Lauterbachs 'Revolution' fĂŒr die Kliniken auf dem Weg
15.05.2024 - 16:19:32(neu: Durchgehend aktualisiert nach Kabinettsbeschluss und Pk.)
BERLIN (dpa-AFX) - Weniger Finanzdruck, mehr Spezialisierung bei gröĂeren Operationen: FĂŒr die KrankenhĂ€user in Deutschland kommt ein groĂer Umbau in Sicht. Das Kabinett brachte am Mittwoch GesetzesplĂ€ne von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach auf den Weg, die die Milliarden-Finanzierung neu ausrichten und einheitliche QualitĂ€tsregeln verankern sollen. So könnten "Zehntausende Menschenleben gerettet werden", wenn planbare Eingriffe in besonders geeigneten Standorten stattfinden, sagte der SPD-Politiker. Von Klinikbranche, LĂ€ndern und Opposition kam Kritik, die Krankenkassen warnten vor einer Kostenlawine.
Lauterbach sagte in Berlin, dass es um eine "Revolution" gehe - und auch eine Notbremse: Ohne StrukturĂ€nderungen drohten Klinik-Insolvenzen, schlechte Behandlung und weite Wege. Die Reform solle in einer alternden Gesellschaft gute stationĂ€re Versorgung fĂŒr alle gewĂ€hrleisten. Dabei mĂŒsse man klar sagen, dass es zu viele Kliniken gebe. "Deutschland hat nicht den medizinischen Bedarf, nicht das Ă€rztliche Personal und auch nicht das pflegerische Personal fĂŒr 1700 KrankenhĂ€user." Das groĂe Ziel sei daher, dass QualitĂ€t zĂ€hle und die HĂ€user, die man wirklich benötige, eine auskömmliche wirtschaftliche Basis hĂ€tten.
Steuern sollen den Wandel die fĂŒr die Krankenhausplanung zustĂ€ndigen LĂ€nder. Sie könnten etwa sagen, ob es in einer Region zwei oder vier Standorte fĂŒr WirbelsĂ€ulenchirurgie gebe, erlĂ€uterte Lauterbach. Und: "Das Geld folgt den WĂŒnschen der LĂ€nder." Die FDP-Expertin Christine Aschenberg-Dugnus sagte, kĂŒnftig gelte QualitĂ€t statt QuantitĂ€t. "Das heiĂt weg vom Hamsterrad." GrĂŒnen-Fachpolitiker Janosch Dahmen sagte, es gebe inzwischen eine Arbeitsverdichtung, die das Gesundheitspersonal selbst krank mache.
Konkret sieht der Entwurf, der nun in den Bundestag kommt, mehrere Stellschrauben vor:
Neue VergĂŒtung: Grundlegend geĂ€ndert werden soll das vor 20 Jahren eingefĂŒhrte System mit Pauschalen pro Behandlungsfall. Das soll KrankenhĂ€user von Druck zu immer mehr FĂ€llen und teils auch zu Eingriffen befreien, fĂŒr die sie keine groĂe Expertise haben. KĂŒnftig soll es einen festen Sockel von 60 Prozent der VergĂŒtung allein dafĂŒr geben, dass Kliniken eine Grundausstattung mit Personal und GerĂ€ten fĂŒr bestimmte Leistungen vorhalten, unabhĂ€ngig von der Zahl der FĂ€lle. Extra-ZuschlĂ€ge geben soll es fĂŒr Kinderheilkunde, Geburtshilfe, Intensiv- und Unfallmedizin, spezielle Schlaganfall-Stationen und Notfallversorgung.
Die Steuerung: Die neue Fix-VergĂŒtung soll eine Klinik fĂŒr "Leistungsgruppen" bekommen, die ihr das Land zuweist. Sie bilden medizinische Leistungen ab, und zwar prĂ€ziser gefasst als grob benannte Fachabteilungen. Ausgangspunkt sollen 65 Gruppen sein, die maĂgeblich auf ein Modell aus Nordrhein-Westfalen zurĂŒckgehen - etwa "OPs an der WirbelsĂ€ule" oder "LeukĂ€mie". Mit definiert werden jeweils einheitliche QualitĂ€tsvorgaben zu Fachpersonal und Ausstattung. Lauterbach machte klar, dass dabei keine Abstriche infrage kĂ€men. Denn dies soll bewirken, dass etwa Krebsbehandlungen in Kliniken mit Spezialkenntnissen laufen.
