Klartext, Kooperation

Klartext und Kooperation: Erdogan in Berlin eingetroffen

17.11.2023 - 14:39:43 | dpa.de

Die Verbalattacken des tĂŒrkischen PrĂ€sidenten Erdogan auf Israel und die Verteidigung der Hamas sorgen vor dem Besuch in Berlin fĂŒr eine aufgeheizte Stimmung. Doch Scholz dĂŒrfte darauf gut vorbereitet sein.

  • Bundeskanzler Olaf Scholz kommt heute mit dem tĂŒrkischen PrĂ€sidenten Recep Tayyip Erdogan zusammen. - Foto: Kay Nietfeld/dpa
    Bundeskanzler Olaf Scholz kommt heute mit dem tĂŒrkischen PrĂ€sidenten Recep Tayyip Erdogan zusammen. - Foto: Kay Nietfeld/dpa
  • Der tĂŒrkische PrĂ€sident spricht auf einer SolidaritĂ€tskundgebung fĂŒr die PalĂ€stinenser. Die Haltung der TĂŒrkei im Nahost-Konflikt dĂŒrfte heute beim Treffen mit Kanzler Scholz auch Thema werden. - Foto: Emrah Gurel/AP/dpa
    Der tĂŒrkische PrĂ€sident spricht auf einer SolidaritĂ€tskundgebung fĂŒr die PalĂ€stinenser. Die Haltung der TĂŒrkei im Nahost-Konflikt dĂŒrfte heute beim Treffen mit Kanzler Scholz auch Thema werden. - Foto: Emrah Gurel/AP/dpa
  • Recep Tayyip Erdogan (l.) neben BundesprĂ€sident Frank-Walter Steinmeier nach dem Eintrag in das GĂ€stebuch vom Schloss Bellevue. - Foto: Michael Kappeler/dpa
    Recep Tayyip Erdogan (l.) neben BundesprÀsident Frank-Walter Steinmeier nach dem Eintrag in das GÀstebuch vom Schloss Bellevue. - Foto: Michael Kappeler/dpa
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Eins ist ziemlich sicher, wenn Bundeskanzler Olaf Scholz und der tĂŒrkische PrĂ€sident Recep Tayyip Erdogan heute zusammen vor die Presse treten: Sollte Erdogan seine Verbalattacken gegen Israel auf offener BĂŒhne im Berliner Kanzleramt fortsetzen, wird Scholz dazu nicht schweigen.

Das hat er einmal getan, als PalĂ€stinenserprĂ€sident Mahmud Abbas bei einem Berlin-Besuch Israel 50-fachen Holocaust an den PalĂ€stinensern vorwarf. Die empörte Reaktion darauf folgte nicht sofort an Ort und Stelle, sondern erst spĂ€ter per «Bild»-Zeitung: Die Äußerungen seien «unertrĂ€glich und inakzeptabel», hieß es mit einiger Verzögerung.

Das wird Scholz wohl nicht noch einmal passieren. Er dĂŒrfte auf wiederholte oder neue Attacken Erdogans gegen Israel gut vorbereitet sein, wenn er ihn zum Abendessen im Kanzleramt empfĂ€ngt. Vor dem GesprĂ€ch ist eine «Pressebegegnung» geplant - der einzige Termin wĂ€hrend des Besuchs, bei dem sich beide öffentlich Ă€ußern.

Erdogan in Berlin eingetroffen

Der tĂŒrkische PrĂ€sident Recep Tayyip Erdogan ist bereits in Berlin eingetroffen. Er landete am Nachmittag auf dem militĂ€rischen Teil des Hauptstadt-Flughafens in Schönefeld bei Berlin, wie dpa-Reporter berichteten. WĂ€hrend seines Kurzaufenthalts von nur wenigen Stunden soll er zuerst von BundesprĂ€sident Frank-Walter Steinmeier im Schloss Bellevue empfangen werden. Danach will er Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) zu einem Abendessen treffen. Die Abreise ist fĂŒr den Abend geplant.

