Geteiltes Echo fĂŒr Pistorius` Wehrerfassungs-PlĂ€ne
12.06.2024 - 21:16:49"Deutschland braucht eine starke Bundeswehr. Was Deutschland nicht braucht, ist eine Wehrpflicht. Gut, dass sie nun vom Tisch ist", sagte DĂŒrr am Mittwoch dem Nachrichtenportal "T-Online". Er freue sich, dass Pistorius` VorschlĂ€ge denen der FDP nĂ€her kĂ€men. "Wenn echte VerteidigungsfĂ€higkeit unser Ziel ist, mĂŒssen wir junge Menschen dafĂŒr begeistern, den wichtigen Dienst an unserer Sicherheit zu leisten, anstatt sie gegen ihren Willen zu verpflichten", sagte DĂŒrr. Eine verbindliche Selbstauskunft könne dazu beitragen. "AuĂerdem brauchen wir eine StĂ€rkung unserer Reserve, in der groĂes Potenzial liegt", so der FDP-Politiker weiter. "Die Bundeswehr muss ein attraktiver Arbeitgeber sein, der breite Berufsperspektiven schafft. Auch das muss noch viel stĂ€rker in den Fokus." Ăhnlich sieht das SPD-Chef Lars Klingbeil. "Klar ist, wir mĂŒssen junge Menschen ĂŒberzeugen, freiwillig zur Bundeswehr zu gehen", sagte Klingbeil dem "Stern". "Es geht jetzt darum, die Bundeswehr zu einem attraktiven Arbeitgeber zu machen. Das kann vor allem ĂŒber Anreize gelingen." Pistorius packe die Personalprobleme bei der Bundeswehr an, sagte Klingbeil. "Er hat dabei meine UnterstĂŒtzung." Das Land mĂŒsse wieder "verteidigungsfĂ€hig" werden. Russland fĂŒhre einen brutalen Krieg gegen die Ukraine und auch gegen unsere Werte. "DafĂŒr brauchen wir eine moderne Bundeswehr, die gut aufgestellt und gut ausgestattet ist." Es brauche die besten KrĂ€fte, "die bereit sind", unser Land zu verteidigen. Das heiĂe auch, dass Soldaten noch mehr WertschĂ€tzung entgegengebracht werden mĂŒsse. Der Union gehen die PlĂ€ne hingegen nicht weit genug. Der stellvertretende Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, Henning Otte (CDU), hat begrĂŒĂt, dass der Verteidigungsminister das Thema Personalaufbau mit diesem ersten Schritt thematisiert. "Allerdings fehlt die politische Einigung in der Koalition fĂŒr eine GrundgesetzĂ€nderung, die einen anlassbezogenen verpflichtenden Dienst fĂŒr MĂ€nner und Frauen ermöglichen wĂŒrde", sagte Otte dem "Handelsblatt" (Donnerstagausgabe). Um angesichts der sicherheitspolitischen Lage schnell und umfassend reagieren zu können, "wĂ€re eine solche GrundgesetzĂ€nderung, auch um Rechtssicherheit zu bekommen, der bessere Weg gewesen", so Otte. Der vorgeschlagene Wehrdienst sei im Grunde lediglich eine StĂ€rkung des bestehenden freiwilligen Dienstes, sagte der CDU-Politiker den Zeitungen der Mediengruppe Bayern (Donnerstagausgaben). Otte kritisiert auch die kurze Verpflichtungsdauer, die der SPD-Minister anvisiert. "Im Rahmen der notwendigen Zeitenwende wĂ€re ein Konzept, was ĂŒber den Plan eines sechsmonatigen freiwilligen Grundwehrdienstes hinausgeht, der Sicherheitslage angemessener gewesen." Der verteidigungspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Florian Hahn (CSU), hĂ€lt die Reform ebenfalls nicht fĂŒr ausreichend. "Das vorgestellte Modell wird seinem Anspruch schon dem Namen nach nicht gerecht", sagte Hahn den Zeitungen der Funke-Mediengruppe (Donnerstagausgaben). "Weder handelt es sich um eine Pflicht, noch wird die Wehr adĂ€quat gestĂ€rkt." Die von