Drastischer Anstieg antisemitischer VorfÀlle in Deutschland
18.10.2023 - 13:08:10 | dpa.de
Als der Raketeneinschlag an einem Krankenhaus in Gaza am Dienstagabend gemeldet wird, schwappt auch in Deutschland sofort eine Welle durch die sozialen Netzwerke. «Spontankundgebung - Jetzt am Brandenburger Tor», postet eine pro-palÀstinensische Gruppe auf der Plattform X. Wenig spÀter versammeln sich Hunderte Menschen an dem Berliner Wahrzeichen.
In Berlin-Neukölln brennen derweil Barrikaden. Und dann der Schock am frĂŒhen Morgen: Vermummte schleudern BrandsĂ€tze in Richtung einer Berliner Synagoge.
Hassparolen auf Demonstrationen, Davidsterne an HĂ€usern, verbrannte Israelflaggen - insgesamt 202 antisemitische VorfĂ€lle hat das Netzwerk Rias in den zehn Tagen seit dem blutigen Ăberfall der Terrormiliz Hamas auf Israel bundesweit registriert. 240 Prozent mehr als zur gleichen Zeit ein Jahr zuvor. Das Kriegsgeschehen im Nahen Osten bringt auch massive Unruhe auf deutsche StraĂen und in die Gesellschaft. Was kommt da noch auf uns zu - vor allem, wenn der Konflikt zwischen Israel und der Hamas noch weiter eskalieren sollte?
Die Ansagen der Politik bis hin zu Bundeskanzler Olaf Scholz sind eindeutig. «Es ist ganz klar, dass wir nicht hinnehmen werden und niemals hinnehmen werden, wenn gegen jĂŒdische Einrichtungen AnschlĂ€ge verĂŒbt werden», sagt der SPD-Politiker in Kairo. Auch gewalttĂ€tige, mit antisemitischen Parolen begleitete Veranstaltungen seien nicht zu akzeptieren. «Da mĂŒssen die Versammlungsbehörden das ihre tun, zum Schutz der jĂŒdischen Einrichtungen die Polizei.»
Demonstrationen verboten
Gerade in Berlin, aber auch in anderen StĂ€dten fĂ€hrt die Polizei genau diese Linie. Der Schutz an jĂŒdischen und israelischen Institutionen wurde hochgefahren. In Berlin wurden fast alle angezeigten pro-palĂ€stinensischen Demonstrationen verboten mit dem Hinweis, es seien anti-israelische, antisemitische oder extremistische Parolen zu erwarten. An neuralgischen Punkten, etwa an der Sonnenallee in Neukölln, schritt die Polizei immer wieder ein, wenn sich pro-palĂ€stinensische GrĂŒppchen bildeten.
Dennoch lief die Lage in der Hauptstadt in den vergangenen Tagen immer wieder aus dem Ruder. Am Sonntag strömten binnen weniger Minuten rund 1000 Leute zum Potsdamer Platz und lieferten sich Rangeleien mit Polizisten. Und dann eben die Ausschreitungen und der versuchte Brandanschlag in der Nacht zum Mittwoch. Die JĂŒdische Gemeinde zu Berlin zieht am Morgen danach ein bitteres Fazit. Die SicherheitsmaĂnahmen hĂ€tten wohl Schlimmeres verhindert: «Aber Juden und JĂŒdinnen in unserer Stadt fĂŒhlen sich trotz allem nicht mehr sicher.»
Behörden sehen eher «abstrakte GefÀhrdung»
Wie groĂ ist die Gefahr weiterer Gewalt? Die Sicherheitsbehörden sprechen hier von einer «abstrakten GefĂ€hrdungssituation». Das bedeutet, sie haben keine Hinweise auf konkrete Planungen fĂŒr Angriffe auf jĂŒdische Einrichtungen oder bestimmte Personen. «Aber wir können auch nicht ausschlieĂen, dass es vielleicht auch zu spontanen Taten kommt», sagt der PrĂ€sident des Bundesamtes fĂŒr Verfassungsschutz, Thomas Haldenwang.
Antisemitische Denkmuster sieht er bei Rechtsextremisten, Islamisten und auch bei einigen linksextremistischen Gruppierungen. Doch sagte Haldenwang bei einem PressegesprÀch diese Woche auch klar: «Durch die hohe Zahl an Zuwanderung aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum sind viele Menschen nach Deutschland gekommen, die schon in einer antisemitischen Grundhaltung sozialisiert worden sind in ihren Herkunftsgebieten». Mit Islamismus ist das nicht unbedingt gekoppelt. Diesen Menschen sei in der Jugend oft die Botschaft vermittelt worden: «Israel ist der Feind, die Juden sind der Feind.»