Kleine Kliniken: Die VorhaltevergĂŒtung soll auch eine Existenzsicherung fĂŒr kleinere HĂ€user gerade in lĂ€ndlichen Regionen schaffen. "Diese KrankenhĂ€user werden durch die Reform geschĂŒtzt", sagte Lauterbach. Die LĂ€nder sollen Standorte auch zu "sektorenĂŒbergreifenden Versorgungseinrichtungen" bestimmen können, die "wohnortnah" stationĂ€re Behandlung mit ambulanten und pflegerischen Leistungen verbinden, wie es im Entwurf heiĂt. Generell sollen die QualitĂ€tskriterien auch in Kooperationen und VerbĂŒnden erfĂŒllt werden können. Um eine schnelle Erreichbarkeit zu sichern, sollen laut Ministerium Ausnahmen befristet möglich sein.
Finanzspritzen: Angesichts von Finanznöten vieler Kliniken sollen die Lohnkosten fĂŒr alle BeschĂ€ftigten schon von diesem Jahr an nicht mehr nur zur HĂ€lfte, sondern voll von den gesetzlichen Krankenkassen finanziert werden. Um den Wandel zu den neuen Strukturen zu unterstĂŒtzen, soll auĂerdem ein "Transformationsfonds" kommen, aus dem von 2026 bis 2035 bis zu 25 Milliarden Euro aus Mitteln der gesetzlichen Kassen flieĂen könnten ? sofern sich LĂ€nder jeweils in gleicher Höhe an der Finanzierung beteiligen.
Kosten: Die gesetzlichen Kassen begrĂŒĂten eine Steigerung der BehandlungsqualitĂ€t. Mit ihren FinanzierungsplĂ€nen trete die Regierung in einer ohnehin angespannten Finanzlage aber "eine Kostenlawine" los, warnte der Spitzenverband. Der Sozialverband Deutschland kritisierte: "Es kann nicht sein, dass die gesetzlich Versicherten allein zur Kasse gebeten werden." Im Entwurf weist das Ministerium auf "Effizienzgewinne und Minderausgaben" durch eine stĂ€rker koordinierte, hochwertigere Versorgung hin. Die Ausgaben fĂŒr Kliniken stiegen zuletzt schon auf 94 Milliarden Euro. Das war ein Drittel aller Leistungsausgaben.
Der Zeitplan: Der Anlauf zur Reform begann am Nikolaustag 2022, als eine Kommission ein Konzept empfahl. Lauterbach peilt die erste Lesung im Bundestag vor der Sommerpause an. In Kraft treten soll das Gesetz dann zum 1. Januar 2025. Wie reibungslos der Prozess lĂ€uft, muss sich zeigen. Die Ampel-Koalition steht in der Frage zusammen, mit den LĂ€ndern köchelt aber weiter Streit. Dabei hat Lauterbach das Gesetz nicht mehr so angelegt, dass es im Bundesrat zustimmungsbedĂŒrftig ist. Umgesetzt werden soll die neue Struktur spĂ€ter Schritt fĂŒr Schritt. So soll die neue VorhaltevergĂŒtung ab 2027 "budgetwirksam" werden.
Reaktionen: Die Deutsche Krankenhausgesellschaft protestierte, "im Blindflug" in ein neues Finanzierungssystem zu starten, sei ein unverantwortliches Vabanquespiel. Die Vorsitzende der Gesundheitsminister, Kerstin von der Decken (CDU) aus Schleswig-Holstein, pochte auf BerĂŒcksichtigung einhelliger LĂ€nder-Forderungen etwa zu mehr Kooperationsmöglichkeiten fĂŒr Kliniken. Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, mahnte im Sender "Phoenix" Erreichbarkeiten in maximal 30 Minuten an. Unions-Experte Tino Sorge (CDU) monierte einen Umbau im Alleingang auf Kosten von LĂ€ndern und Versicherten. Das BĂŒndnis Sahra Wagenknecht forderte "ein SchlieĂungsmoratorium fĂŒr KrankenhĂ€user".

