GebÀude, Klimaplan

GebÀude-Klimaplan 2045 vom Scheitern bedroht

28.05.2023 - 07:47:15

Bis 2045 soll Deutschland klimaneutral werden. Eine große Rolle spielen dabei unsere WohnhĂ€user. Wegen des immensen Personal- und Kapitalbedarfs könnte es hier mit dem Erreichen der Ziele eng werden.

FĂŒr das von der Bundesregierung ausgegebene Ziel klimaneutraler GebĂ€ude bis 2045 wĂ€ren nach EinschĂ€tzung von Fachleuten eine sechsstellige Zahl neuer FachkrĂ€fte und zusĂ€tzliches Kapital in dreistelliger Milliarden- bis Billionenhöhe notwendig.

Der Zentralverband des deutschen Baugewerbes (ZDB) geht davon aus, dass die Branche 150.000 bis 200.000 zusĂ€tzliche ArbeitskrĂ€fte einstellen mĂŒsste. Das sagte ZDB-HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer Felix Pakleppa der Deutschen Presse-Agentur.

Den Personalbedarf hat auch das Bundeswirtschaftsministerium ermitteln lassen, in dem im MĂ€rz veröffentlichten Gutachten ist von 215.000 zusĂ€tzlichen ArbeitsplĂ€tzen die Rede, die zur energetischen Modernisierung im Bauhandwerk entstehen könnten. «Nur so kann die erforderliche Erhöhung der Sanierungsquote bewerkstelligt werden», heißt es in dem «Hintergrundpapier GebĂ€udestrategie KlimaneutralitĂ€t 2045».

Die FederfĂŒhrung hatte das Prognos-Institut, beteiligt waren unter anderem das Freiburger Öko-Institut und die bundeseigene Deutsche Energie-Agentur. Der erhöhte Personalbedarf ergibt sich daraus, dass die derzeitige «Sanierungsquote» von geschĂ€tzt etwa einem Prozent des Wohnungsbestands pro Jahr sich nach ĂŒbereinstimmenden Berechnungen verschiedener Fachleute nahezu verdoppeln mĂŒsste, auf 1,8 oder 1,9 Prozent im Jahr.

Material- und FachkrÀftemangel

Wo und wie eine sechsstellige Zahl neuer Handwerker und Bauarbeiter rekrutiert werden soll, ist unklar. «Aktuell schaffen wir gerade einmal eine Sanierungsrate von einem Prozent pro Jahr», sagt Axel Gedaschko, der PrÀsident des Bundesverbands deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW). «Und schon jetzt herrscht ein massiver Material- und FachkrÀftemangel.»

Insgesamt gibt es in Deutschland laut Statistischem Bundesamt ĂŒber 43 Millionen Wohnungen. Die ĂŒblicherweise geschĂ€tzte Sanierungsrate von einem Prozent entsprĂ€che also einer Zahl von ĂŒber 430.000 modernisierten Wohnungen pro Jahr. FĂŒr eine annĂ€hernde Verdopplung mĂŒsste also alljĂ€hrlich eine fast ebenso hohe Zahl von Wohnungen zusĂ€tzlich saniert werden.

Doch eine große Einstellungswelle im Bauhandwerk ist nicht in Sicht. Stattdessen bringt der derzeitige Einbruch des Wohnungsbaus die Branche in Schwierigkeiten. «Wir sehen eindeutig, dass das Baugewerbe per saldo Stellen abbauen wird in Bayern», sagt Manfred GĂ¶ĂŸl, der HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer des Bayerischen Industrie- und Handelskammertags. «Es gibt keinerlei Anzeichen, dass wir von den Ă€ußeren Rahmenbedingungen einen Schub bekommen.» GĂ¶ĂŸl bezieht sich auf den Freistaat, doch andernorts steht das Baugewerbe auch nicht besser da.

Auch Kapititalbedarf schießt in die Höhe

Eine sofortige Verdopplung (der Sanierungsquote) sei «schlicht nicht umsetzbar», sagt GdW-PrĂ€sident Gedaschko. «Etwas zu beschließen, heißt eben noch lange nicht, dass es in der Praxis auch funktioniert.»

