Markus söder, Nancy Faeser

Ampel abgestraft, Innenministerin angezÀhlt und die K-Frage

08.10.2023 - 19:40:30

Eine gerupfte Ampel-Koalition, ein potenzieller Kanzlerkandidat der Union, eine angezĂ€hlte Bundesinnenministerin und Wahlsieger am rechten Rand: Das sind die Konsequenzen der Wahlen fĂŒr die Bundespolitik.

Bitterer Denkzettel fĂŒr die Ampel-Koalition zur Halbzeit der Wahlperiode auf Bundesebene: Die Kanzlerpartei SPD hat mit Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) an der Spitze bei der Wahl in Hessen eine dramatische Niederlage erlitten und bleibt in Bayern ganz tief im Keller.

Die FDP fliegt in Bayern wohl aus dem Landtag und muss nach den ersten Hochrechnungen in Hessen um ihren Verbleib im Parlament bangen. Vergleichsweise glimpflich kommen trotz deutlicher Verluste noch die GrĂŒnen weg und könnten in Hessen mit der CDU sogar weiterregieren.

Aber nicht nur wegen der Klatsche fĂŒr die Ampel mischen die Wahlen in den beiden bevölkerungsreichen LĂ€ndern, die fast ein Viertel der Gesamtbevölkerung Deutschlands auf sich vereinen, die Bundespolitik auf. Zu den Gewinnern gehört neben der AfD mit den Freien WĂ€hlern eine zweite Partei vom rechten Rand.

Der bayerische MinisterprĂ€sident Markus Söder liegt mit dem Ergebnis der CSU ungefĂ€hr auf demselben Niveau wie vor fĂŒnf Jahren - also weder RĂŒckenwind noch DĂ€mpfer fĂŒr eine mögliche Kanzlerkandidatur 2025. Und Innenministerin Faeser muss schwierige Aufgaben vor allem beim Thema Migration nun deutlich geschwĂ€cht angehen.

Misstrauensvotum fĂŒr die Ampel

Der Absturz der Ampel in den Umfragen - von 52 Prozent bei der Bundestagswahl auf weniger als 38 Prozent - schlĂ€gt sich nun auch in konkreten Wahlergebnissen nieder. Die SPD hat es besonders hart erwischt. In Bayern hat sie ihr einstelliges Ergebnis von 2018 sogar noch unterboten. Und in Hessen musste sie am Abend sogar fĂŒrchten, mit ihrem ebenfalls bisher schlechtesten Ergebnis von Platz zwei auf Platz vier hinter GrĂŒne und AfD zurĂŒckzufallen.

Die FDP verabschiedet sich aus mindestens einem weiteren Landtag und ist damit höchstens noch in zehn von 16 Parlamenten vertreten. Die Liberalen haben auch auf frĂŒhere Wahlniederlagen in den LĂ€ndern schon mit Krawall in der Koalition reagiert.

Jetzt könnte aber auch in der SPD die NervositĂ€t wachsen. Die Fraktion hat sich zuletzt schon mit ihrem Votum fĂŒr einen befristeten Industriestrompreis zur Abfederung der hohen Energiepreise gegen die Position des Kanzlers gestellt. Gut möglich, dass nun der Ruf nach einer stĂ€rkeren Profilierung von Partei und Fraktion auch bei anderen Themen lauter wird.

SPD-GeneralsekretĂ€r Kevin KĂŒhnert rĂ€umte ein, dass die Ergebnisse auch ein Signal nach Berlin seien. Man sei nicht «taub und blind», sagte er. «In diesem Wahlergebnis liegt auch eine Botschaft fĂŒr uns.»

Faeser angezÀhlt, aber nicht k.o.

Innenministerin Faeser taumelt nach ihrer krachenden Niederlage nun angeschlagen großen Herausforderungen entgegen - vor allem beim Thema Migration. Auf die Oppositionsbank im Landtag, wo sie zwischen 2003 und 2021 fast zwei Jahrzehnte lang saß, will sie auf keinen Fall zurĂŒck, sondern auf ihrem Posten in Berlin bleiben. Aber sieht ihr Chef Olaf Scholz das auch so?

