MilitÀrhistoriker, Verzicht

MilitÀrhistoriker nennt Verzicht auf Wehrpflicht Katastrophe

21.09.2024 - 12:06:10

Der MilitÀrhistoriker Sönke Neitzel wirft der Bundesregierung vor, Deutschland nicht in ausreichendem Tempo verteidigungsfÀhig zu machen.

"Es wird zu wenig in unsere Verteidigung investiert - und zwar so wenig, dass wir im Ernstfall weder unsere BĂŒndnispartner noch uns selbst ĂŒber einen lĂ€ngeren Zeitraum verteidigen könnten", sagte Neitzel der "Welt am Sonntag". Außerdem habe sich die Bundesregierung entgegen dem Rat der Fachleute im Verteidigungsministerium entschlossen, auf die EinfĂŒhrung des schwedischen Modells als neue Form der Wehrpflicht zu verzichten. "Damit entzieht diese Regierung dem Land - uns - die VerteidigungsfĂ€higkeit fĂŒr mindestens die nĂ€chsten vier Jahre", sagte der Professor fĂŒr MilitĂ€rgeschichte und Kulturgeschichte der Gewalt an der UniversitĂ€t Potsdam.

"Ich möchte einmal ganz deutlich festhalten: Das ist eine Katastrophe. Diese Entscheidung ist gefĂ€llt worden, obwohl die Ampel-Parteien wissen, wie dramatisch die sicherheitspolitische Lage ist." Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) attestiert Neitzel "eine Politik der Diagonalen". Scholz versuche einerseits, die Bundeswehr aufzurĂŒsten und das Zwei-Prozent-Ziel der Nato zu erreichen, andererseits die Linke der SPD bei der Stange zu halten. "Scholz macht deshalb drei Schritte vor und geht dann zwei zurĂŒck: Dem Sondervermögen folgt keine nachhaltige Finanzierung, die Waffenlieferungen an die Ukraine erfolgen immer nur zögerlich und manchmal gar nicht", so Neitzel. Das sei ein "gefĂ€hrliches Vabanquespiel". Vielleicht habe Scholz mit seiner EinschĂ€tzung recht, dass die Nato in naher Zukunft nicht gegen Russland werde kĂ€mpfen mĂŒssen. "Man kann nur beten, dass er recht hat", so Neitzel. "Kommt es anders, bleibt nur zu sagen: Dann wird Olaf Scholz an vielen GrĂ€bern stehen mĂŒssen. Diese Verantwortung trĂ€gt der Kanzler." Hart ins Gericht geht der Historiker auch mit der GeneralitĂ€t der Bundeswehr. "Die GeneralitĂ€t der Bundesrepublik Deutschland ist zur absoluten LoyalitĂ€t, ich wĂŒrde sogar sagen, geradezu zur selbstverachtenden LoyalitĂ€t erzogen worden", sagte Neitzel. Die GrĂŒndergeneration der Bundeswehr habe ihren Verteidigungsauftrag noch sehr ernst genommen: "Und wenn sie ihn nicht erfĂŒllen konnten, dann haben sie den Mund aufgemacht." Heute halte sich die GeneralitĂ€t öffentlich zurĂŒck, "selbst wenn die Regierung unsinnige Dinge beschließt". Neitzel forderte die hohen Offiziere zu mehr Mut auf: "Wenn ihr euch in den großen Fragen, etwa der Wehrpflicht oder dem Finanzbedarf, mit euren Forderungen bei der Regierung nicht durchsetzen könnt, dann mĂŒsst ihr die Anordnungen der Exekutive natĂŒrlich befolgen. Das ist das Primat der Politik. Aber es ist eure verdammte Pflicht, die Öffentlichkeit ĂŒber die Folgen dieser BeschlĂŒsse zu informieren. Als BĂŒrger in Uniform ist es eure Aufgabe, die ĂŒbrigen BĂŒrger ins Bild zu setzen. Das geschieht leider nicht."

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