Pflege, Deutschland

Deutschland wirbt um PflegekrÀfte aus Lateinamerika

15.07.2023 - 08:35:21

Der FachkrÀftemangel hierzulande hat schon Tausende auslÀndische PflegekrÀfte nach Deutschland gebracht - etwa aus Mexiko. Auch in anderen LÀndern wirbt die Bundesregierung FachkrÀfte an. Mit Erfolg?

  • Alessandro Gomes aus Brasilien soll als Krankenpfleger in Deutschland arbeiten - er ist einer von vielen FachkrĂ€ften, die die Bundesregierung anwerben will. - Foto: Joao Gabriel Alves/dpa

    Joao Gabriel Alves/dpa

  • Teil der Vorbereitung: Deutsch lernen. - Foto: Joao Gabriel Alves/dpa

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Alessandro Gomes aus Brasilien soll als Krankenpfleger in Deutschland arbeiten - er ist einer von vielen FachkrÀften, die die Bundesregierung anwerben will. - Foto: Joao Gabriel Alves/dpaTeil der Vorbereitung: Deutsch lernen. - Foto: Joao Gabriel Alves/dpa

Das Wetter, das Essen, die Sprache: Mit diesen Dingen kam Herbert Otoniel Pérez Victoriano aus Mexiko zunÀchst nicht zurecht, als er aus einem indigenen Dorf im sonnigen Oaxaca nach Deutschland kam.

Seit mehr als vier Jahren arbeitet der Krankenpfleger nun an der Berliner Charité, an der Beatmungsstation mit Schwerpunkt Infektiologie und Pneumologie - als eine von Hunderten mexikanischen PflegekrÀften, die inzwischen nach Deutschland gekommen sind.

Der damalige Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte vor vier Jahren in Mexiko angesichts des FachkrÀftemangels in Deutschland um sie geworben. Nun war Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) aus demselben Grund ebenfalls in Lateinamerika - in Brasilien. Am Montag reist er nach Indien. Dort soll es auch um IT-FachkrÀfte gehen.

Begleitung als SchlĂŒssel zur Integration

In seiner Freizeit teilt Pérez Victoriano in einem Facebook-Blog Erfahrungen und Informationen mit anderen spanischsprachigen PflegekrÀften, die nach Deutschland auswandern wollen.

«Bisher kann ich sagen, dass die RealitĂ€t meine persönlichen Erwartungen ĂŒbertroffen hat», sagt der 32-JĂ€hrige der Deutschen Presse-Agentur. «Ich habe aber auch Kollegen getroffen, die von privaten Vermittlungsfirmen betrogen wurden oder nach Deutschland kamen und nicht das bekamen, was ihnen versprochen wurde». Ein SchlĂŒssel fĂŒr die erfolgreiche Integration auslĂ€ndischer PflegekrĂ€fte sei die Begleitung durch die aufnehmende Institution.

Das Schwerste sei die Sprache, meint PĂ©rez Victoriano, der in Mexiko ein fĂŒnfjĂ€hriges Studium in Krankenpflege absolviert hat. «Wir arbeiten in einem Beruf, in dem man viel sprechen muss - die kranke Person aufklĂ€ren, sie vielleicht ermahnen oder Anweisungen zur Bedienung eines medizinischen GerĂ€ts geben. Es kann ein bisschen frustrierend sein, wenn man das Wissen hat, sich aber nicht ausdrĂŒcken kann.»

Stiftung Patientenschutz: Kosten-Nutzen-Analyse fehlt

Anfang Juni besuchte Arbeitsminister Heil in Brasilien eine AusbildungsstĂ€tte der Katholischen UniversitĂ€t BrasĂ­lia (UCB) und unterzeichnete mit seinem brasilianischen Kollegen Luiz Marinho eine AbsichtserklĂ€rung fĂŒr «faire Einwanderung». So sollen Strukturen vereinfacht werden, um den FachkrĂ€fteaustausch zu fördern. Die Bundesagentur fĂŒr Arbeit (BA) hĂ€lt die Anwerbung von bis zu 700 PflegekrĂ€ften pro Jahr fĂŒr möglich.

Die deutsche Stiftung Patientenschutz ist skeptisch. «Die staatliche Anwerbung auslĂ€ndischer PflegekrĂ€fte floppt seit Jahrzehnten», sagt Vorstand Eugen Brysch. Eine Kosten-Nutzen-Analyse fehle. Es sei ĂŒberfĂ€llig, dass alle Ausgaben vom Bundesrechnungshof geprĂŒft wĂŒrden. Brysch fĂŒgte mit Blick auf 44.000 arbeitslos gemeldete PflegekrĂ€fte im vergangenen Jahr hinzu, zunĂ€chst mĂŒssten die Hausaufgaben hierzulande gemacht werden.

