Nach hitziger Nahost-Debatte: Linke setzt Parteitag fort
18.11.2023 - 05:02:38Die Linke will bei ihrem Bundesparteitag in Augsburg heute mit der Aufstellung ihrer Kandidatinnen und Kandidaten zur Europawahl im Juni beginnen. Als Spitzenduo wollen Parteichef Martin Schirdewan und die parteilose Aktivistin Carola Rackete antreten. Am spĂ€ten Freitagabend hatten die Delegierten hitzig ĂŒber die Position der Linken zum Hamas-Angriff auf Israel und zum Gaza-Krieg gestritten. Doch fand ein Kompromissantrag letztlich eine breite Mehrheit.
Dieser fordert einen sofortigen Waffenstillstand und die sofortige Freilassung der von Hamas verschleppten israelischen Geiseln. Das Papier betont das Existenzrecht Israels und das Ziel einer Zwei-Staaten-Lösung, kritisiert aber die «exzessive Bombardierung» des Gazastreifens durch Israel mit vielen zivilen Opfern. «Israel hat das Recht sich zu verteidigen», heiĂt es in dem Papier. «Doch die Verbrechen der Hamas entbinden Israel nicht seiner völkerrechtlichen Verantwortung.» Antisemitismus in Deutschland wird verurteilt, jedoch auch vor antimuslimischen Ressentiments gewarnt.
«Akt eliminatorischer Enthemmung»
Der vorab ausgehandelte Kompromissantrag war der Parteispitze wichtig, um die Linke in der Frage nicht als zerstritten dastehen zu lassen. In der Debatte wurde jedoch deutlich, dass einige Linke extremere Positionen vertreten. So warf der Delegierte Nick Papak Amoozegar Israel einen «Genozid», die «gezielte Vernichtung eines Volks» und «ethnische SÀuberungen» vor. Aus den Reihen der Delegierten gab es Protestrufe.
Der frĂŒhere Berliner Kultursenator Klaus Lederer beklagte, dass einige Linke die tiefe ZĂ€sur des Terrorangriffs der Hamas auf Israel am 7. Oktober nicht verstanden hĂ€tten. Es handele sich um einen «Akt eliminatorischer Enthemmung» und um eine neue Kategorie, sagte Lederer.
Antrag kritisiert Wagenknecht und Co
Die zweite Etappe des Parteitags beginnt am Morgen mit Reden von Bundestagsfraktionschef Dietmar Bartsch und Linken-Chefin Janine Wissler. Auch der thĂŒringische MinisterprĂ€sident Bodo Ramelow wird erwartet. Zudem steht ein Antrag zur Debatte, die Abgeordnete Sahra Wagenknecht und neun weitere ehemalige Linke im Bundestag zur Abgabe ihrer Mandate zu bewegen.
Wagenknecht und ihrer UnterstĂŒtzerinnen und UnterstĂŒtzer waren am 23. Oktober aus der Linken ausgetreten, um eine Konkurrenzpartei zu grĂŒnden. Wegen der Spaltung löst sich auch die Bundestagsfraktion zum 6. Dezember auf. In einem Antrag an den Parteitag heiĂt es, die VorgĂ€nge hĂ€tten die Linke schwer beschĂ€digt. «Unsere Partei ist in einer kritischen Phase. Verlorenes Vertrauen wiederzugewinnen und zu alter StĂ€rke zurĂŒckzukehren, wird ein lĂ€ngerer Weg sein.» Mehr als 700 Neueintritte seit dem 23. Oktober seien aber ein ermutigendes Signal.
Zur Eröffnung des Parteitags hatten bereits die beiden Vorsitzenden Janine Wissler und Martin Schirdewan der Partei Mut gemacht. Die Trennung von Wagenknecht erlaube einen Neubeginn. «Die Linke ist wieder da», sagten beide. In der anschlieĂenden Generaldebatte gab es kaum Widerspruch oder Kritik an den Vorsitzenden. Viele Delegierte unterstĂŒtzten ausdrĂŒcklich die Linie fĂŒr einen strikten Klimaschutz und gegen BeschrĂ€nkungen des Asylrechts.


