Todesfahrt, Magdeburg

Todesfahrt von Magdeburg: Zwischen Schock und Spurensuche

21.12.2024 - 17:55:31 | dpa.de

Die Republik ist erschĂŒttert. Ein Auto rast kurz vor Heiligabend in einen Weihnachtsmarkt. Traurige Bilanz des Anschlags: FĂŒnf Tote und 200 Verletzte. Nun gibt es erste Hinweise zum Motiv.

  • Am frĂŒhen Morgen durchsucht die Polizei in Zusammenhang mit der Attacke auf dem Weihnachtsmarkt ein Wohnhaus. - Foto: Sebastian Willnow/dpa
    Am frĂŒhen Morgen durchsucht die Polizei in Zusammenhang mit der Attacke auf dem Weihnachtsmarkt ein Wohnhaus. - Foto: Sebastian Willnow/dpa
  • Am Tag nach der Attacke blieb der Magdeburger Weihnachtsmarkt geschlossen.  - Foto: Sebastian Kahnert/dpa
    Am Tag nach der Attacke blieb der Magdeburger Weihnachtsmarkt geschlossen. - Foto: Sebastian Kahnert/dpa
  • Emotionale Szenen: Bundesinnenministerin Faeser tauschte sich mit Rettern aus. - Foto: Jan Woitas/dpa
    Emotionale Szenen: Bundesinnenministerin Faeser tauschte sich mit Rettern aus. - Foto: Jan Woitas/dpa
  • Bislang ist unklar, wie der TĂ€ter trotz Betonklötzen auf den Weihnachtsmarkt gelangen konnte.  - Foto: Peter Gercke/dpa-Zentralbild/dpa
    Bislang ist unklar, wie der TÀter trotz Betonklötzen auf den Weihnachtsmarkt gelangen konnte. - Foto: Peter Gercke/dpa-Zentralbild/dpa
  • Menschen zĂŒnden Kerzen an und legen Blumen nieder. - Foto: Christoph Soeder/dpa
    Menschen zĂŒnden Kerzen an und legen Blumen nieder. - Foto: Christoph Soeder/dpa
  • Auf vielen WeihnachtsmĂ€rkten wird nun die PolizeiprĂ€senz erhöht. Der Magdeburger Weihnachtsmarkt bleibt fĂŒr dieses Jahr geschlossen. - Foto: dpa
    Auf vielen WeihnachtsmĂ€rkten wird nun die PolizeiprĂ€senz erhöht. Der Magdeburger Weihnachtsmarkt bleibt fĂŒr dieses Jahr geschlossen. - Foto: dpa
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Nach dem Anschlag auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt mit mindestens fĂŒnf Toten kommen mehr Details rund um die erschĂŒtternde Tat ans Licht. Das Motiv des mutmaßlichen TĂ€ters könnte Unzufriedenheit mit dem Umgang von FlĂŒchtlingen aus Saudi-Arabien in Deutschland gewesen sein, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Horst Walter Nopens in Magdeburg. 

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den VerdĂ€chtigen nun wegen fĂŒnffachen Mordes. Der Tatvorwurf laute darĂŒber hinaus versuchter Mord in 200 FĂ€llen in Tateinheit mit gefĂ€hrlicher Körperverletzung, so Nopens. Der TatverdĂ€chtige befinde sich derzeit in polizeilichem Gewahrsam. Er habe sich bereits zur Tat geĂ€ußert. Die Bundesanwaltschaft prĂŒfe noch, ob sie die Ermittlungen ĂŒbernehme, teilten die SicherheitskrĂ€fte in Magdeburg mit. 

Das Auto war am Freitagabend auf einem Weihnachtsmarkt mit hoher Geschwindigkeit in eine Menschenmenge gerast. Nach Behördenangaben wurden vier Erwachsene und ein neunjÀhriges Kind getötet. Es gebe insgesamt 205 Opfer, darunter 5 Tote. MinisterprÀsident Reiner Haseloff (CDU) sprach von einem «menschenverachtenden Anschlag». Nach Informationen der Stadt wurden die Opfer in 15 Kliniken gebracht, auch nach Brandenburg. 

Stadt verteidigt Sicherheitskonzept

Der mutmaßliche TĂ€ter soll mit seinem Wagen ĂŒber einen Flucht- und Rettungsweg auf den Weihnachtsmarkt gelangt sein, berichtete Tom-Oliver Langhans, der Direktor der Polizeiinspektion Magdeburg. Die Fahrt habe nur rund drei Minuten bis zur Festnahme gedauert. 