Dennoch geht es nach Ansicht des Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, nicht ohne Einwanderung. «Mindestens 31.000 Stellen können aktuell in der Allgemein- und Intensivpflege in den KrankenhĂ€usern nicht besetzt werden. Ohne auslĂ€ndische PflegekrĂ€fte wĂ€re diese Zahl noch einmal weitaus höher», sagt der frĂŒhere KlinikgeschĂ€ftsfĂŒhrer. Es brauche deutlich weniger BĂŒrokratie bei Anerkennung, Visavergabe und vielen anderen HĂŒrden.

«Wir lassen unser Leben hier hinter uns»

Die Krankenpfleger Iris Amora (28) und Alessandro Gomes (33) lernen in Rio de Janeiro derzeit in einem Intensiv-Kurs Deutsch, um sich auf ihre neuen Stellen in Deutschland vorzubereiten. Ab Ende Juli sollen sie im Helios Park-Klinikum in Leipzig arbeiten. Die schwierigen Arbeitsbedingungen und niedrigen GehĂ€lter in Brasilien hĂ€tten sie dazu gebracht, den Schritt zu wagen. «Es ist sehr ermĂŒdend, sich ohne ausreichende Ressourcen und Material um die Patienten kĂŒmmern zu mĂŒssen», sagt Amora. «Weil die Lebenshaltungskosten in Brasilien sehr hoch sind und wir nicht gut verdienen, haben die meisten PflegekrĂ€fte zudem mehr als einen Job.»

Sie und Gomes hĂ€tten Brasilien noch nie verlassen. «Das ist auch eine große VerĂ€nderung. Wir lassen unser Leben hier hinter uns, um an einen Ort zu gehen, wo wir niemanden kennen», sagt Gomes. Zwar wĂŒssten sie, dass PflegekrĂ€fte auch in Deutschland keine besonders hohen GehĂ€lter bekĂ€men, aber sie erhofften sich mit Blick auf Bildung, Sicherheit und öffentlichen Nahverkehr eine bessere LebensqualitĂ€t als in Brasilien. «Wir wollen unsere Chance nutzen.»

Eines sollte Deutschland bei allen BemĂŒhungen nicht tun, findet Krankenhausgesellschaftschef Gaß: Anderen LĂ€ndern mit gleichen Herausforderungen bei der Demografie die FachkrĂ€fte abzuwerben. Björn Gruber von der GIZ versichert mit Blick auf das Anwerbeprogramm Triple Win: «Die Bundesagentur fĂŒr Arbeit und die Gesellschaft fĂŒr Internationale Zusammenarbeit (GIZ) stellen nur dann PflegefachkrĂ€fte ein, wenn die staatlichen Partner in den HerkunftslĂ€ndern zustimmen, wobei die Arbeitsmarktsituation im Herkunftsland berĂŒcksichtigt wird.» In Brasilien gibt es nach Angaben des Berufsverbands Confen rund 2,5 Millionen Krankenpfleger. Die Arbeitslosenquote in dem Sektor lag 2021 bei ĂŒber zehn Prozent.

Krisensicherer Job

Ende 2021 waren in Deutschland 236.000 auslĂ€ndische PflegefachkrĂ€fte sozialversicherungspflichtig beschĂ€ftigt, wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage im Bundestag im vergangenen Jahr hervorgeht. Der grĂ¶ĂŸte Teil der auslĂ€ndischen Krankenschwestern und -pfleger stammt demnach aus Europa. Aus Brasilien kamen ebenfalls in dem Jahr 2109 PflegekrĂ€fte nach Deutschland, aus Mexiko 652.

GrundsĂ€tzlich brĂ€uchte es nach Ansicht von Gaß in der Debatte ĂŒber den FachkrĂ€ftemangel in der Pflege auch einen anderen Ton: «Generell mĂŒssen wir in der Öffentlichkeit kommunizieren, dass Krankenpflege ein anspruchsvoller, erfĂŒllender und sinnstiftender Beruf ist, der absolut krisensicher und mittlerweile auch gut bezahlt ist. Dauernde Negativmeldungen oder gar völlig falsche Zerrbilder von Hungerlöhnen sind dabei kontraproduktiv.»

@ dpa.de