Steinmeier verlangt Widerstand gegen den Rechtsextremismus
09.11.2025 - 14:31:18Im Kampf gegen den Rechtsextremismus nimmt BundesprĂ€sident Frank-Walter Steinmeier ausdrĂŒcklich auch die Parteien links der Mitte in die Pflicht. «Jeden Anlass zu nutzen, unliebsame ĂuĂerungen pauschal als rechtsextrem zu diskreditieren», sogar ein gemeinsames Lager mit den Rechtsextremen zu unterstellen, sei unklug, mahnte er bei einer Veranstaltung zum 9. November in seinem Amtssitz, dem Berliner Schloss Bellevue.Â
Der geschichtstrÀchtige 9. November
Damit werde auch an der Brandmauer gerĂŒttelt, betonte Steinmeier. Der Begriff meint die Abgrenzung der anderen Parteien von der AfD. Es sei gefĂ€hrlich, wenn Themen wie Migration und Sicherheit nicht besprochen werden könnten, weil sofort ein Rassismusvorwurf im Raume stehe. Zugleich trĂŒgen die Hauptlast der Abgrenzung die politischen KrĂ€fte von Mitte-rechts.Â
Der 9. November ist ein geschichtstrÀchtiges Datum. Auf diesen Tag fielen unter anderem die Ausrufung der ersten deutschen Republik 1918, die nationalsozialistischen Novemberpogrome 1938 und der Mauerfall 1989.
Der Name AfD fÀllt nicht
Die AfD nannte Steinmeier nicht namentlich, er bezog sich aber mehrfach klar auf sie, etwa als er ein Parteienverbot die «Ultima Ratio» der wehrhaften Demokratie, also ihr letztes Mittel, nannte. Es sei ein legitimes Instrument. «Dieser Tage schreien Gruppen vom rechten Rand bei diesem Thema reflexhaft auf: âDas ist undemokratisch!â Da kann ich nur sagen: Sie haben es selbst in der Hand!» Eine verfassungsfeindliche Partei mĂŒsse immer mit der Möglichkeit eines Verbots rechnen.Â
Die Parteien der Mitte mĂŒssten eine ĂŒberzeugende eigene politische ErzĂ€hlung liefern, verlangte Steinmeier. «Unsere historische Erfahrung lehrt uns: Der waghalsige Versuch jedenfalls, Antidemokraten zu zĂ€hmen, indem man ihnen Macht gewĂ€hrt, er ist nicht nur in Weimar gescheitert», sagte er in Erinnerung an die Weimarer Republik, die dem Nationalsozialismus vorausging.Â
Demokratie so bedroht wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr
Das Grundgesetz und das Strafrecht sĂ€hen Instrumente zur Verteidigung der Freiheit gegen Verfassungsfeinde von rechts und links und gegen Islamisten vor, erklĂ€rte Steinmeier. Beamtinnen und Beamte mĂŒssten parteipolitisch neutral sein, aber nicht mit Blick auf die Werte des Grundgesetzes. «Wer sich gegen den freiheitlichen Kern unserer Verfassung stellt, der kann nicht Richterin, Lehrer oder Soldat sein.»
Die aktuelle Lage zeichnete der BundesprĂ€sident in dĂŒsteren Farben. «Nie in der Geschichte unseres wiedervereinten Landes waren Demokratie und Freiheit so angegriffen. Bedroht durch einen russischen Aggressor, der unsere Friedensordnung zertrĂŒmmert hat, und gegen den wir uns schĂŒtzen mĂŒssen. Und aktuell bedroht durch rechtsextreme KrĂ€fte, die unsere Demokratie angreifen und an Zustimmung in der Bevölkerung gewinnen.»
«Das sĂŒĂe Gift der Wut»
Steinmeier wandte sich gegen unredliche Versprechungen. «Die Rechtsextremen locken mit dem sĂŒĂen Gift der Wut, âDie da obenâ sind der vermeintliche Gegner. Sie verlocken mit dem Versprechen autoritĂ€rer FĂŒhrung und damit, dass endlich Schluss sein wird mit ewigem Streit.»Â
Auch vor erstarkender Judenfeindlichkeit warnte der BundesprĂ€sident. Der Antisemitismus sei nie verschwunden. «Aber sprunghaft angestiegen ist er seit dem 7. Oktober 2023 auch bei uns in Deutschland», sagte er mit Bezug auf den Ăberfall der islamistischen Hamas und anderer Extremisten mit weit mehr als 1.000 Toten und Verschleppten, der den Gaza-Krieg auslöste.
 «Ausgerechnet wir, die Nachfahren derer, die am 9. November 1938 TĂ€ter waren oder Gaffer, unfĂ€hig zur SolidaritĂ€t mit den jĂŒdischen Nachbarn, weggeschaut haben. Ausgerechnet wir schaffen es nicht, diesem Antisemitismus Einhalt zu gebieten.»
Die Fremdheit zwischen Ost und West
Zum Tag des Mauerfalls 1989 stellte Steinmeier fest, die Fremdheit zwischen Ost- und Westdeutschen wachse wieder, die Erinnerung an die Kraft der friedlichen Revolution verblasse. «Dabei lehrt uns dieser 9. November doch vor allem das: dass wir unser Schicksal in den eigenen HÀnden halten, wenn wir Angst in Zuversicht verwandeln, wenn sich genug Menschen zusammentun, die Dinge gemeinsam zum Besseren wenden.»
Auch eine stĂ€rkere Regulierung sozialer Medien hĂ€lt der BundesprĂ€sident fĂŒr nötig. «Die Zukunft unserer Demokratie, da bin ich sicher, wird sich im Netz entscheiden. Behaupten wir unseren Anspruch, demokratische Regeln im Internet durchzusetzen, dann wird sich auch die Demokratie behaupten!»
Ein Aufruf zum Handeln
Die Menschen im Land rief Steinmeier zum Eintreten fĂŒr die Demokratie auf. «Mischen Sie sich ein!» Zum GlĂŒck gebe es viele, die sich einsetzten, in der Kommunalpolitik, in SportverbĂ€nden, Vereinen und Initiativen. «Und denen sage ich: Danke, denn Sie machen uns allen Hoffnung.»Â
Einem auftrumpfenden Nationalismus lasse sich viel entgegensetzen. Recht, Freiheit, Menschlichkeit, Kultur und der Stolz auf Deutschland. «Wir sind verschieden, leben auf dem Dorf oder in der Stadt, in Ost oder West, sind eingewandert oder hier geboren, aber gehören doch alle zusammen in dieses unser Land.» Angesichts der Verantwortung fĂŒr die Geschichte, mĂŒsse der deutsche Patriotismus einer «der eher leisen Töne» sein.Â
Bei aller Bedrohung rief der BundesprĂ€sident zur Zuversicht auf. «Wir mĂŒssen handeln. Wir können handeln! Unsere Demokratie ist nicht dazu verurteilt, sich auszuliefern! Demokratie kann sich wehren!»


