SchÀuble: Ein Rekord-Parlamentarier mit Leib und Seele
27.12.2023 - 09:37:05Manche nannten ihn Strippenzieher, andere graue Eminenz oder auch Sphinx, weil er so schwer zu durchschauen war. Unbestritten ist mit Wolfgang SchÀuble eine der herausragenden Karrieren in der bundesdeutschen Geschichte verbunden. Daran Ànderte auch ein Attentat eines Verwirrten im Oktober 1990 nichts, das SchÀuble in den Rollstuhl zwang.
SchĂ€uble, dessen Vater Karl schon fĂŒr die CDU im Badischen Landtag saĂ, hat viel erreicht in seinem Leben. Er war Chef des Kanzleramtes, zweimal Innenminister, Finanzminister, er fĂŒhrte die CDU/CSU-Bundestagsfraktion, stand schlieĂlich dem Bundestag als PrĂ€sident vor. Niemand gehörte dem Parlament lĂ€nger an als er, als «ewiger Abgeordneter» wurde er mitunter tituliert. 1972 war er erstmals ins «Hohe Haus» eingezogen, dem er ohne Unterbrechung bis zu seinem Tod am Dienstagabend im Alter von 81 Jahren angehörte. Die Wegbegleiter hatten es nicht immer leicht mit dem Badener.
SchÀuble und Kohl - Eine enge Beziehung endet im Bruch
Kanzler Helmut Kohl macht SchĂ€uble 1984 zum Chef des Bundeskanzleramtes und Bundesminister fĂŒr besondere Aufgaben, von 1989 bis 1991 dann zum Bundesinnenminister. SchĂ€uble handelt nach dem Mauerfall in der DDR den Einigungsvertrag mit aus und gehört mit zu den Architekten der Wiedervereinigung. Als Chef der Unionsfraktion sichert SchĂ€uble von 1991 an Kohls Regierungsmacht ab. Zur Bundestagswahl 1998 tritt Kohl noch einmal an, benennt aber SchĂ€uble zu seinem Wunschnachfolger zu einem spĂ€teren Zeitpunkt. Dazu sollte es nicht kommen. Die Union verliert die Wahl. SchĂ€uble wird aber Parteichef.
Schon bald danach erschĂŒttert eine SpendenaffĂ€re die CDU. Sie kostet Kohl den Ehrenvorsitz, die Turbulenzen erfassen aber auch SchĂ€uble. Unter dem Druck immer neuer EnthĂŒllungen ĂŒber eine Barspende in Höhe von 100 000 Mark vom WaffenhĂ€ndler Karlheinz Schreiber gibt SchĂ€uble im Februar 2000 den Vorsitz von Partei und Fraktion auf. Es kommt zum Bruch mit seinem einstigen Freund und Förderer Kohl. Der Riss lĂ€sst sich nie wieder kitten. SchĂ€ubles jĂŒngerer und 2013 verstorbener Bruder Thomas, einst Innenminister von Baden-WĂŒrttemberg, sagt spĂ€ter dazu: «Ich verabscheue Herrn Kohl. Und ich kann da fĂŒr die ganze Familie sprechen.»
SchÀuble und Merkel - Loyal trotz gelegentlicher Differenzen
Ohne SchĂ€uble wĂ€re die Karriere von Angela Merkel womöglich anders verlaufen. Nach dem Abgang Kohls vom Parteivorsitz macht der neue CDU-Chef SchĂ€uble die vormalige Ministerin zur GeneralsekretĂ€rin. Als der Strudel der SpendenaffĂ€re auch SchĂ€uble mitreiĂt, spĂŒlt die Parteibasis Merkel an die Parteispitze. Als Kanzlerin beruft sie 2005 SchĂ€uble erneut zum Innenminister, 2009 dann zum Finanzminister. In der Griechenland-Krise treten unterschiedliche Meinungen beider zutage, Merkel hĂ€lt aber an ihrem Finanzminister fest, auch als er bei einem Krisentreffen zur Euro-Rettung aus gesundheitlichen GrĂŒnden ausfĂ€llt. Auf der Haben-Seite als Finanzminister steht die «schwarze Null», also ein Bundeshaushalt ohne neue Schulden.
