Strom-Sabotage: Suche nach VerdÀchtigem lÀuft
Veröffentlicht am: 05.09.2026 um 01:49 Uhr | dpa, AD HOC NEWSDie Polizei fahndet weiter mit Hochdruck nach einem Mann, der Sabotageaktionen gegen das deutsche Stromnetz verĂŒbt haben soll. Die VorfĂ€lle konzentrieren sich auf Nordrhein-Westfalen, Brandenburg und Sachsen - in allen drei BundeslĂ€ndern wird noch Braunkohle abgebaut und verstromt.Â
Am Freitag hatten Beamte in der Wohnung des 48-JĂ€hrigen in Gevelsberg (NRW) Sprengstoff gefunden. SpĂ€ter stĂŒrmte ein Spezialeinsatzkommando am Nachmittag im rund 100 Kilometer entfernten Niederzier in einem Wald einen Lastwagen, der augenscheinlich zu einem Wohnmobil umgebaut worden war. Der Gesuchte wurde aber nicht vorgefunden.
Hintergrund der Fahndung sind zwei Bekennerschreiben, die bei mehreren MedienhĂ€usern eingingen und auch der Deutschen Presse-Agentur vorliegen. «Das Wissen, was offenbart wird in diesen Schreiben, das ist eindeutiges TĂ€terwissen», sagte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU).Â
Das mögliche Motiv
Zum Motiv sagte Dobrindt, es handele sich sehr wahrscheinlich um «Klimaterrorismus» eines EinzeltĂ€ters. In einem Bekennerschreiben  heiĂt es: «Stromerzeugung aus fossilen Brennstoffen ist ein Verbrechen.»
NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) sagte, wer im Namen des Klimaschutzes die Stromversorgung von KrankenhÀusern gefÀhrde, der rette nichts, sondern gefÀhrde Leben. «Keine Ideologie taugt als Ausrede», betonte Reul.
AuffĂ€llig ist, dass sich die Orte in der NĂ€he von Gebieten befinden, in denen noch Braunkohle abgebaut wird. Aktiven Tagebau in Deutschland gibt es nach Angaben des Branchenverbandes Debriv in Nordrhein-Westfalen, im SĂŒden Brandenburgs und Sachsen-Anhalts sowie im Osten und Westen von Sachsen.Â
Erster Fundort im SĂŒden BrandenburgsÂ
Am Dienstagmorgen hatte es zunĂ€chst im SĂŒden Brandenburgs einen Angriff auf die Stromversorgung gegeben. Nach dpa-Informationen wurde mit mehr als 20 selbst gebauten Raketen leitfĂ€higes Material in Richtung der Höchstspannungsleitungen im Umspannwerk Turnow-Preilack unweit des Kraftwerks JĂ€nschwalde gelenkt. In zwei FĂ€llen kam es zu einem Kurzschluss. Einen Stromausfall gab es nach Angaben des Netzbetreibers nicht. Die Polizei ermittelt nach der Sabotage des Stromnetzes unter anderem wegen der Bildung einer terroristischen Vereinigung.
Zweiter Fundort in der NÀhe von Köln
Am selben Abend kam es dann zu einer Störung an einem Umspannwerk in Bergheim bei Köln. Auch hier wurden Abschussvorrichtungen und Pyrotechnik gefunden. Laut RWE Power gingen fĂŒnf Braunkohle-Kraftwerksblöcke an den Kraftwerksstandorten NiederauĂem und Neurath vom Netz. Mehrere davon gingen spĂ€ter wieder in Betrieb, einer soll aber erst kommende Woche wieder ans Netz gehen. Die allgemeine Stromversorgung war aber jederzeit gesichert.Â
Weitere FĂ€lle in NRW
Am Donnerstagabend entdeckte ein SpaziergĂ€nger an einem Umspannwerk in Dormagen zwischen Köln und DĂŒsseldorf mutmaĂliche Abschussvorrichtungen und alarmierte die Polizei. Nach einem Hinweis aus einem Bekennerschreiben suchte die Polizei am Freitag auch das GelĂ€nde rund um das Kraftwerk Weisweiler bei Aachen ab.
Am Freitagabend gab es dann bei einer Stromanlage in Hamm einen gröĂeren Polizeieinsatz. Wie ein dpa-Reporter berichtete, kamen zahlreiche Polizeiwagen zu dem Ort an einer LandstraĂe bei einem WaldstĂŒck. Es war auch ein Hubschrauber im Einsatz. Ein Sprecher der Polizei sagte, es handele sich um eine ehemalige Stromanlage, die seit lĂ€ngerem auĂer Betrieb sei.
Neuer Fall in SachsenÂ
Auch in Sachsen entdeckte die Polizei laut Innenminister Armin Schuster (CDU) «unbekannte Sprengvorrichtungen». Die Polizei habe an zwei Fundorten vier Objekte gesichert, sagte Schuster am Freitag. Hinweise darauf hÀtten sich ebenfalls aus einem Bekennerschreiben ergeben. Die Polizeidirektion Görlitz hatte einen Einsatz nördlich von Bautzen bestÀtigt.
Können Stromanlagen besser geschĂŒtzt werden?Â
NRW-Innenminister Reul forderte als Konsequenz aus den VorfĂ€llen, kritische Infrastruktur besser zu schĂŒtzen. DafĂŒr brauche man klare Rechte und moderne Technik, etwa Kameras, Sensoren und Alarmsysteme.
Unter kritischer Infrastruktur versteht man all jene Bereiche, deren BeeintrĂ€chtigung oder Ausfall zu VersorgungsengpĂ€ssen, Störungen der öffentlichen Sicherheit und weiteren dramatischen Folgen fĂŒhren kann. Dazu gehören beispielsweise Energie, Informationstechnik, Transport, Verkehr, Gesundheit, Wasser, ErnĂ€hrung, Finanz- und Versicherungswesen, Staat und Verwaltung sowie Medien.
«So machen wir es AttentÀtern unnötig leicht»
Der Chef des Ăbertragungsnetzbetreibers Amprion, Christoph MĂŒller, sieht die Politik gefordert. «Die Wirtschaft muss viele Angaben zu Strom- und Gasnetzen öffentlich machen und ins Netz stellen. So machen wir es AttentĂ€tern unnötig leicht - egal, aus welcher Ecke sie kommen», sagte MĂŒller der «Rheinischen Post». Er forderte entschĂ€rfte Transparenzvorschriften und eine Erlaubnis dafĂŒr, Leitungen regelmĂ€Ăig mit Drohnen abfliegen und ĂŒberwachen zu können. Auch mĂŒsse es Unternehmen erlaubt werden, mit Kameras nicht nur das eigene GelĂ€nde, sondern auch die Umgebung zu beobachten.Â
Amprion ist einer von vier groĂen Ăbertragungsnetzbetreibern in Deutschland und vor allem im Westen und SĂŒdwesten aktiv. Das Ăbertragungsnetz von Amprion erstreckt sich nach Firmenangaben ĂŒber rund 11.000 Kilometer Höchstspannungsleitungen von der Nordsee bis zu den Alpen ĂŒber sieben BundeslĂ€nder, darunter Nordrhein-Westfalen.
