Deutsch-türkisches Anwerbeabkommen, Türkische Einwanderungsgeschichte

Deutsch-türkisches Abkommen prägt Deutschland seit 65 Jahren

Veröffentlicht am: 30.10.2026 um 04:30 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Vor 65 Jahren holte die Bundesrepublik türkische Arbeitskräfte, zunächst für einen befristeten Einsatz. Heute leben 2,6 Millionen Menschen mit türkischer Einwanderungsgeschichte in Deutschland – die Anwerbung wurde zum Ausgangspunkt dauerhafter Familiengeschichten.

Folgen für Familien und Gesellschaft

  • Am 30. Oktober 1961 unterzeichneten Deutschland und die Türkei das Anwerbeabkommen in der Zeit Konrad Adenauers.
  • Rund eine halbe Million türkische Arbeitskräfte kehrte bis 1973 zurück, während etwa eine knappe Million in Deutschland blieb.
  • 2025 lebten 125.000 der ursprünglichen Arbeitskräfte aus den Jahren 1961 bis 1973 noch in Deutschland.
  • Bengü Kocatürk-Schuster vom Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland (DOMiD) zeigt eine Trinkflasche, die von Türken einst auf ihre erste Reise nach Deutschland mitgenommen wurde. - Bild: Christian Knieps/dpa
  • In dieser Kassettenbox bewahrte ein türkisches Ehepaar sogenannte Hörbriefe auf, die ihre zunächst in der Türkei bei Verwandten zurückgebliebene Tochter für sie eingesprochen hatte. - Bild: Christian Knieps/dpa
  • Türkische «Gastarbeiter» bewundern 1962 im Ruhrgebiet den Wagen eines Landsmanns (Archivbild). - Bild: picture alliance / dpa
  • Haci-Halil Uslucan, Professor für Türkeistudien an der Universität Duisburg-Essen, verweist darauf, dass die Bindung an Deutschland bei dort lebenden Türken und Türkeistämmigen seit 2010 abnimmt, während die Bindung zur Türkei zunimmt (Archivbild). - Bild: Oliver Berg/dpa
Bengü Kocatürk-Schuster vom Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland (DOMiD) zeigt eine Trinkflasche, die von Türken einst auf ihre erste Reise nach Deutschland mitgenommen wurde. - Bild: Christian Knieps/dpa In dieser Kassettenbox bewahrte ein türkisches Ehepaar sogenannte Hörbriefe auf, die ihre zunächst in der Türkei bei Verwandten zurückgebliebene Tochter für sie eingesprochen hatte.  - Bild: Christian Knieps/dpa Türkische «Gastarbeiter» bewundern 1962 im Ruhrgebiet den Wagen eines Landsmanns (Archivbild). - Bild: picture alliance / dpa Haci-Halil Uslucan, Professor für Türkeistudien an der Universität Duisburg-Essen, verweist darauf, dass die Bindung an Deutschland bei dort lebenden Türken und Türkeistämmigen seit 2010 abnimmt, während die Bindung zur Türkei zunimmt (Archivbild).   - Bild: Oliver Berg/dpa

Das Abkommen brachte türkische Arbeitskräfte nach Deutschland

Am 30. Oktober 1961 schlossen Deutschland und die Türkei das Anwerbeabkommen, das die Zuwanderung türkischer Arbeitskräfte in die Bundesrepublik regelte. 65 Jahre später erinnert die Geschichte von Trinkflaschen, Kassettenboxen und Hörbriefen daran, wie aus einem zunächst befristeten Arbeitsaufenthalt eine dauerhafte Einwanderung wurde.

Deutschland suchte Arbeitskräfte

Anfang der 1960er Jahre fehlten der jungen Bundesrepublik Arbeitskräfte, auch weil geburtenschwache Jahrgänge und der Aufbau der Bundeswehr den Arbeitsmarkt belasteten. Die Bundesregierung betrachtete die angeworbenen Menschen nicht als Einwanderer, sondern als Gastarbeiter.

Auch die türkische Regierung verband mit dem Abkommen klare Erwartungen. Die Arbeitskräfte sollten Devisen ins Land bringen und in Deutschland Qualifikationen erwerben, um später in der Türkei eingesetzt zu werden.

Qualifiziert, aber oft nicht im erlernten Beruf

Nach Einschätzung des Türkeiforschers Haci-Halil Uslucan hatten 20 bis 50 Prozent der aus der Türkei kommenden Menschen bereits eine Qualifikation. Dazu gehörten auch Lehrer, die in Deutschland jedoch nicht als Lehrer arbeiteten.

Die Reise in Sonderzügen aus Istanbul dauerte anfangs 50 bis 55 Stunden. Viele Neuankömmlinge wurden in München zunächst in einer unter den Gleisen gelegenen Weiterleitungsstelle empfangen, bevor Unternehmen sie in Baracken, Fabrikhallen oder Bunkern unterbrachten.

Strenge Regeln in Unterkünften

Das Leben in den Unterkünften war stark reglementiert. Vorgaben betrafen unter anderem Aufstehzeiten, Küchen und Waschräume, Besuche und die Nachtruhe.

1973 stoppte Westdeutschland nach der Ölkrise die Anwerbung. Unter Bundeskanzler Helmut Kohl sollte das Rückkehrhilfegesetz von 1983 Menschen mit mehreren tausend D-Mark zur Ausreise bewegen.

