Hunderte gedenken der Opfer nach Todesfahrt von Magdeburg
21.12.2024 - 21:14:52 | dpa.deEinen Tag nach der Todesfahrt auf dem Weihnachtsmarkt in Magdeburg haben zahlreiche Menschen bei einem Gedenkgottesdienst der Opfer gedacht. Sie kamen zu einer Trauerandacht im Magdeburger Dom zusammen. Darunter war auch BundesprĂ€sident Frank-Walter Steinmeier. Indes kommen mehr Details rund um die erschĂŒtternde Tat ans Licht. Das Motiv des mutmaĂlichen TĂ€ters könnte Unzufriedenheit mit dem Umgang von FlĂŒchtlingen aus Saudi-Arabien in Deutschland gewesen sein, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Horst Walter Nopens in Magdeburg.
Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den VerdĂ€chtigen nun wegen fĂŒnffachen Mordes. Der Tatvorwurf laute darĂŒber hinaus versuchter Mord in 200 FĂ€llen in Tateinheit mit gefĂ€hrlicher Körperverletzung, so Nopens. Der TatverdĂ€chtige befinde sich derzeit in polizeilichem Gewahrsam. Er habe sich bereits zur Tat geĂ€uĂert. Er sollte noch einem Haftrichter vorgefĂŒhrt werden.
Das Auto war am Freitagabend auf einem Weihnachtsmarkt mit hoher Geschwindigkeit in eine Menschenmenge gerast. Nach Behördenangaben wurden vier Erwachsene und ein neunjĂ€hriges Kind getötet. Es gebe insgesamt 205 Opfer, darunter 5 Tote. MinisterprĂ€sident Reiner Haseloff (CDU) sprach von einem «menschenverachtenden Anschlag». Nach Informationen der Stadt wurden die Opfer in 15 Kliniken gebracht, auch nach Brandenburg.Â
Stadt verteidigt Sicherheitskonzept
Der mutmaĂliche TĂ€ter soll mit seinem Wagen ĂŒber einen Flucht- und Rettungsweg auf den Weihnachtsmarkt gelangt sein, berichtete Tom-Oliver Langhans, der Direktor der Polizeiinspektion Magdeburg. Die Fahrt habe nur rund drei Minuten bis zur Festnahme gedauert.Â
Der Rettungsweg war nach Angaben der Stadt nicht durch Sperren oder Poller geschĂŒtzt. Notarzt und Feuerwehr sollten ĂŒber diesen Weg bei UnfĂ€llen oder anderen EinsĂ€tzen auf dem Platz gelangen können, erklĂ€rte Ronni Krug, Beigeordneter fĂŒr Personal, BĂŒrgerservice und Ordnung der Stadt. Dort seien aber mobile EinsatzkrĂ€fte stationiert gewesen. Das Konzept habe sich Â«ĂŒber lange Jahre bewĂ€hrt».Â
VerdÀchtiger erhielt Asyl
Bei dem noch am Abend festgenommenen VerdĂ€chtigen handelt es sich um Taleb A., einen Arzt aus Bernburg, der aus Saudi-Arabien stammt. Der Mann ist islamkritischer Aktivist. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur bezeichnet sich der 50-JĂ€hrige, der seit 2006 in Deutschland lebt, selbst als Ex-Muslim. Demnach stellte er im Februar 2016 einen Asylantrag, ĂŒber den im Juli desselben Jahres entschieden wurde. Der saudische StaatsbĂŒrger erhielt damals Asyl als politisch Verfolgter.Â
In sozialen Medien und Interviews erhob Taleb A. zuletzt teils wirr formulierte VorwĂŒrfe gegen deutsche Behörden. Er hielt ihnen unter anderem vor, nicht genĂŒgend gegen Islamismus zu unternehmen. Wie eine Sprecherin des Gesundheitsunternehmens Salus auf Anfrage mitteilte, war der 50-JĂ€hrige als Facharzt fĂŒr Psychiatrie im MaĂregelvollzug in Bernburg tĂ€tig. Er habe mit suchtkranken StraftĂ€tern gearbeitet und sei seit MĂ€rz 2020 in der Einrichtung tĂ€tig gewesen.Â
Der Mann war am Tatort nach der Fahrt von EinsatzkrĂ€ften gestellt und festgenommen worden. Nach derzeitigem Ermittlungsstand könne ein zweiter TĂ€ter ausgeschlossen werden, sagte ein Polizeisprecher in Magdeburg.Â
Warnung aus Saudi-Arabien
Saudi-Arabien hatte Deutschland vor Taleb A. gewarnt, hieĂ es aus saudischen Sicherheitskreisen. Das Königreich habe seine Auslieferung beantragt, darauf habe Deutschland nicht reagiert. Der Mann stammt demnach aus der Stadt Al-Hofuf im Osten Saudi-Arabiens. Er sei Schiit gewesen. Nur etwa zehn Prozent der Bevölkerung in dem mehrheitlich sunnitischen Land sind schiitisch. Es gibt immer wieder Berichte ĂŒber Diskriminierungen gegenĂŒber Schiiten im Land. Saudi-Arabien verurteilte die tödliche Attacke in einer Mitteilung auf X - in der Stellungnahme erwĂ€hnte das Land den VerdĂ€chtigen nicht.