Pistorius vorgestellten PlĂ€ne seien nach langen AnkĂŒndigungen ein "mageres Ergebnis". Hahn fĂŒhrte dies auf mangelnde UnterstĂŒtzung in der Ampel-Koalition fĂŒr den Minister zurĂŒck. "Anstatt die so dringend notwendigen Entscheidungen bewusst auf- und in die nĂ€chste Wahlperiode zu schieben, wĂ€re es richtig gewesen, jetzt alle Voraussetzungen fĂŒr den personellen Aufwuchs der StreitkrĂ€fte und die EinfĂŒhrung einer Wehrpflicht zu schaffen", sagte der CSU-Politiker. "Dazu gehören besonders die Infrastruktur und die Ausbildungsorganisation jetzt aufzubauen." Der GrĂŒnen-Abgeordnete Emilia Fester gehen die PlĂ€ne hingegen zu weit. "Das ist ein krasser Eingriff in das Leben von jungen Menschen", sagte sie dem Nachrichtenportal "Watson". Stattdessen solle man ihnen besser zuhören und ihre WĂŒnsche und Sorgen ernst nehmen. Fester setzt auf eine weitreichende Reform des freiwilligen Wehrdienstes, aber auch aller zivilen Freiwilligendienste. Diese soll die Jugend einerseits gleichstellen und andererseits mit guter Demokratiebildung und finanzieller Absicherung fĂŒr alle jungen Menschen ausstatten. "Wir sollten das komplette Potenzial der Freiwilligkeit nutzen", sagte sie. Dass der Vorschlag der Wehrdienst-Reform in erster Linie verpflichtend nur junge MĂ€nner betrifft und fĂŒr Frauen lediglich freiwillig sein soll, versteht die GrĂŒnen-Abgeordnete nicht. "WĂ€re die Musterungspflicht nicht sowieso schon ein fragwĂŒrdiger Vorschlag fĂŒr die angesprochene Jugend, so gilt der erwartbare verpflichtende Einzug zu allem Ăberfluss auch noch nur den jungen MĂ€nnern", so Fester. "Was soll das fĂŒr ein Zeichen an die Frauen in der Bundeswehr sein, die einen so wichtigen Teil zur KulturverĂ€nderung in der Armee beitragen?" Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) hatte am Mittwoch seine PlĂ€ne fĂŒr einen "Auswahlwehrdienst" vorgestellt. KĂŒnftig sollen demnach alle 18-JĂ€hrigen digital fĂŒr einen Fragebogen zur Wehrerfassung kontaktiert werden. FĂŒr MĂ€nner soll das AusfĂŒllen des Bogens verpflichtend sein, fĂŒr Frauen freiwillig. So soll das Interesse möglicher Bewerber, ihr Gesundheitszustand und beispielsweise ihre Hobbys erhoben werden. Die "fittesten, geeignetsten und interessiertesten" 40.000 bis 50.000 jungen Erwachsenen jedes Jahrgangs sollen dann - ebenfalls verpflichtend - zur Musterung eingeladen werden. Insgesamt sollen so zunĂ€chst 5.000 zusĂ€tzliche Rekruten gewonnen werden, mit steigender Tendenz. Ihnen werden zwei Optionen angeboten: ein Grundwehrdienst mit einer Dauer von sechs Monaten fĂŒr GewehrtrĂ€ger mit geringerer Qualifikation. Oder ein Wehrdienst von zwölf bis 17 Monaten, bei dem die Teilnehmer tiefer in die Strukturen der Bundeswehr integriert werden und so beispielsweise lernen, bestimmte IT-Dienstleistungen zu erbringen oder Panzer zu fahren. Insgesamt sieht Pistorius die Notwendigkeit, die Zahl der aktuell 181.000 StreitkrĂ€fte auf 203.000 zu erhöhen. Durch die WehrdienstplĂ€ne sollen auĂerdem zu den 60.000 Reservisten 200.000 Personen hinzukommen, die nach dem Wehrdienst in die Reserve ĂŒberfĂŒhrt werden. Zum Vergleich: Zu Zeiten des Kalten Krieges gab es rund 500.000 StreitkrĂ€fte und etwa 800.000 Reservisten.