Familiennachzug verändert die Perspektive

Etwa eine halbe Million türkische Arbeitskräfte kehrte zwischen 1961 und 1973 zurück, doch ungefähr eine knappe Million blieb in Deutschland. In den 1970er Jahren holten viele ihre Familien nach; das höhere Lohnniveau und die zunehmende Entfremdung von der früheren Heimat spielten dabei eine Rolle.

2025 lebten nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 2,6 Millionen Menschen mit türkischer Einwanderungsgeschichte in Deutschland. Davon waren 1,5 Millionen selbst eingewandert und 1,2 Millionen in Deutschland geboren; knapp die Hälfte besaß auch oder ausschließlich die deutsche Staatsangehörigkeit.

Zugehörigkeit bleibt ein zentrales Thema

Viele türkischstämmige Menschen fühlen sich in Deutschland und der Türkei zu Hause. Zugleich beobachtet Uslucan seit etwa 2010 eine abnehmende Bindung an Deutschland und eine stärkere Bindung an die Türkei.

Als Gründe nennt er den politischen und wirtschaftlichen Aufstieg der Türkei, die Morde der rechtsextremen NSU sowie Debatten, in denen Türken weiterhin häufig als Integrationsproblem dargestellt würden. Rund 20 Prozent der Deutschen mit türkischer Migrationsgeschichte konnten sich laut einer DeZIM-Studie vor der Bundestagswahl 2025 vorstellen, AfD zu wählen.

Özdemir steht für eine neue Generation

In Baden-Württemberg wurde 2026 mit Cem Özdemir erstmals ein türkeistämmiger Ministerpräsident. Uslucan zieht trotz bestehender Spannungen eine positive Bilanz und verweist auf Fortschritte, besonders in der Bildung.

Türkische Einflüsse prägen heute Sprache, Musik, Esskultur und Familienleben in Deutschland. Von den ursprünglichen Gastarbeitern, die zwischen 1961 und 1973 kamen, lebten 2025 noch 125.000 in Deutschland.

Das Abkommen vom 30. Oktober 1961 entstand aus einem beiderseitigen wirtschaftlichen Interesse. Die Bundesrepublik suchte Arbeitskräfte für den anhaltenden Wirtschaftsboom, während die Türkei Beschäftigungsmöglichkeiten, Devisen und berufliche Qualifizierung für ihre Bürger erwartete.

Die zeitlich begrenzte Vorstellung prägte den Umgang mit den angeworbenen Menschen. Sammelunterkünfte, strenge Regeln und fehlende Integrationsplanung passten zu einem Modell, das Rückkehr statt dauerhaften Lebensmittelpunkt vorsah. Der Familiennachzug in den 1970er Jahren veränderte diese Perspektive grundlegend: Aus einzelnen Arbeitskräften wurden Familien und aus vorübergehenden Aufenthalten dauerhafte Biografien.

Vom Arbeitsaufenthalt zur Einwanderungsgesellschaft

Die Folgen reichen weit über den Arbeitsmarkt hinaus. Türkische Einwanderungsgeschichte prägt Schulen, Unternehmen, Kultur und Kommunen; zugleich bleiben Fragen nach Anerkennung, Bildungschancen und gleichberechtigter Zugehörigkeit relevant. Das zeigt sich auch in persönlichen Erfahrungen der zweiten und dritten Generation, die Deutschland als Heimat verstehen, ohne familiäre Bindungen an die Türkei aufzugeben.

Die Größenordnung von 2,6 Millionen Menschen mit türkischer Einwanderungsgeschichte macht sichtbar, dass die damalige Entscheidung die deutsche Gesellschaft dauerhaft verändert hat. Für die Gegenwart bedeutet das, Migration nicht nur als Arbeitsmarktinstrument zu betrachten, sondern als langfristigen gesellschaftlichen Prozess mit Folgen für Familien, Identität und politische Teilhabe.

Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen

NDR: „Almanci: Als türkische Arbeitskräfte ab 1961 nach Deutschland kamen“ (29.10.2026)

Der Beitrag ordne das Abkommen als Beginn der Migration türkischer Arbeitskräfte ein und betone neben dem deutschen Arbeitskräftemangel auch Interessen der Türkei. Anders als die dpa-Meldung rücke er die anfängliche Befristung, die ersten Arbeitsamt-Vertretungen und die Entwicklung zur dritten oder vierten Generation in den Mittelpunkt.

Frankfurter Rundschau: „Als Gastarbeiterkind nach Frankfurt: Zahide Özkan über das Leben zwischen zwei Kulturen“ (29.10.2026)

Der Artikel schildere anhand der Familiengeschichte von Zahide Özkan die Erfahrungen einer Nachfolgegeneration. Er bestätige die dauerhafte Wirkung des Abkommens, setze den Schwerpunkt aber auf Ausgrenzung, familiäre Anpassung und die doppelte Zugehörigkeit.

Beide Beiträge stellten die langfristige Bedeutung des Abkommens heraus. Unterschiede ergäben sich vor allem beim Zugang: Während der NDR die historische Entwicklung über Arbeitsmarkt und Migration skizziere, konzentriere sich die Frankfurter Rundschau auf eine persönliche Biografie.

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