Bahn, Auslandstochter

Bahn verkauft Auslandstochter Arriva

19.10.2023 - 10:57:35

Die Deutsche Bahn trennt sich von ihrer Auslandstochter Arriva. Angesichts der hohen UnpĂŒnktlichkeit fordern Kritiker schon seit Jahren mehr Fokus auf das deutsche KerngeschĂ€ft.

Eine Sprachschule in DĂ€nemark, ein Autohaus in Slowenien, ein Busunternehmen in Budapest - fĂŒr Spötter der umfangreichen AuslandsgeschĂ€fte der Bahn hatte diese stets plakative Beispiele parat. Kritiker fragen schon lange, warum Geld fĂŒr solche AktivitĂ€ten weit abseits des KerngeschĂ€fts vorhanden ist, wĂ€hrend sich FahrgĂ€ste an deutschen Bahnhöfen immer öfter ĂŒber verspĂ€tete ZĂŒge Ă€rgern mĂŒssen.

Mit ihrem nun beschlossenen Verkauf der Auslandstochter Arriva nimmt die Bahn dieser Kritik etwas Wind aus dem Segel. Ein Ende der AktivitĂ€ten außerhalb Deutschlands bedeutet der Schritt aber nicht.

«Das strategische Ziel der Deutschen Bahn ist es, Rekordinvestitionen in den umweltfreundlichen Schienenverkehr im deutschen KerngeschÀft zu tÀtigen», teilte Finanzvorstand Levin Holle mit. «Somit steht der unterzeichnete Kaufvertrag im Sinne der starken Schiene.»

Betreiber der roten Doppelstockbusse

Arriva betreibt Busse und ZĂŒge in Großbritannien und zehn weiteren europĂ€ischen MĂ€rkten. Zum Unternehmen gehören etwa manche der roten Doppelstockbusse in London. Dazu gehörten aber auch besagte Sprachschulen, AutohĂ€user und Busunternehmen in anderen LĂ€ndern. 1,6 Milliarden Euro erhĂ€lt die Deutsche Bahn Medienberichten zufolge nun dafĂŒr, dass sie sich von diesen Firmen trennt. KĂ€ufer von Arriva ist der auf Infrastrukturprojekte spezialisierte Finanzinvestor I Squared Capital. Offizielle Angaben zum Preis gab es nicht.

Noch im Jahr 2010 hatte die Bahn fĂŒr Arriva inklusive Schulden rund 2,7 Milliarden Euro auf den Tisch gelegt. Mit Arriva trennt sich die Bahn indes auch von Verbindlichkeiten von rund einer Milliarde Euro sowie von hohen anstehenden Investitionen in die Unternehmensflotte.

Schon lange strebte die Bahn einen Verkauf an. Doch Interessenten gab es kaum. Insbesondere die Corona-Pandemie setzte Arriva schwer zu. Unter neuer FĂŒhrung hat sich das Unternehmen inzwischen wieder erholt. Doch wegen jahrelang ausgebliebener Investitionen sprechen Fachleute von einem Sanierungsfall.

Erst vor wenigen Wochen hatte die Bahn die nĂ€chste Phase im Verkauf einer weiteren prominenten Konzerntochter bekannt gegeben: FĂŒr den Logistikkonzern DB Schenker will der Vorstand nun auf KĂ€ufersuche gehen. Auch Schenker ist im Ausland höchst umtriebig. Doch anders als Arriva hatte der wirtschaftlich gut laufende Logistikriese die jĂŒngsten Bilanzen der Deutschen Bahn deutlich aufpoliert. Das Interesse von Investoren gilt als groß. Mit den Einnahmen will die Bahn vor allem ihren enormen Schuldenberg von rund 30 Milliarden Euro abbauen.

Milliardenschwere ZukÀufe unter Mehdorn

Arriva und Schenker stehen fĂŒr eine Zeit, in der die Bahn mit milliardenschweren ZukĂ€ufen unter Bahnchef Hartmut Mehdorn und seinem Nachfolger RĂŒdiger Grube versuchte, zum weltweiten Logistik- und Verkehrskonzern, zu einem «Global Player», aufzusteigen. Kritik daran gab es schon damals. Beim Kauf von Arriva 2010 unterstellte der GrĂŒnen-Politiker Anton Hofreiter der BahnfĂŒhrung «GrĂ¶ĂŸenwahn».

Doch ein Global Player bleibt der Konzern auch nach dem Verkauf von Arriva. AutohĂ€user und Sprachschulen gehören dann zwar nicht mehr zum Portfolio. In der konzerneigenen E.C.O.-Gruppe bĂŒndelt die Bahn aber weiter Beratungs- und Entwicklungsangebote sowie den Betrieb fĂŒr zahlreiche Verkehrsprojekte in aller Welt. Ende letzten Jahres hat das Unternehmen etwa einen Milliardenauftrag in Ägypten an Land gezogen. Die Bahn soll dort das erste Hochgeschwindigkeitsnetz betreiben und instandhalten.

Technische UnterstĂŒtzung leistet die Bahn zudem seit einigen Jahren fĂŒr die Doha Metro im WĂŒstenstaat Katar. Die erste Linie des weitgehend unterirdisch verlaufenden Nahverkehrssystems der Hauptstadt ging 2019 in Betrieb. Auch bei einer Umstrukturierung des Hafens von Santos in Brasilien stand die Bahn beratend zur Seite.

Umstrittene Beteiligung

Besonders umstritten ist ihre Beteiligung am mexikanischen Infrastrukturprojekt «Tren Maya». Der Zug soll ab 2024 eine Strecke von rund 1500 Kilometern, grĂ¶ĂŸtenteils auf der Halbinsel YucatĂĄn, abfahren und pro Jahr rund drei Millionen Touristen transportieren. Umweltschutzgruppen und Vertreter indigener Gemeinschaften haben Klagen gegen das Projekt eingereicht - in der Region gibt es sechs Unesco-WeltkulturerbestĂ€tten und fĂŒnf BiosphĂ€renreservate. Bei einem Anschlag auf die Bahninfrastruktur vor einigen Wochen in Hamburg nahmen Extremisten in einem Bekennerschreiben auch darauf Bezug.

Trotz all dieser TĂ€tigkeiten wird das AuslandsgeschĂ€ft der Bahn mit dem Verkauf von Arriva und der geplanten VerĂ€ußerung von Schenker erheblich schrumpfen: Die E.C.O.-Gruppe machte im vergangenen Jahr der Bahn zufolge einen Umsatz von 750 Millionen Euro. «Es ist ein erster Schritt, um den GrĂ¶ĂŸenwahn der DB als internationalen Transportgiganten zu beenden», teilte der GrĂŒnen-Verkehrspolitiker Matthias Gastel am Donnerst mit. «Der erzielte Erlös muss in die StĂ€rkung der Schiene in Deutschland fließen, zum Beispiel zur Sanierung der angeschlagenen DB Cargo.»

@ dpa.de