Expertenrat: Gesundheitssystem nicht krisenfest
18.07.2024 - 05:57:35Es werde im Vergleich zu anderen LÀndern extrem viel in die Gesundheitsversorgung investiert, ohne dass die Gesundheit der Menschen entsprechend besser werde, erklÀrt das Gremium in einer Stellungnahme, die der Deutschen Presse-Agentur vorliegt.
Hinzu kĂ€me, dass Deutschland sich in einer demografisch herausfordernden Situation befinde, da die Bevölkerung stark altere. Gleichzeitig gingen rund 30 Prozent der FachkrĂ€fte im Gesundheitssystem in den nĂ€chsten zehn Jahren in den Ruhestand. Zudem nehmen gesundheitliche Ungleichheiten zu. Das Gesundheitssystem biete keine ausreichende Basis "fĂŒr eine Vorbereitung auf krisenhafte Situationen, Störungen und Schocks", schlussfolgert der Rat. Eine VerĂ€nderung des insgesamt "ineffizienten, qualitativ mĂ€Ăigen Systems" scheine unabdingbar.
FrĂŒhzeitig auf Krisen vorbereiten
Der Expertenrat aus 23 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unterschiedlicher Fachrichtungen hat im MÀrz seine Arbeit aufgenommen. Das Gremium folgte auf den Corona-Expertenrat. Zu den Expertinnen und Experten gehören unter anderem die ehemalige Vorsitzende des deutschen Ethikrats Alena Buyx und der Virologe Christian Drosten.
Die Medizin habe gerade in den letzten Jahren groĂe Fortschritte bei innovativen Therapien erreicht und biete neue Behandlungsmöglichkeiten fĂŒr schwere Erkrankungen, sagte der CharitĂ©-Vorstandsvorsitzende und Chef des Expertenrats, Heyo K. Kroemer. Das sei Ziel wissenschaftlicher Entwicklungen, zugleich aber auch sehr kostenintensiv. Daher stellt sich Kroemer zufolge die Frage, wie kĂŒnftige, oft teure Innovationen finanziert und gleichzeitig fĂŒr alle betroffenen Patientengruppen bedarfsgerecht zur VerfĂŒgung gestellt werden können. "Wenn eine solche Entwicklung nicht mehr vollumfĂ€nglich finanziert werden kann, stellt sich die Frage, nach welchen Kriterien Entscheidungen erfolgen", sagte Kroemer. Im Expertenrat sei man der Meinung, "dass man diese absehbare Problematik jetzt diskutieren sollte".
Innovation neu denken
Um das Gesundheitssystem effizienter und krisenfester zu machen, empfiehlt der Rat, das VerstĂ€ndnis von Innovation zu erweitern. Demnach dĂŒrfe es nicht nur darum gehen, neue Medikamente oder Diagnoseverfahren zu entwickeln, sondern auch bewusst Leistungen oder MaĂnahmen wegzulassen, die keinen Mehrwert brĂ€chten. Innovationen könnten zudem strukturelle Neuerungen oder VerĂ€nderungen sein. Zum Beispiel werde seit lĂ€ngerem diskutiert, ob und welche nicht-Ă€rztlichen Berufsgruppen einzelne, bisher Ă€rztliche TĂ€tigkeiten ĂŒbernehmen könnten. Auch die Umgestaltung der Krankenhausversorgung sei ein Beispiel.
Das deutsche Gesundheitssystem habe international einen sehr hohen Standard, sagte Kroemer. "Damit hat man aber auch eine extreme Verantwortung, darĂŒber nachzudenken, wie man das System fĂŒr die zukĂŒnftigen Herausforderungen resilient gestalten kann." Es sei wichtig, dass Politik und Wissenschaft vorausschauend zusammenarbeiten und Zeiten ohne besondere gesundheitliche Herausforderungen, wie beispielsweise der Corona-Pandemie, dafĂŒr nutzten, sich auf mögliche Entwicklungen strukturell und grundlegend vorzubereiten.
Wissenschaftliche Politikberatung wie der Expertenrat sei dabei sehr hilfreich, sagte Kroemer. Der Rat könne auĂerhalb von Krisen Expertise aufbauen und wĂ€hrend Krisen schnell reagieren und fundierte Empfehlungen anbieten.