Berliner Justiz kannte Taleb A.
Nach dpa-Informationen lag gegen Taleb A. zudem ein Verfahren der Amtsanwaltschaft Berlin wegen des Missbrauchs von Notrufen durch Taleb A. vor. Zuerst hatte der «Spiegel» berichtet. Dem Angeklagten wurde vorgeworfen, im Februar im DienstgebĂ€ude der Berliner Polizei den Notruf der Feuerwehr gewĂ€hlt zu haben, ohne dass ein Notfall vorgelegen habe. Daher wurde beim Amtsgericht Tiergarten Strafbefehl beantragt, der mit 20 TagessĂ€tzen zu je 30 Euro erlassen wurde.Â
Der Angeklagte habe Einspruch eingelegt. Zum Hauptverhandlungstermin am vergangenen Donnerstag (19. Dezember) sei der Angeklagte nicht erschienen, so die Berliner Staatsanwaltschaft. Der Einspruch sei auf Antrag der Amtsanwaltschaft verworfen worden.Â
Scholz verspricht AufklÀrung
Nach Angaben von Haseloff raste der Mann bei dem Anschlag mit einem Leihwagen in die Menschenmenge. Die «Bild» schrieb unter Berufung auf die Polizei, dass sich die Fahrt auf dem GelĂ€nde ĂŒber 400 Meter erstreckt habe. Es wĂŒrden Durchsuchungen durchgefĂŒhrt, sagte eine Sprecherin.Â
Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) sprach bei einem Besuch vor Ort von einer «furchtbaren, wahnsinnigen Tat». Es gebe keinen friedlicheren und fröhlicheren Ort als einen Weihnachtsmarkt. Jetzt sei wichtig, dass man aufklĂ€re, mit aller PrĂ€zision und Genauigkeit, sagte Scholz. «Es darf nichts ununtersucht bleiben - und so wird es auch sein.» Man mĂŒsse den TĂ€ter, seine Handlungen und Motive genau verstehen und darauf mit den strafrechtlichen Konsequenzen reagieren.Â
Haseloff will Opfern helfen
MinisterprĂ€sident Haseloff will den Opfern und Angehörigen der Todesfahrt unter die Arme greifen. Sein Kabinett habe Festlegungen getroffen ĂŒber «finanzielle und organisatorische Ressourcen», sagte Haseloff. Mit dem Kanzler habe man darĂŒber geredet, wie die Hilfe und UnterstĂŒtzung des Bundes aussehen werde.
Die Stadt Magdeburg und WohlfahrtsverbĂ€nde richteten Spendenkonten fĂŒr die Opfer und Betroffenen ein. Es gehe darum, den Betroffenen möglichst schnell UnterstĂŒtzung zu ermöglichen, erklĂ€rte die Stadt. Der Opferbeauftragte der Bundesregierung, Pascal Kober, kĂŒmmert sich nach der Todesfahrt um die Betreuung der Betroffenen. Bei Bedarf werde psychosoziale und praktische Hilfe vermittelt, teilte das Bundesjustizministerium mit.Â
Die Anteilnahme nach der Tat in Magdeburg ist groĂ. Allein vor dem Dom der Landeshauptstadt beteiligten sich am Abend nach ersten SchĂ€tzungen der Polizei mehr als 1.000 Menschen am Gedenken. FĂŒr sie war eine groĂe Videoleinwand aufgebaut, auf die der Gottesdienst ĂŒbertragen wurde. Danach sagte OberbĂŒrgermeisterin Simone Borris (parteilos): «Ich wĂŒnsche uns allen, dass wir als Stadtgesellschaft uns davon nicht beeintrĂ€chtigen lassen.»
In das Gedenken in der Innenstadt mischten sich am Abend aber auch rechte Parolen. Etwa 1.000 Teilnehmer versammelten nach einer ersten SchĂ€tzung der Polizei auf einem zentralen Platz der Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt. Auch international gab es Anteilnahme. Mehrere Staats- und Regierungschefs drĂŒckten ihr MitgefĂŒhl aus, darunter US-PrĂ€sident Joe Biden.Â
In Deutschland stellte sich vielerorts die Frage, wie sicher WeihnachtsmĂ€rkte sind. Im ZDF sagte die Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) am Abend, die LĂ€nder wollten nun lageabhĂ€ngig schauen, «wo mĂŒssen wir unsere WeihnachtsmĂ€rkte und wo mĂŒssen wir PolizeiprĂ€senz nochmal verstĂ€rken, aber nur da, wo nötig». Faeser sagte weiter: «Deswegen gehe ich davon aus, dass man auch weiter auf WeihnachtsmĂ€rkte gehen kann.»
Rund acht Jahre nach Berliner Weihnachtsmarktanschlag
Fast auf den Tag genau vor acht Jahren, am 19. Dezember 2016, war in Berlin ein islamistischer Terrorist mit einem entfĂŒhrten Lastwagen auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz gerast. Dabei wurden zwölf Menschen getötet, das 13. Opfer starb 2021 an den Folgen. Mehr als 70 Menschen wurden verletzt. Der AttentĂ€ter floh nach Italien, wo er von der Polizei erschossen wurde. Die Berliner Polizei will nun ihre PrĂ€senz auf den Berliner WeihnachtsmĂ€rkten erhöhen.
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