Der Zentralrat der Juden zieht eine direkte Linie von diesen Denkmustern zu Hassparolen auf den StraĂen zu Gewalttaten wie dem versuchten Brandanschlag. «Aus Worten werden Taten», erklĂ€rt der Zentralrat. «Die Vernichtungsideologie der Hamas gegen alles JĂŒdische wirkt auch in Deutschland. Der 'Tag des Zorns' ist nicht nur eine Phrase. Es ist psychischer Terror, der in konkrete AnschlĂ€ge mĂŒndet.» Berlins Antisemitismusbeauftragter Samuel Salzborn nennt es eine «massive antisemitische Eskalation» und mahnt: «Wer sich bei solchen antisemitischen Terrorattacken nicht mit Israel solidarisiert, ergreift Partei fĂŒr den antisemitischen Terror.»
Ein anderer Blick auf den Holocaust
Wut, Angst und Entsetzen von JĂŒdinnen und Juden sind untragbar fĂŒr ein Land mit dieser verbrecherischen NS-Geschichte, fĂŒr ein Land, das die Sicherheit Israels und seiner BĂŒrger zur StaatsrĂ€son erklĂ€rt hat. Trotzdem lohnt sicher der Blick, was sich da bei Menschen arabischer Herkunft in Deutschland zusammenbraut. Sie diskutieren - auch in sozialen Netzwerken - intensiv, wie sehr sich deutsche Politiker nach den Massakern und Geiselnahmen der Hamas mit Israel solidarisiert haben, und vergleichen dies mit den eher verhaltenen ĂuĂerungen zur katastrophalen Situation im Gazastreifen.
«Selektive Sympathie ist eine Form von Apathie», kritisiert der Leiter der palĂ€stinensischen Mission in Berlin. Botschafter Laith Arafeh, der die Autonomiebehörde in Deutschland vertritt, fordert die Bundesregierung auf zu «ernsthaften BemĂŒhungen, um die Aggression gegen unser wehrloses Volk in Gaza zu beenden».
Der Hinweis auf den Holocaust zieht kaum bei einigen PalĂ€stinensern, die als FlĂŒchtlinge nach Deutschland kamen. Aus ihrer Sicht haben sie nichts zu tun mit der deutschen Schuld fĂŒr die NS-Verbrechen. Sie sehen sich selbst oft eher als indirekt Leidtragende, da der Massenmord an den Juden in Europa die jĂŒdische Einwanderung nach PalĂ€stina beschleunigt und die GrĂŒndung des Staates Israel 1948 vorangetrieben habe. «Eure Geschichte ist nicht unsere Geschichte», rief ein arabischer Redner im MĂ€rz bei einer Protestkundgebung gegen den Besuch des israelischen MinisterprĂ€sidenten Benjamin Netanjahu.
Haldenwangs Versprechen
Immer wieder beklagen pro-palĂ€stinensische Aktivisten, sie dĂŒrften ihre Meinung nicht sagen, selbst wenn sie das friedlich tun wollten. Die sogenannte PalĂ€stina Kampagne mĂŒnzte das in eine Drohung um: «Wenn der deutsche Staat der palĂ€stinensischen Community konsequent das Grundrecht verweigert, zu protestieren, öffentlich zu trauern oder ihre IdentitĂ€t zum Ausdruck zu bringen, ist ziviler Ungehorsam fast vorprogrammiert.»
Ziviler Ungehorsam? Eher kein treffender Ausdruck bei fliegenden Flaschen und Böllern und brennenden Barrikaden. Selbst strengste Sicherheitsvorkehrungen und Verbote können wohl nicht ausschlieĂen, dass sich solche Szenen wiederholen. In sozialen Netzwerken wird weiter fĂŒr Proteste mobilisiert.
VerfassungsschutzprĂ€sident Haldenwang versucht zu beruhigen. «Wenn jetzt einzelne jĂŒdische Einrichtungen beschlieĂen, dass sie in dieser Situation Abstand nehmen von AktivitĂ€ten und ja, FuĂballspiele nicht mehr stattfinden und dergleichen, dann ist das selbstverstĂ€ndlich eine freie Entscheidung», erklĂ€rt der Chef des Inlandsgeheimdienstes. Die Sicherheitsbehörden stĂŒnden aber immer bereit, den Schutz solcher Veranstaltungen sicherzustellen und alles zu tun fĂŒr die Sicherheit jĂŒdischer Menschen und Einrichtungen in Deutschland.
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