Blockade bei Asylreform: Faeser hĂ€lt Einigung fĂŒr möglich
21.09.2023 - 16:40:27Die Bundesregierung hĂ€lt eine Einigung auf eine Asylreform trotz der Blockade des Europaparlaments noch vor der Europawahl fĂŒr möglich. Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) treibe die Verhandlungen zum Gemeinsamen EuropĂ€ischen Asylsystem weiter voran, hieĂ es aus Regierungskreisen. Der Druck auf die Bundesregierung ist hoch, nachdem das Europaparlament gestern die Blockade von Verhandlungen ĂŒber die geplante Asylreform angekĂŒndigt hatte.
Denn gerade Vorbehalte Deutschlands hatten im Sommer eine Positionierung der EU-Staaten zu einem Teil der geplanten Reform verhindert, der sogenannten Krisenverordnung. Die EU-Abgeordneten begrĂŒndeten ihren Schritt nun auch damit, dass sich die Regierungen der Mitgliedstaaten zu diesem Teilbereich bislang nicht positioniert haben. Bis dies nicht geschehen ist, sollen Verhandlungen zu zwei anderen Teilbereichen nicht fortgesetzt werden.
Meinungen in Deutschland weit auseinander
Brisant sind die Verzögerungen vor allem wegen der nahenden Europawahl im Juni 2024. Projekte, die bis dahin nicht mit den Regierungen der Mitgliedstaaten ausgehandelt sind, könnten anschlieĂend wieder infrage gestellt werden und sich lange verzögern. Im Fall der geplanten Reform des Asylsystems wĂ€re dies ein besonders groĂer RĂŒckschlag. An dem Projekt wird seit Jahren gearbeitet. Es soll auch dazu beitragen, die illegale Migration zu begrenzen.
Innerhalb Deutschlands gehen die Meinungen weit auseinander, wie man mit der gestiegenen Zahl von FlĂŒchtlingen umgehen soll. Der Vorsitzende der Jungen Union (JU), Johannes Winkel (CDU), will die FreizĂŒgigkeit abgelehnter Asylbewerber hierzulande massiv einschrĂ€nken. «Abgelehnte Asylbewerber, die nicht abgeschoben werden können, mĂŒssen nach dĂ€nischem Vorbild in RĂŒckkehrzentren bleiben», sagte der CDU-Politiker der «Bild»-Zeitung.
Vorbild DĂ€nemark?
DĂ€nemark wird in der Debatte aktuell hĂ€ufiger als Modell genannt. Die Sozialdemokraten in DĂ€nemark haben sich selbst einen strikten Einwanderungskurs auf die Fahnen geschrieben und damit der rechtspopulistischen DĂ€nischen Volkspartei (DF) ihr Topthema genommen. Die Sozialdemokratin Mette Frederiksen eroberte mit dieser Strategie 2019 die Regierungsmacht und verbannte die Rechtspopulisten in die politische Peripherie. Frederiksens Strategie ist im Land allerdings umstritten. Die Regierungschefin fĂ€hrt eine fĂŒr sozialdemokratische VerhĂ€ltnisse Ă€uĂerst strenge Migrationslinie, bei der DĂ€nemark an der Bevölkerung gemessen weniger Asylbewerber aufnimmt als die meisten anderen EU-Staaten.
Die FDP-Bundestagsabgeordnete Linda Teuteberg nannte fehlenden politischen Willen als eine ErklĂ€rung fĂŒr Defizite in Deutschland. Einige europĂ€ische NachbarlĂ€nder zeigten dies. «Zur ĂŒberfĂ€lligen Zeitenwende in der Migrationspolitik gehört, die Begrenzung von Zuwanderung als legitimes politisches Ziel anzuerkennen, und zwar im politischen TagesgeschĂ€ft von Montag bis Samstag, nicht nur als Baustein in sonntĂ€glichen Reden und Interviews», sagte Teuteberg der Deutschen Presse-Agentur. Auch rechtliche Ănderungen seien kein Tabu, betonte die Abgeordnete aus Brandenburg.
Rechte: Boote auf Mittelmeer stoppen
AfD-Chefin Alice Weidel forderte unterdessen eine «Mittelmeer-Blockade», um Schlepperboote an der Ăberfahrt nach Europa zu hindern. Diese mĂŒssten ausnahmslos «mithilfe von FlotteneinsĂ€tzen» zur RĂŒckkehr in den jeweiligen Ausgangshafen gezwungen werden, sagte sie. Damit Ă€uĂerte sich Weidel Ă€hnlich wie zuvor die italienische MinisterprĂ€sidentin Giorgia Meloni. Die Rechtspolitikerin hatte vergangene Woche eine europĂ€ische Mission gefordert, um Boote auf dem Weg nach Europa zu stoppen.
Wie es auf europĂ€ischer Ebene nun weitergeht, ist offen. Das EU-Parlament blockiert die Verhandlungen ĂŒber die Eurodac- und die Screening-Verordnung. Die Eurodac-Verordnung soll es leichter machen, mithilfe einer Datenbank mit FingerabdrĂŒcken nachzuvollziehen, wo in Europa sich ein Asylbewerber vorher aufgehalten hat. Bei der Screening-Verordnung geht es vor allem um die Identifizierung von irregulĂ€r eingereisten Menschen an den AuĂengrenzen der EuropĂ€ischen Union. Ob das Parlament durch die Blockade erreicht, dass die EU-Staaten zu einer Einigung bei der Krisenverordnung kommen, ist unklar, denn die Positionen liegen hier noch weit auseinander.
Polen und Ungarn fĂŒr strengere Vorschriften
Der Vorschlag fĂŒr die neue Krisenverordnung sieht etwa lĂ€ngere Fristen fĂŒr die Registrierung von Asylgesuchen an den AuĂengrenzen vor, auĂerdem die Möglichkeit, Standards bei der Unterbringung und Versorgung zu senken. Die Bundesregierung befĂŒrchtet, dass die Standards zu sehr abgesenkt werden. Polen und Ungarn gehen die vorgeschlagenen Ausnahmevorschriften dagegen nicht weit genug.
NĂ€chste Woche könnte möglicherweise Bewegung in die Sache kommen. Die EU-Innenminister treffen sich in BrĂŒssel. Auf der Tagesordnung steht auch die Migrationspolitik.


