Terrorismusforscher, EinzeltÀter

Terrorismusforscher: Viele EinzeltÀter mit diffusem Motiv

10.04.2025 - 16:46:49

Die Mehrzahl der religiös motivierten AnschlĂ€ge der vergangenen Jahre verĂŒbten TĂ€ter, die sich in Deutschland radikalisiert hatten. Im Hintergrund spielten oft persönliche Lebenskrisen eine Rolle.

Bei mehreren islamistischen TerroranschlĂ€gen der vergangenen fĂŒnf Jahre spielten neben der Ideologie nach EinschĂ€tzung des Extremismusexperten Martin Kahl auch persönliche Motive eine Rolle. Kahl, der am Institut fĂŒr Friedensforschung und Sicherheitspolitik der UniversitĂ€t Hamburg unter anderem zu «gesellschaftlichen und politischen Praktiken im Umgang mit dem radikalen Islam» geforscht hat, sagte bei einem PressegesprĂ€ch des Mediendienstes Integration, die TĂ€ter seien zwar eingebunden in «ideologische Narrative», die weltweit kursierten, aber man könne schon den Eindruck gewinnen, «dass es da auch persönliche Motive gibt, dass sich teilweise die TĂ€ter so Rettung aus ihren eigenen Lebenskrisen durch die Taten versprechen». 

Unzufriedenheit mit LebensumstÀnden

HĂ€ufig gehe es darum, die eigenen LebensumstĂ€nde, die die TĂ€ter selbst als unzufriedenstellend beurteilten, und die bei der Planung der Tat eine wichtige Rolle spielten, um ein islamistisches Motiv ergĂ€nzt wĂŒrden, mit dem Ziel, «der Tat mehr Bedeutung zu geben». Den TĂ€tern gehe es oft darum, das eigene Selbstbewusstsein zu stĂ€rken und berĂŒhmt zu werden. 

In einigen FĂ€llen sei es auch fĂŒr die Gerichte schwierig festzustellen, ob die Ideologie wirklich im Vordergrund steht. «Das kann ja auch so stark miteinander verwoben sein, dass man es irgendwie gar nicht trennen kann», sagte Kahl. 

Vier islamistische AnschlÀge seit Anfang 2024

Bei den zu den letzten vier mutmaßlich religiös motivierten AnschlĂ€gen in Mannheim, Solingen, MĂŒnchen und Berlin ermittelten TatverdĂ€chtigen sei jeweils keine starke psychische Störung festgestellt worden. Das bedeute aber nicht, «dass das dahinterliegende Motiv nicht eben auch eine allgemeine Unzufriedenheit mit den eigenen LebensumstĂ€nden gewesen sein kann, aber das mĂŒssen die Gerichte dann feststellen».

WĂ€hrend in frĂŒheren Jahren fĂŒr islamistische Terroristen als «Trigger» vor allem westliche MilitĂ€rinterventionen wie im Irak und in Afghanistan eine Rolle gespielt hĂ€tten, waren es spĂ€ter nach EinschĂ€tzung von Experten verstĂ€rkt Mohammed-Karikaturen beziehungsweise Koran-Verbrennungen. In den Jahren 2014 bis 2017 folgten AnschlĂ€ge mit Bezug zur Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Laut Kahl ist die IS-Ideologie zwar bis heute ein Bezugspunkt. Bei den letzten AnschlĂ€gen in Deutschland, die nach seinen Worten alle von «operativen EinzeltĂ€tern» mit eher diffusem Motiv verĂŒbt wurden, sei jedoch keine oder nur eine sehr lose Verbindung zu Terrorgruppen festzustellen gewesen.

Kahl und sein Team haben seit 2015 insgesamt 15 islamistische TerroranschlÀge in Deutschland gezÀhlt, zudem vier fehlgeschlagene AnschlÀge sowie jeweils 33 VerdachtsfÀlle und AnschlÀge, die in der Planungs- beziehungsweise Vorbereitungsphase von den Sicherheitsbehörden verhindert wurden.

@ dpa.de