Taten, Deutschland

Mehr antisemitische Taten in Deutschland seit 7. Oktober

21.05.2024 - 13:31:29

Der Krieg in Nahost hinterlÀsst Spuren auch in Deutschland. Das zeigen neue Zahlen zur politisch motivierten KriminalitÀt. Hassvergehen nehmen zu, wÀhrend sich ein anderes Thema fast erledigt hat.

Seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober hat es in Deutschland einen massiven Anstieg politisch motivierter Straftaten im Zusammenhang mit dem Nahost-Konflikt gegeben.

Die Zahl der polizeibekannten Taten aus diesem Kontext betrug mit 4369 im vergangenen Jahr mehr als das Siebzigfache der 61 Delikte des Vorjahrs, wie aus der in Berlin von Bundesinnenministerium und Bundeskriminalamt (BKA) veröffentlichten Statistik zur politischen KriminalitĂ€t hervorgeht. «Seit dem 7. Oktober haben wir eine völlig andere Situation», sagte BKA-Chef Holger MĂŒnch.

Insgesamt 1927 dieser Taten gelten als antisemitisch, die allermeisten davon wurden ab dem 7. Oktober begangen. Mehr als die HĂ€lfte der knapp 4400 Taten ordnet die Polizei dem Bereich «auslĂ€ndische Ideologie» zu. Sie sieht also Anhaltspunkte dafĂŒr, dass eine aus dem Ausland stammende nichtreligiöse Ideologie entscheidend fĂŒr die Tat war. Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) sprach von «widerwĂ€rtigem Judenhass».

Neuer Höchststand

Die Zahl der polizeibekannten politisch motivierten Straftaten hat mit 60.028 Delikten 2023 den höchsten Stand seit der EinfĂŒhrung der Statistik 2001 erreicht, mit einem leichten Zuwachs von weniger als 2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Fast die HĂ€lfte davon ist rechts motiviert. «Der Rechtsextremismus bleibt die grĂ¶ĂŸte extremistische Bedrohung fĂŒr unsere Demokratien und die Menschen in unserem Land», betonte Faeser.

In 3561 der mehr als 60.000 FĂ€lle handelt es sich um Gewalttaten, knapp 12 Prozent weniger als 2022. Es handelt sich bei der Statistik zur politisch motivierten KriminalitĂ€t um eine Eingangsstatistik, das heißt Taten werden dann erfasst, wenn sie der Polizei bekannt werden - es gibt also ein Dunkelfeld. MehrfachzĂ€hlungen sind möglich, wenn Delikte in mehr als eine Kategorie (PhĂ€nomenbereich) fallen.

Propaganda, SachbeschÀdigungen, Beleidigungen

Den Löwenanteil der Straftaten machten mit einem Drittel Propagandadelikte aus, also zum Beispiel das Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen. Das können etwa Abzeichen wie der SS-Totenkopf sein oder Parolen. Auf Platz zwei folgten SachbeschĂ€digungen (15,50 Prozent), gefolgt von Beleidigungen (13,95 Prozent) und Volksverhetzungen (12,77 Prozent). Danach kommen Nötigungen und Bedrohungen sowie VerstĂ¶ĂŸe gegen das Versammlungsrecht.

Tatort Internet

Erheblich angestiegen ist die Zahl der im oder mit Hilfe des Internets begangenen politisch motivierten Straftaten auf 15.488 - eine Zunahme um 60,08 Prozent. Eine sprunghafte Zunahme gab es insbesondere in den Bereichen religiöse sowie auslĂ€ndische Ideologie. Den grĂ¶ĂŸten Anteil machten hier allerdings die rund 7000 Taten aus dem rechten Spektrum aus.

Weniger Gewalttaten - aber mehr Opfer mit GesundheitsschÀden

Die Zahl polizeibekannter politisch motivierter Gewalttaten ist um fast 12 Prozent gegenĂŒber 2022 gesunken. Die 1270 Taten aus dem rechten Spektrum machen hier den Großteil aus, gefolgt von 916 Taten aus dem linken Spektrum. «In der linksextremistischen Szene sind die Hemmschwellen gesunken, mit Ă€ußerster BrutalitĂ€t politische Gegner und Polizeibeamte im Einsatz zu attackieren», sagte Faeser.

Zu den Gewalttaten gehören Körperverletzungen (die allermeisten aus rechten Motiven), aber auch 17 versuchte und drei vollendete Tötungsdelikte.

Insgesamt 1759 Menschen und damit mehr als im Vorjahr (plus 5,96 Prozent) haben durch politisch motivierte Gewalt einen gesundheitlichen Schaden davongetragen. Die meisten Betroffenen (714 Personen) wurden Opfer einer Tat aus rechten Motiven - zwei pro Tag, wie Faeser vorrechnete.

Mehr Hass auf vermeintlich Fremde

Deutlich zugelegt (um 47,63 Prozent) hat die HasskriminalitÀt mit insgesamt 17.007 FÀllen. Gemeint sind Taten, bei denen jemand aus Vorurteilen gegen bestimmte Gruppen gehandelt hat.