Erdogan nennt Israel einen «Terrorstaat»

Erdogan hatte die Ermordung vieler hundert israelischer Zivilisten beim Terrorangriff am 7. Oktober zwar verurteilt, die dafĂŒr verantwortliche Hamas aber spĂ€ter als «Befreiungsorganisation» bezeichnet. Israel bezeichnete der tĂŒrkische PrĂ€sident dagegen als «Terrorstaat» und stellte sogar dessen Existenzrecht infrage. Israel versuche, «einen Staat aufzubauen, dessen Geschichte nur 75 Jahre zurĂŒckreicht und dessen LegitimitĂ€t durch den eigenen Faschismus infrage gestellt wird», sagte er Ende vergangener Woche.

Die deutsche Sichtweise ist genau umgekehrt. Die Hamas ist hier als Terrororganisation eingestuft und die Sicherheit Israels ist deutsche StaatsrĂ€son. Scholz hat die Verbalattacken Erdogans daher auch als «absurd» zurĂŒckgewiesen. Den GesprĂ€chskanal zur TĂŒrkei will er sich dadurch aber nicht verbauen. Es gebe viele Themen mit Erdogan zu besprechen, sagt er immer wieder. Doch was genau gibt es beim tĂŒrkischen PrĂ€sidenten zu holen?

Die TĂŒrkei als Vermittler im Nahost-Konflikt

Unter den mehr als 200 Geiseln der Hamas im Gazastreifen sind auch deutsche StaatsbĂŒrger. Die Bundesregierung versucht seit Wochen alle diplomatischen KanĂ€le zu nutzen, um sie freizubekommen. Die TĂŒrkei könnte mit ihren Beziehungen zur Hamas als Vermittler fungieren.

Bislang spielt Katar aber eine weitaus grĂ¶ĂŸere Rolle, was das angeht. Perspektivisch könnte die TĂŒrkei allerdings als BrĂŒckenstaat zwischen dem Westen und der islamischen Welt bei der Suche nach einer politischen Lösung des Nahost-Konflikts mitmischen. Wie Deutschland steht sie fĂŒr eine friedliche Koexistenz eines israelischen und eines palĂ€stinensischen Staates ein.

FlĂŒchtlingspakt zwischen EU und der TĂŒrkei

Von den MinisterprĂ€sidenten der 16 BundeslĂ€nder hat Scholz gerade erst den Auftrag bekommen, sich fĂŒr die Wiederbelebung des 2016 geschlossenen FlĂŒchtlingspakts zwischen der EU und der TĂŒrkei einzusetzen. Über ihn hatte sich die TĂŒrkei verpflichtet, die SchleuseraktivitĂ€ten an ihrer Grenze zu stoppen und Migranten zurĂŒckzunehmen, die illegal ĂŒber die TĂŒrkei auf die griechischen Inseln kommen.

Im Gegenzug erhielt Ankara von der EU Milliardenhilfen unter anderem fĂŒr die Unterbringung der FlĂŒchtlinge. Von Griechenland nimmt die TĂŒrkei jedoch seit 2020 keine Migranten mehr zurĂŒck - begrĂŒndet wurde das damals mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie.

Nato-Mitglied mit guten Kontakten zu Russland

Hilfreich kann die TĂŒrkei als Nato-Mitglied mit guten Kontakten zu Russland auch im Ukraine-Konflikt sein. So war Ankara maßgeblich an der Vereinbarung des sogenannten Getreidedeals beteiligt. Russland hatte das Abkommen im Juli zwar auslaufen lassen, bis dahin konnten aber Millionen Tonnen ukrainisches Getreide ĂŒber das Schwarze Meer exportiert werden. Die TĂŒrkei setzt sich fĂŒr eine Neuauflage der Vereinbarung ein.

Regierung und Union einig: Besuch ist richtig

Wegen all dieser Punkte sind sich Ampel-Regierung und Union weitgehend einig, dass der Besuch Erdogans in Berlin richtig ist. Es gibt aber auch Kritiker, die das anders sehen.

Wer die Hamas verurteile, mĂŒsse daraus aber auch Konsequenzen fĂŒr den Umgang mit denjenigen ziehen, die diese islamistische Organisation unterstĂŒtzten, sagt etwa der tĂŒrkische Exil-Journalist Can DĂŒndar. In Deutschland wĂŒrden Demonstrationen zur UnterstĂŒtzung der Hamas untersagt. «Aber gleichzeitig laden sie einen Hamas-AnhĂ€nger ein und rollen den roten Teppich fĂŒr ihn aus. Das ist schrĂ€g, eine Art von Doppelmoral.»

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