Der Rettungsweg war nach Angaben der Stadt nicht durch Sperren oder Poller geschĂŒtzt. Notarzt und Feuerwehr sollten ĂŒber diesen Weg bei UnfĂ€llen oder anderen EinsĂ€tzen auf dem Platz gelangen können, erklĂ€rte Ronni Krug, Beigeordneter fĂŒr Personal, BĂŒrgerservice und Ordnung der Stadt. Dort seien aber mobile EinsatzkrĂ€fte stationiert gewesen. Das Konzept habe sich Â«ĂŒber lange Jahre bewĂ€hrt». 

Man habe es mit einem Fall zu tun, mit dem kein Veranstalter habe rechnen könne, sagte Krug. Das Sicherheitskonzept fĂŒr den Markt sei zuletzt im November dieses Jahres verschĂ€rft worden, es sei «nach bestem Wissen und Gewissen» erstellt worden.

Die AfD-Landtagsfraktion forderte eine Sondersitzung des Innenausschusses - auch zur AufklÀrung möglicher Verfehlungen oder VersÀumnisse. 

VerdÀchtiger erhielt Asyl

Bei dem noch am Abend festgenommenen VerdĂ€chtigen handelt es sich um Taleb A., einen Arzt aus Bernburg, der aus Saudi-Arabien stammt. Der Mann ist islamkritischer Aktivist. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur bezeichnet sich der 50-JĂ€hrige, der seit 2006 in Deutschland lebt, selbst als Ex-Muslim. Demnach stellte er im Februar 2016 einen Asylantrag, ĂŒber den im Juli desselben Jahres entschieden wurde. Der saudische StaatsbĂŒrger erhielt damals Asyl als politisch Verfolgter. 

In sozialen Medien und Interviews erhob Taleb A. zuletzt teils wirr formulierte VorwĂŒrfe gegen deutsche Behörden. Er hielt ihnen unter anderem vor, nicht genĂŒgend gegen Islamismus zu unternehmen. Wie eine Sprecherin des Gesundheitsunternehmens Salus auf Anfrage mitteilte, war der 50-JĂ€hrige als Facharzt fĂŒr Psychiatrie im Maßregelvollzug in Bernburg tĂ€tig. Er habe mit suchtkranken StraftĂ€tern gearbeitet und sei seit MĂ€rz 2020 in der Einrichtung tĂ€tig gewesen. 

Der Mann war am Tatort nach der Fahrt von EinsatzkrÀften gestellt und festgenommen worden. Nach derzeitigem Ermittlungsstand könne ein zweiter TÀter ausgeschlossen werden, sagte ein Polizeisprecher in Magdeburg. 

Warnung aus Saudi-Arabien

Saudi-Arabien hatte Deutschland vor Taleb A. gewarnt, hieß es aus saudischen Sicherheitskreisen. Das Königreich habe seine Auslieferung beantragt, darauf habe Deutschland nicht reagiert. Der Mann stammt demnach aus der Stadt Al-Hofuf im Osten Saudi-Arabiens. Er sei Schiit gewesen. Nur etwa zehn Prozent der Bevölkerung in dem mehrheitlich sunnitischen Land sind schiitisch. Es gibt immer wieder Berichte ĂŒber Diskriminierungen gegenĂŒber Schiiten im Land. Saudi-Arabien verurteilte die tödliche Attacke in einer Mitteilung auf X - in der Stellungnahme erwĂ€hnte das Land den VerdĂ€chtigen nicht.

Berliner Justiz kannte Taleb A.

Nach dpa-Informationen lag gegen Taleb A. zudem ein Verfahren der Amtsanwaltschaft Berlin wegen des Missbrauchs von Notrufen durch Taleb A. vor. Zuerst hatte der «Spiegel» berichtet. Dem Angeklagten wurde vorgeworfen, im Februar im DienstgebÀude der Berliner Polizei den Notruf der Feuerwehr gewÀhlt zu haben, ohne dass ein Notfall vorgelegen habe. Daher wurde beim Amtsgericht Tiergarten Strafbefehl beantragt, der mit 20 TagessÀtzen zu je 30 Euro erlassen wurde. 

Der Angeklagte habe Einspruch eingelegt. Zum Hauptverhandlungstermin am vergangenen Donnerstag (19. Dezember) sei der Angeklagte nicht erschienen, so die Berliner Staatsanwaltschaft. Der Einspruch sei auf Antrag der Amtsanwaltschaft verworfen worden. 

