Berlin-Wahl: Linke weist Prosors Warnung vor Gefahr für jüdisches Leben zurück
Veröffentlicht am: 22.09.2026 um 12:26 Uhr | dpa, AD HOC NEWSDie Berliner Linke weist die Vorwürfe des israelischen Botschafters Ron Prosor zurück, wonach der Wahlsieg der Partei eine unmittelbare Existenzgefahr für die jüdische Gemeinschaft in der Hauptstadt bedeute.
Wolter weist Vorwürfe zurück
„Ich weise den Vorwurf eines völlig enthemmten und systematischen Antisemitismus in unserer Partei, wie ihn Botschafter Prosor erhoben hat, in aller gebotenen Höflichkeit und Deutlichkeit zurück“, sagte Landesparteichefin Kerstin Wolter der Deutschen Presse-Agentur.
Das Existenzrecht Israels und der Schutz jüdischen Lebens seien klare Beschlusslage der Linken. „Und genau dafür werden wir uns einsetzen“, sagte Wolter.
Linke betont Schutz jüdischen Lebens
Die Partei stehe unmissverständlich an der Seite jüdischen Lebens in Berlin, das sicher, sichtbar und selbstbestimmt gelebt werden müsse, sagte Wolter. Zugleich stehe sie an der Seite arabischen, muslimischen und palästinensischen Lebens in der Hauptstadt.
Die Linke kritisiere die gegenwärtige israelische Regierungspolitik klar, sagte Wolter weiter. Diese Kritik gehöre zu einer Demokratie. Es sei jedoch unlauter, sie pauschal als Antisemitismus zu diffamieren.
Prosor spricht von Existenzgefahr
Wolter betonte zugleich, die Linke lehne jede Form von Terrorverherrlichung und Gewaltaufrufen eindeutig ab. Ziel sei ein Berlin frei von Antisemitismus, Rassismus und jeder Form von Gewalt.
Prosor sieht nach dem Wahlsieg der Partei in Berlin eine „unmittelbare Existenzgefahr“ für die jüdische Gemeinschaft. Das starke Abschneiden der Linken müsse jeden beunruhigen, dem das Fortbestehen jüdischen Lebens in dieser Stadt am Herzen liege, sagte er der dpa.
Kritik an Positionen zum Nahostkonflikt
Prosor sprach von „systematischem Israel- und Judenhass“ bei der Linken. Der „völlig enthemmte Antisemitismus“ bekomme mit dem Aufstieg der Partei zur stärksten Kraft eine neue politische Dimension.
Für die jüdische Gemeinschaft in Berlin werde damit aus einer theoretischen Bedrohung eine konkrete und unmittelbare Existenzgefahr, sagte der Botschafter. Die Berliner Linke oder zumindest Teile der Partei stehen wegen ihrer Positionen zum Nahostkonflikt und zum Antisemitismus immer wieder in der Kritik.
Wahlsieg verschärft politische Prüfung
Die Berliner Linke hat bei der Abgeordnetenhauswahl 25,7 Prozent erreicht und ihr Ergebnis gegenüber 2023 mehr als verdoppelt. CDU und SPD verloren deutlich; die bisherige Regierungsmehrheit ist damit beendet. Rechnerisch kommen vor allem Dreierbündnisse unter Beteiligung der Linken oder der CDU infrage.
Der Streit über Antisemitismus ist deshalb nicht nur eine innerparteiliche Debatte, sondern berührt unmittelbar die Bildung der nächsten Landesregierung. Grüne und SPD knüpfen eine mögliche Zusammenarbeit an eine klare Haltung gegen Antisemitismus und an Konsequenzen gegenüber problematischen Parteistrukturen. Zugleich weist die Linke den Vorwurf eines systematischen Antisemitismus zurück und verweist auf ihre Beschlusslage zum Existenzrecht Israels und zum Schutz jüdischen Lebens.
Konflikt über Nahostpolitik und Parteiverantwortung
Im Wahlkampf hatten umstrittene israelfeindliche Äußerungen und ein Auftritt mit Gewaltbezügen die Berliner Linke unter Druck gesetzt. Die politische Kernfrage lautet nun, ob die Parteiführung Distanzierungen in verbindliche innerparteiliche Maßnahmen übersetzt. Für jüdische Berlinerinnen und Berliner geht es dabei um den Schutz vor Bedrohungen und Ausgrenzung; für mögliche Koalitionspartner um die Glaubwürdigkeit gemeinsamer Sicherheits- und Integrationspolitik.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
Tagesspiegel: „Nach der Wahl in Berlin: Dobrindt: Berliner Linke duldet Antisemiten in ihrem Umfeld“ (21.09.2026)
Der Bericht hebt hervor, Bundesinnenminister Alexander Dobrindt habe von möglichen Koalitionspartnern Konsequenzen aus antisemitischen Äußerungen und der Unterstützung von Extremismus verlangt. Anders als die dpa-Meldung, die die Reaktion der Berliner Linken auf Prosors Vorwürfe in den Mittelpunkt stelle, richte der Artikel den Schwerpunkt auf die Folgen für mögliche Regierungsbündnisse.
n-tv: „Ramelow äußert "null Verständnis" für Kritik des Zentralrats der Juden“ (21.09.2026)
Das Medium schreibe, Bodo Ramelow habe die Kritik des Zentralrats der Juden zurückgewiesen und zugleich auf einen Fünf-Punkte-Plan der Linken gegen Antisemitismus verwiesen. Der Artikel bestätige damit die politische Kontroverse nach dem Wahlsieg, setze den Schwerpunkt jedoch auf die Rückendeckung aus der Bundespartei und die Forderungen des Zentralrats.
Beide Berichte stellten die Auseinandersetzung über Antisemitismus als Belastungsprobe für die Linke und mögliche Koalitionsgespräche dar; offen bleibe, welche konkreten innerparteilichen Konsequenzen folgen und ob SPD und Grüne eine Regierungsbeteiligung der Linken akzeptierten.