Trotz gelegentlicher Differenzen steht SchĂ€uble loyal zu Merkel. Zum Ende ihrer Amtszeit hat er Lob und ein wenig Kritik fĂŒr sie parat. Im Wahlkampf erklĂ€rt er im «Tagesspiegel», dass er in Merkels Entscheidung, 2018 den CDU-Vorsitz abzugeben, einen Grund fĂŒr das «enge Rennen» zwischen Union und SPD sieht. Auf der anderen Seite lobt er bei eine Veranstaltung des Nachrichtenportals «The Pioneer»: «Angela Merkel hat uns in 16 Jahren mit unglaublichen disruptiven VerĂ€nderungen StabilitĂ€t gesichert. Das ist eine groĂe Leistung.» SchĂ€uble wĂŒrdigt ihre Bescheidenheit, lĂ€sst aber auch durchblicken, dass er sich gelegentlich entschlossenere FĂŒhrung gewĂŒnscht hĂ€tte.
SchÀuble und die CDU
Wenngleich die Zeit des Parteivorsitzes nur kurz war, bleibt SchĂ€uble einer der einflussreichsten Politiker in seiner Partei und mischt in den Spitzengremien mit. Im Krimi um die Kanzlerkandidatur 2021 schlĂ€gt er sich auf die Seite des CDU-Vorsitzenden Armin Laschet, der das Rennen gegen CSU-Chef Markus Söder gewinnt, jenes um das Kanzleramt aber verliert. Erst nach der von der Union verlorenen Bundestagswahl 2021 zieht sich SchĂ€uble aus den FĂŒhrungsgremien zurĂŒck.
SchÀuble und der Bundestag
Mit 45-jĂ€hriger Parlamentserfahrung wird SchĂ€uble 2017 zum BundestagsprĂ€sidenten gewĂ€hlt, es ist das zweithöchste Amt in der Bundesrepublik. DarĂŒber steht nur das des BundesprĂ€sidenten. Auch dafĂŒr wurde SchĂ€uble mehrmals gehandelt, es fehlte wohl die nötige UnterstĂŒtzung Merkels. Als BundestagsprĂ€sident steht SchĂ€uble zwei groĂen Herausforderungen gegenĂŒber. Beim Umgang mit einer starken AfD-Fraktion wĂ€hlt er klare Worte, aber keinen zu rauen Ton. Erfolglos bleibt hingegen sein BemĂŒhen um eine Wahlrechtsreform, um die weitere AufblĂ€hung der Abgeordnetenzahl zu verhindern. Er scheitert im Wesentlichen an den eigenen Reihen.
Anders als die Kanzlerin steigt SchĂ€uble 2021 nach dem Machtverlust der Union nicht aus der Politik aus und kandidiert erneut fĂŒr den Bundestag, dem er schon fast ein halbes Jahrhundert angehört. In seinem Wahlkreis Offenburg holt er wieder das Direktmandat. Dem Vorbild anderer CDU-Politiker wie Peter Altmaier oder Annegret Kramp-Karrenbauer, die auf ihr gewonnenes Mandat zugunsten von JĂŒngeren verzichten, folgt SchĂ€uble nicht. Er wolle das Mandat wahrnehmen, und zwar ĂŒber die volle Wahlperiode, sagt ein Sprecher.
SchĂ€uble bleibt einfacher Abgeordneter. Als AltersprĂ€sident - nach einer RegelĂ€nderung zuungunsten der AfD ist das nun jener Politiker mit den meisten Jahren im Bundestag - eröffnet SchĂ€uble die erste Sitzung und wirbt fĂŒr offenen Diskurs und selbstbewusste Abgeordnete. SchĂ€uble sah sich als «Parlamentarier mit Leib und Seele», wie er selbst einmal sagte.