Was den zusÀtzlichen Kapitalbedarf betrifft, so gehen die Berechnungen auseinander, doch handelt es sich in jedem Fall um schwindelerregende BetrÀge. Im Hintergrundpapier des Bundeswirtschaftsministeriums ist von 448 Milliarden Euro Mehrinvestitionen bis 2045 die Rede.

Die in Kiel ansĂ€ssige Arbeitsgemeinschaft fĂŒr zeitgemĂ€ĂŸes Bauen kam im vergangenen Jahr auf eine wesentlich höhere Summe. «Bei den Kosten wird einem allerdings ein bisschen schwindlig», sagt ZDB-HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer Pakleppa dazu. Bislang gaben HauseigentĂŒmer und Wohnungsunternehmen demnach etwa 50 Milliarden pro Jahr fĂŒr energetische Modernisierungen aus.

Auf Basis des Standards EH 115 - des bisherigen Altbaustandards - wĂ€ren laut Arge Kiel 110 Milliarden Euro pro Jahr notwendig, sagt Pakleppa. «Wenn man auf den vom Bundeswirtschaftsministerium geforderten Standard EH 55 gehen will, brauchen wir 165 Milliarden im Jahr. Das heißt, bis 2045 wĂ€ren das 3,4 oder 3,5 Billionen, da will ich mit dem Komma großzĂŒgig sein.»

Pakleppa betont, dass er das Ziel KlimaneutralitĂ€t 2045 dennoch fĂŒr erreichbar hĂ€lt - vorausgesetzt, dass die Rahmenbedingungen inklusive staatlicher Förderung stimmen.

Enger «Lösungskorridor»

Auch die vom Bundeswirtschaftsministerium beauftragten Gutachter gehen davon aus, dass ein klimaneutraler GebĂ€udebestand bis 2045 machbar ist, doch der «Lösungskorridor» sei «sehr eng». LĂ€uft nicht alles wie geschmiert, wird der Plan demnach scheitern: «Abweichungen in einzelnen Handlungsfeldern können kaum kompensiert werden und fĂŒhren zur Zielverfehlung 2045», heißt es in dem Papier.

Doch sind sich quasi alle Experten einig, dass es derzeit keineswegs optimal lĂ€uft, und dass abgesehen von den fehlenden FachkrĂ€ften insbesondere erheblich höhere staatliche ZuschĂŒsse notwendig wĂ€ren. «Allein um die Auflagen des GebĂ€udeenergiegesetzes zu erfĂŒllen, mĂŒsste in den nĂ€chsten 20 Jahren ein Betrag von rund 61 Milliarden Euro in den BestĂ€nden der im GdW organisierten Wohnungsunternehmen investiert werden», sagt dessen PrĂ€sident Gedaschko.

«Der Gesetzentwurf sieht aktuell nur eine Förderung von EigentĂŒmern vor. Es ist bislang völlig offen, wie Mieter und Vermieter unterstĂŒtzt werden sollen.»

Die Unternehmen verfĂŒgten nicht ĂŒber das Eigenkapital und die LiquiditĂ€t, um fĂŒr nennenswerten Neubau sowie Sanierungen und Heizungstausch zu sorgen. «Das ist ein völlig inakzeptabler Zustand fĂŒr ein Land, in dem fast 60 Prozent der Haushalte zur Miete leben», sagt Gedaschko. Der GdW ist kein Zusammenschluss von Immobilienhaien, sondern der Dachverband der Wohnungsgenossenschaften, kommunaler Gesellschaften und anderer sozial orientierter Vermieter.

BetrĂ€chtlich höhere staatliche ZuschĂŒsse als bisher halten auch die Fachleute des DarmstĂ€dter Instituts fĂŒr Wohnen und Umwelt (IWU) fĂŒr sinnvoll beziehungsweise notwendig. «Im Neubau sollte primĂ€r auf gesetzliche Vorschriften gesetzt werden», sagt IWU-Experte Andreas Enseling. «Förderung kann dazu flankierend eingesetzt werden. Im Bestand sind wir der Meinung, dass eine Kombination aus deutlich erhöhter Förderung und Ausweitung der CO2-Bepreisung am besten geeignet wĂ€re, die Ziele der KlimaneutralitĂ€t zu erreichen.»

@ dpa.de