Dabei kann eine Tat mehrfach in der Statistik auftauchen, wenn die Polizei von mehr als einem Motiv ausgeht. Die weitaus grĂ¶ĂŸte Gruppe bilden mit 15.087 «fremdenfeindliche» Taten, die meist in den PhĂ€nomenbereich rechts fallen. Die Statistik fĂŒhrt getrennt auch «auslĂ€nderfeindliche» Motive an, hier geht es gezielter um die tatsĂ€chliche oder vermutete NationalitĂ€t. Ebenfalls weit verbreitet sind antisemitische und rassistische Motive.

Staat und Religion als Ziele

Straftaten gegen Religionsgemeinschaften haben sich auf 7029 mehr als verdoppelt, meistens traf es dabei religiöse ReprĂ€sentanten. Um mehr als ein Viertel ist hingegen die Zahl der Taten gegen den Staat und seine Vertreter gesunken, auf 15.050. Doch so erfreulich, wie es den Anschein hat, ist diese Entwicklung nicht, denn zugleich hat die Zahl der Delikte gegen Menschen, die sich politisch engagieren oder ein staatliches Amt ausĂŒben, erheblich zugenommen (um 29,12 Prozent auf 6508). «Die Betroffenen werden bedroht, ihre BĂŒros angegriffen, ihre Wohnungen belagert, ihr privates Eigentum beschĂ€digt», sagte Faeser, die von einer «Gewaltspirale» sprach. MĂŒnch sagte, mit der bevorstehenden Europawahl sowie Landtags- und Kommunalwahlen sei von steigenden Fallzahlen auch in den nĂ€chsten Monaten auszugehen.

Die politische Motivation bleibt unklar, denn die allermeisten Taten fallen in den Bereich «sonstige Zuordnung». Das heißt, die Polizei konnte sie weder rechts oder links noch bei auslĂ€ndischer oder religiöser Ideologie verorten. Die Zahl der Delikte gegen die Polizei, auch die der Gewaltdelikte, ist gesunken.

Motiv Klima- oder Umweltschutz

Die Aktionen von Gruppierungen wie der Letzten Generation - die ihre Straßenblockaden inzwischen aufgegeben hat - schlagen sich auch in der Statistik nieder. Insgesamt 3303 Taten aus den Feldern Klima oder Umweltschutz zĂ€hlte die Polizei 2023, fast eine Verdopplung gegenĂŒber dem Vorjahr. Mehr als drei Viertel der Delikte ordnete sie dem linken Spektrum zu. HĂ€ufig ging es um SachbeschĂ€digungen und Nötigung oder Bedrohung.

Religiös motivierte Straftaten

Die Zahl der Taten aus dem Bereich religiöse Ideologie hat sich mehr als verdreifacht auf 1458 Delikte. HÀufig geht es um Volksverhetzung, die Androhung von Straftaten oder SachbeschÀdigungen. Die meisten der 94 Taten «mit TerrorismusqualitÀt» fielen ebenfalls in diesen Bereich.

BKA und Innenministerium schreiben von einer «anhaltend hohen GefĂ€hrdungslage durch den islamistischen Extremismus/Terrorismus». Die Bundesrepublik stehe unverĂ€ndert «im unmittelbaren Zielspektrum terroristischer Organisationen» wie des Islamischen Staats (IS) oder Al-Kaida und deren Ablegern. Die «anhaltend hohe Gefahr» fĂŒr dschihadistisch motivierte Gewalttaten bestehe daher weiterhin fort. Man habe es derzeit vor allem mit EinzeltĂ€tern oder kleinen Gruppen zu tun, deren Taten oftmals von Terrorgruppen fĂŒr ihre Propaganda vereinnahmt worden seien. «ZusĂ€tzlich tatmotivierend könnten die aktuellen Entwicklungen im Nahen Osten wirken, die dazu geeignet sind, eine hohe GefĂ€hrdungsrelevanz auf die Sicherheitslage in Deutschland zu entfalten.» Man habe die islamistische Szene im Visier, betonte Faeser. «Unsere Sicherheitsbehörden haben auch in den letzten Monaten mehrfach frĂŒhzeitig zugeschlagen, um AnschlĂ€ge zu verhindern.»

Corona kaum noch ein Thema

Mit dem Wegfall der Corona-Auflagen haben sich politisch motivierte Straftaten in diesem Zusammenhang weitgehend erledigt. Die Polizei registrierte im vergangenen Jahr 1662 Delikte nach 13.988 Taten im Jahr davor.

Die AufklÀrungsquote

Etwas weniger als die HÀlfte der im Vorjahr erfassten Straftaten (46,85 Prozent) konnte aufgeklÀrt werden, bei den Gewalttaten lag die Quote mit 63,35 Prozent höher. Als aufgeklÀrt zÀhlen nur FÀlle, bei denen es bis zum 31. Januar des Folgejahres mindestens einen namentlich bekannten TatverdÀchtigen gibt.

@ dpa.de