Frauen, Gewalt

HĂ€usliche Gewalt - Wenn das engste Umfeld zur Gefahr wird

11.07.2023 - 13:31:03

Die eigenen vier WĂ€nde sollten eigentlich ein geschĂŒtzter RĂŒckzugsort sein. Doch fĂŒr viele Menschen, insbesondere Frauen, ist es genau dort am gefĂ€hrlichsten. Wie finden Betroffene von hĂ€uslicher Gewalt Hilfe?

  • Bundesinnenministerin Nancy Faeser appelliert an Opfer hĂ€uslicher Gewalt, die Taten hĂ€ufiger anzuzeigen. - Foto: Peter Steffen/dpa

    Peter Steffen/dpa

  • Im vergangenen Jahr sind in Deutschland deutlich mehr FĂ€lle von hĂ€uslicher Gewalt gemeldet worden. - Foto: Fabian Sommer/dpa

    Fabian Sommer/dpa

Bundesinnenministerin Nancy Faeser appelliert an Opfer hÀuslicher Gewalt, die Taten hÀufiger anzuzeigen. - Foto: Peter Steffen/dpaIm vergangenen Jahr sind in Deutschland deutlich mehr FÀlle von hÀuslicher Gewalt gemeldet worden. - Foto: Fabian Sommer/dpa

Der Anstieg der hÀuslichen Gewalt in den vergangenen Jahren galt bis zuletzt vor allem als Begleiterscheinung der Corona-Krise. Aber auch nach dem Ende der Pandemie scheint sich die negative Entwicklung fortzusetzen: Im vergangenen Jahr sind in Deutschland deutlich mehr FÀlle gemeldet worden als im Vorjahr. Das zeigt das aktuelle Lagebild zur hÀuslichen Gewalt, das am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Einige wichtige ErklÀrungen:

Was ist hÀusliche Gewalt?

Bei hĂ€uslicher Gewalt greifen laut der Soziologin Petra Brzank viele Gewaltformen ineinander. Das Ziel: Macht und Kontrolle ĂŒber eine andere Person zu erlangen und zu festigen. «Dazu zĂ€hlen körperliche, sexualisierte, psychische, ökonomische und auch soziale Gewalt, also etwa das Isolieren der Frau von Freunden und Familie», sagt Brzank, die an der Hochschule Nordhausen in ThĂŒringen lehrt.

Das BKA zÀhlt zur hÀuslichen Gewalt alle Formen körperlicher, sexueller oder psychischer Gewalt zwischen Menschen, die in einer familiÀren oder partnerschaftlichen Beziehung zusammenwohnen. Sie beschreibt laut BKA auch Gewalt in Familie oder (Ex-)Partnerschaft, die nicht im gemeinsamen Haushalt geschieht.

Wo fÀngt hÀusliche Gewalt an?

HĂ€usliche Gewalt beginnt nicht erst mit körperlichen Übergriffen. Es ist vielmehr ein schleichender Prozess, der oft etwa mit Kritik, Eifersucht, Bedrohungen, Beschimpfungen und Kontrolle anfĂ€ngt, wie Petra Söchting, Leiterin des bundesweiten Hilfetelefons «Gewalt gegen Frauen», erklĂ€rt. «Ganz typisch ist, dass die Situation dann mehr und mehr eskaliert, dass die Grenzverletzungen stĂ€rker werden, und es dann irgendwann tatsĂ€chlich auch zu massiven körperlichen Übergriffen kommt.»

Wie verbreitet ist hÀusliche Gewalt in Deutschland?

Im vergangenen Jahr sind in Deutschland deutlich mehr FÀlle hÀuslicher Gewalt gemeldet worden. 240 547 Opfer wurden gezÀhlt, 8,5 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Im Bereich der Gewalt in Partnerschaften registrierten die Behörden 157 550 FÀlle, wie die Deutsche Presse-Agentur am Sonntag erfuhr. Zuvor hatte die «Bild am Sonntag» berichtet. Das entspricht 432 FÀllen pro Tag. 2021 waren es 144 044 FÀlle. Der Anstieg liegt bei 9,4 Prozent. Rund 80 Prozent der Opfer waren Frauen. 78 Prozent der VerdÀchtigen waren MÀnner. 40 Prozent der TÀter waren Ex-Partner, 60 Prozent aktuelle Partner.

Wie hoch wird die Dunkelziffer geschÀtzt?

Die Zahlen hĂ€uslicher Gewalt dĂŒrften weit höher liegen als die Zahlen aus den Auswertungen des Bundeskriminalamtes, die nur die bei der Polizei gemeldeten FĂ€lle enthalten. Dunkelfeld-Studien gehen davon aus, dass 25 Prozent der Frauen im Laufe ihres Lebens hĂ€usliche Gewalt erleben, wie Soziologin Brzank sagt. In den Corona-Jahren habe das GefĂ€hrdungspotenzial zugenommen, erklĂ€rt die Leiterin des Hilfetelefons: Mehr Frauen hĂ€tten angerufen, und Rat und UnterstĂŒtzung gesucht.

An wen können sich Betroffene wenden?

Bundesweit gibt es rund 400 FrauenhĂ€user, rund 100 Schutzwohnungen und mehr als 750 Beratungsstellen. Wer den Gang zur Polizei oder zu einer Beratungsstelle scheut, kann auch ĂŒber Chats und Hilfetelefone UnterstĂŒtzung erhalten. «Der erste Schritt nach außen fĂ€llt Betroffenen oft unglaublich schwer», sagt Hilfetelefon-Leiterin Söchting. Über die Nummer 116 016 könnten Frauen kostenlos, anonym und vertraulich rund um die Uhr anrufen. Die mehrsprachigen Beraterinnen zeigen Handlungsoptionen auf, helfen etwa bei der Entwicklung von NotfallplĂ€nen. FĂŒr gewaltbetroffene MĂ€nner gibt es das Hilfetelefon «Gewalt an MĂ€nnern» unter der Nummer 0800 1239900.

Was können Außenstehende tun?

Bemerke man Gewalt oder Aggressionen - ob in der Familie, der Nachbarschaft, bei Freunden oder Bekannten - gilt laut Söchting: «Es ist wichtig, nicht wegzuschauen.» Man könne versuchen, konkrete Hilfe anzubieten, nach Beratungsmöglichkeiten suchen oder vorschlagen, zu Beratungsstellen mitkommen. Auch Soziologin Brzank rÀt: «Sensibel ansprechen, nachfragen, die eigenen Sorgen deutlich machen. Mich nicht distanzieren und weiterhin Freundschaft und Offenheit signalisieren.»

Wie kann man Kinder am besten schĂŒtzen?

«Kinder erleben die Gewalt mit, sie sehen und hören ja, was passiert», sagt Söchting. Auch wenn sie nicht selbst Gewalt erlebten, seien sie immer Mitbetroffene. Wichtig sei, den Kinderschutz im Blick zu behalten und UnterstĂŒtzungsangebote zu finden. Kinder, Jugendliche und Eltern können auch anonym und kostenlos unter dem Kinder- und Jugendtelefon «Nummer gegen Kummer», anrufen. Die Nummer lautet 116 111.

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