Scholz verspricht AufklÀrung

Nach Angaben von Haseloff raste der Mann bei dem Anschlag mit einem Leihwagen in die Menschenmenge. Die «Bild» schrieb unter Berufung auf die Polizei, dass sich die Fahrt auf dem GelĂ€nde ĂŒber 400 Meter erstreckt habe. Es wĂŒrden Durchsuchungen durchgefĂŒhrt, sagte eine Sprecherin. 

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) sprach bei einem Besuch vor Ort von einer «furchtbaren, wahnsinnigen Tat». Es gebe keinen friedlicheren und fröhlicheren Ort als einen Weihnachtsmarkt. Jetzt sei wichtig, dass man aufklĂ€re, mit aller PrĂ€zision und Genauigkeit, sagte Scholz. «Es darf nichts ununtersucht bleiben - und so wird es auch sein.» Man mĂŒsse den TĂ€ter, seine Handlungen und Motive genau verstehen und darauf mit den strafrechtlichen Konsequenzen reagieren. 

Haseloff will Opfern helfen

MinisterprĂ€sident Haseloff will den Opfern und Angehörigen der Todesfahrt unter die Arme greifen. Sein Kabinett habe Festlegungen getroffen ĂŒber «finanzielle und organisatorische Ressourcen», sagte Haseloff. Mit dem Kanzler habe man darĂŒber geredet, wie die Hilfe und UnterstĂŒtzung des Bundes aussehen werde.

Die Stadt Magdeburg und WohlfahrtsverbĂ€nde richteten Spendenkonten fĂŒr die Opfer und Betroffenen ein. Es gehe darum, den Betroffenen möglichst schnell UnterstĂŒtzung zu ermöglichen, erklĂ€rte die Stadt. Der Opferbeauftragte der Bundesregierung, Pascal Kober, kĂŒmmert sich nach der Todesfahrt um die Betreuung der Betroffenen. Bei Bedarf werde psychosoziale und praktische Hilfe vermittelt, teilte das Bundesjustizministerium mit. 

Naben Scholz und Haseloff machten sich auch Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD), Bundesjustizminister Volker Wissing, Umweltministerin Steffi Lemke (GrĂŒne) und Unionsfraktionschef Friedrich Merz (CDU) am Vormittag ein Bild vom Tatort. Am Abend sollte es im Dom eine Gedenkfeier geben. Das Innenministerium von Sachsen-Anhalt ordnete bis Montag Trauerbeflaggung an allen DienstgebĂ€uden des Landes an. Bundesinnenministerin Faeser ordnete bundesweit Trauerbeflaggung an den obersten Bundesbehörden an. 

Auch MitgefĂŒhl von Nato und UN

BundesprĂ€sident Frank-Walter Steinmeier schrieb: «Die Vorfreude auf ein friedliches Weihnachtsfest wurde durch die Meldungen aus Magdeburg jĂ€h unterbrochen.» Nato-GeneralsekretĂ€r Mark Rutte drĂŒckte Scholz sein MitgefĂŒhl aus. Die Vereinten Nationen bekundeten ihr Beileid ebenso wie EU-KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen. 

Der französische PrĂ€sident Emmanuel Macron schrieb auf X, Frankreich teile den Schmerz des deutschen Volks. Er sei zutiefst erschĂŒttert ĂŒber «den Horror», der den Weihnachtsmarkt heimgesucht habe. 

Video soll Festnahme des VerdÀchtigen zeigen

Ein Handyvideo soll die Festnahme des VerdĂ€chtigen zeigen. In dem Clip ist zu sehen, wie ein Polizist seine Waffe auf den VerdĂ€chtigen richtet und ihm zuruft, sich hinzulegen: «Die HĂ€nde auf den RĂŒcken!» und «Bleib liegen!» Der Mann legt sich neben einem schwarzen - sichtbar beschĂ€digten - Auto auf den Boden und befolgt die Anweisungen. Schließlich kommt VerstĂ€rkung, mehrere Polizisten springen aus dem Einsatzwagen und umkreisen den liegenden VerdĂ€chtigen. 

Rund acht Jahre nach Berliner Weihnachtsmarktanschlag

Fast auf den Tag genau vor acht Jahren, am 19. Dezember 2016, war in Berlin ein islamistischer Terrorist mit einem entfĂŒhrten Lastwagen auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz gerast. Dabei wurden zwölf Menschen getötet, das 13. Opfer starb 2021 an den Folgen. Mehr als 70 Menschen wurden verletzt. Der AttentĂ€ter floh nach Italien, wo er von der Polizei erschossen wurde. Die Berliner Polizei will nun ihre PrĂ€senz auf den Berliner WeihnachtsmĂ€rkten erhöhen.

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