankenhausgesellschaft

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft kritisierte die Berechnungen scharf. Die «bestellte» und «wissenschaftlich zweifelhafte» Analyse auf Basis von Kassen-Abrechnungsdaten verunsichere die Bevölkerung. Bei Ă€lteren Patienten wĂŒrden SchlaganfĂ€lle oft nicht frĂŒh als solche erkannt. Leider hĂ€tten gerade diese Patienten dann eine schlechtere Prognose und eine höhere Sterblichkeit. Daraus einen Zusammenhang zur BehandlungsqualitĂ€t der KrankenhĂ€user zu ziehen, sei «völlig absurd».

Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) nannte die Studie einseitig. Er fĂŒrchte, dass sie als Vorwand genutzt werde, kleinere KrankenhĂ€user ĂŒber einen Kamm zu scheren, um sie im Leistungsspektrum zu beschneiden oder zur Schließung zu veranlassen. Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, sagte, hinter der Statistik versteckten sich viele Einzelschicksale. Die Zahlen ließen Menschen zweifeln, ob Ort und Behandlung fĂŒr den Verlauf einer Krankheit und einer Lebenskrise ursĂ€chlich gewesen seien. Es mĂŒsse schon heute gesichert sein, dass leitliniengerecht behandelt werde.

Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherungen erklĂ€rte: «Schlechte Gelegenheitsversorgung hilft niemandem, sondern kann das Leben kranker Menschen noch gefĂ€hrden.» Daher seien bundesweite QualitĂ€tsvorgaben der richtige Weg, um mehr spezialisierte Kliniken in die Versorgung zu bekommen. Der Sozialverband VdK teilte mit, fĂŒr NotfĂ€lle, Geburten und einfache Operationen mĂŒsse es weiter ein schnell erreichbares Krankenhaus geben. FĂŒr planbare und komplizierte Eingriffe sei ein spezialisiertes Krankenhaus aber besser. «Die nĂ€chst gelegene Klinik sollte dann nur die zweite Wahl sein.»

@ dpa.de