Chemie-Nobelpreis 2026 geht an Henri Kagan und Kenso Soai für Grundlagen sicherer Medikamente
Veröffentlicht am: 07.10.2026 um 14:47 Uhr | dpa, AD HOC NEWSDer Chemie-Nobelpreis 2026 geht an den französischen Chemiker Henri Kagan und den japanischen Forscher Kenso Soai für Grundlagen, die unter anderem die Entwicklung sicherer Medikamente ermöglichen.
Rätsel der spiegelbildlichen Moleküle
Die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften gab die Entscheidung in Stockholm bekannt. Der Vorsitzende des Nobelkomitees für Chemie, Heiner Linke, erklärte, Kagan und Soai hätten eine Lösung für die mehr als hundert Jahre alte Frage gefunden, wie Homochiralität spontan entstehen könne.
Viele Moleküle, darunter Aminosäuren, existieren in zwei Varianten, die sich wie linke und rechte Hände spiegelbildlich zueinander verhalten. Diese L- und R-Formen können unterschiedliche Eigenschaften haben. In der Natur dominiert meist eine der beiden Varianten.
Schlüssel-Schloss-Prinzip in der Medizin
An den Andockstellen menschlicher Zellen passt häufig eine Molekülvariante besonders gut, während die spiegelbildliche Form unwirksam sein oder Schäden verursachen kann. Viele moderne Medikamente werden deshalb gezielt als einzelnes Enantiomer entwickelt.
Früher ließ sich bei der Herstellung oft nicht verhindern, dass beide Spiegelbilder entstanden. Der Contergan-Skandal der 1960er Jahre gilt als gravierendstes Beispiel: Eine Form des Wirkstoffs Thalidomid wurde unter anderem als Beruhigungs- und Schlafmittel eingesetzt, während die andere zu Missbildungen bei ungeborenen Kindern führte. Heute werden bei der Medikamentenentwicklung beide Spiegelbildformen geprüft.
Weg zu kontrollierten Reaktionen
Kagan, der an der Université Paris-Sud forschte, entdeckte 1986 eine Möglichkeit, chemische Reaktionen zu beeinflussen und dadurch einen größeren Überschuss einer Spiegelbildform zu erzeugen.
Soai stellte 1995 eine Reaktion vor, die das Potenzial zur Bildung homochiraler Moleküle besaß. 2003 präsentierte er eine Reaktion, bei der tatsächlich nur eine der beiden Varianten entstand. Das Verfahren ist neben der Pharmazeutik auch für Duft- und Aromastoffe sowie Pestizide, Herbizide und Fungizide relevant.
Späte Ehrung für Henri Kagan
Soai sagte nach der Bekanntgabe, er freue sich sehr über die Nachricht und sei glücklich, den Preis mit Kagan zu teilen. Kagan hatte 2013 berichtet, dass ihn die Nichtberücksichtigung bei der Chemie-Auszeichnung von 2001 enttäuscht habe; damals wurden William S. Knowles, Ryoji Noyori und Barry Sharpless geehrt.
Kagan ist mit 95 Jahren der drittälteste Nobelpreisträger. Benjamin List, der 2021 selbst den Chemie-Nobelpreis erhielt, gratulierte den beiden Forschern und bezeichnete die Bevorzugung einer Spiegelbildvariante in der Biologie als großes Mysterium.
Preisverleihung im Dezember
Der Chemie-Nobelpreis ist in diesem Jahr mit insgesamt zwölf Millionen schwedischen Kronen dotiert, umgerechnet rund eine Million Euro. Die feierliche Verleihung findet traditionell am 10. Dezember, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel, statt.
Warum chirale Moleküle entscheidend sind
Die Auszeichnung würdigt Grundlagenforschung, deren Bedeutung weit über ein einzelnes Medikament hinausreicht. Bei chiralen Molekülen können zwei spiegelbildliche Formen im Körper unterschiedlich wirken, obwohl sie sich chemisch in ihrer Zusammensetzung nicht unterscheiden. Für die Arzneimittelentwicklung bedeutet das: Wirkstoffe müssen nicht nur wirksam, sondern auch hinsichtlich ihrer räumlichen Struktur kontrolliert hergestellt und geprüft werden.
Die Forschung von Henri Kagan und Kenso Soai steht dabei für zwei zentrale Schritte. Kagan zeigte, wie chemische Reaktionen zugunsten einer Spiegelbildform beeinflusst werden können. Soais Arbeiten zur Autokatalyse lieferten anschließend ein Modell dafür, wie sich eine solche Einseitigkeit in chemischen Prozessen verstärken kann. Damit berührt die Forschung zugleich eine grundlegende Frage über die Entstehung der überwiegend einheitlichen Molekülstrukturen im Leben.
Bedeutung für Industrie und Patienten
In der Pharmaindustrie kann die gezielte Herstellung eines einzelnen Enantiomers die Entwicklung sichererer und präziserer Arzneimittel unterstützen. Das reduziert nicht automatisch jedes Risiko: Wirkung, Nebenwirkungen und Stabilität müssen weiterhin in umfangreichen Prüfungen untersucht werden. Die kontrollierte Synthese ist jedoch eine wichtige Voraussetzung für gleichbleibende Qualität und kann Produktionsverfahren effizienter machen.
Das Prinzip ist auch für Duftstoffe, Aromen und Pflanzenschutzmittel relevant. Die Nobelpreisentscheidung lenkt damit den Blick auf eine oft unsichtbare Ebene moderner Produkte: Nicht nur die chemische Formel, sondern auch die räumliche Anordnung der Atome kann über Nutzen und mögliche Schäden entscheiden.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
Bayerischer Rundfunk: „Chemie-Nobelpreis geht an Forscher Henri B. Kagan und Kenso Soai“ (07.10.2026)
Der Bericht bestätige die Auszeichnung für Kagan und Soai und benenne als geehrten Forschungsbereich nichtlineare Effekte sowie Autokatalyse in der asymmetrischen organischen Synthese. Anders als die dpa-Meldung richte der Beitrag seinen Schwerpunkt auf den Ablauf der Nobelpreiswoche, die Dotierung und die erstmalige Verkündung mehrerer Preisträgerkategorien durch eine Frau.
Damit bestehe Einigkeit über die Preisträger und den wissenschaftlichen Kern. Der BR-Artikel ergänze vor allem institutionelle und organisatorische Informationen; die konkrete Bedeutung der Forschung für sichere Medikamente stehe dort weniger im Mittelpunkt.