2012 ist schon einmal ein Bundesminister gefeuert worden, der als Spitzenkandidat eine Wahl vergeigte: CDU-Umweltminister Norbert Röttgen erhielt nach seiner Schlappe in Nordrhein-Westfalen die Entlassungsurkunde von der damaligen Kanzlerin Angela Merkel (beide CDU). Röttgen hatte aber anders als Faeser bis zur Wahl offen gelassen, ob er bei einer Niederlage nach DĂŒsseldorf in die Opposition wechseln wĂŒrde.

Dass Scholz Faeser fallen lĂ€sst, ist aber ziemlich unwahrscheinlich. Er lĂ€sst sich in solchen Fragen ungern treiben und hat selbst die Pleiten und Pannen von Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) so lange ertragen, bis es wirklich gar nicht mehr ging. An Faeser hat er bisher keinerlei Zweifel erkennen lassen und sie in den letzten Tagen fĂŒr ihr Agieren bei der Reform des europĂ€ischen Asylsystems mehrfach ausdrĂŒcklich gelobt. Das machte am Sonntagabend auch KĂŒhnert deutlich. Das Wahlergebnis sage nichts ĂŒber die Kompetenz Faesers als Innenministerin aus, sagte er.

Scholz hat auch keine richtig gute Alternative. Er kann nicht wie bei Lambrecht ein zweites Mal hintereinander eine Frau durch einen Mann ersetzen. Und von den prominenten Frauen in der SPD sind die meisten schon vergeben: Katarina Barley ist zum Beispiel gerade erst zur Spitzenkandidatin fĂŒr die Europawahl gekĂŒrt worden und Franziska Giffey fĂŒr den Koalitionsfrieden mit der CDU in Berlin wohl unersetzlich.

RĂŒckenwind fĂŒr die Union - doch K-Frage bleibt offen

CDU und CSU können die Klatschen fĂŒr die Ampel-Parteien SPD und FDP in Bayern und Hessen zwar als RĂŒckenwind verbuchen. Doch fĂŒr die K-Frage der Union vor der Bundestagswahl 2025 dĂŒrften die Signale der WĂ€hlerinnen und WĂ€hler kaum aussagekrĂ€ftig sein.

CSU-Chef Söder bleibt im Spiel - auch wenn er immer wieder betont, anders als 2021 habe er keine Ambitionen aufs Kanzleramt mehr. So richtig glauben sie die Beteuerungen selbst im Umfeld des Bayern sowieso nicht - und in der CDU schon gar nicht.

FĂŒr Friedrich Merz, als CDU-Partei- und Unionsfraktionschef im Bundestag eigentlich der geborene Kanzlerkandidat der schwarzen Schwestern, dĂŒrften die nĂ€chsten beiden Jahre ziemlich ungemĂŒtlich werden. Bundesweit kommt die Union in den Umfragen mit dem SauerlĂ€nder als Zugpferd seit langem nicht ĂŒber die 30-Prozent-Marke hinaus.

Merz gratulierte zunĂ€chst den MinisterprĂ€sidenten Markus Söder (CSU) und Boris Rhein (CDU) zu deren Wahlergebnissen in Bayern und Hessen und rief seine Partei zugleich zur Geschlossenheit auf. In einem Beitrag auf der Plattform X (frĂŒher Twitter) schrieb Merz an Rhein gerichtet von einem «sensationellen Ergebnis». Das zeige vor allem eines: «Geschlossenheit und klare Positionen zahlen sich aus. Wenn wir diesen Weg alle gemeinsam weitergehen, ist das Ampel-Chaos spĂ€testens zur Bundestagswahl 2025 beendet.»

Bei der Europawahl im Juni kommenden Jahres und spĂ€testens bei den Landtagswahlen in ThĂŒringen, Sachsen und Brandenburg im Herbst 2024 drohen der CDU unter Merz empfindliche Pleiten. Gut möglich, dass dann auch bei den Christdemokraten danach gefragt wird, ob man mit Söder die besseren Chancen hĂ€tte.

Rechte Parteien gewinnen

Die AfD konnte sowohl in Hessen als auch in Bayern zulegen und beweist einmal mehr, dass ihre AnhĂ€ngerschaft nicht nur ein ostdeutsches MassenphĂ€nomen ist. Die Freien WĂ€hler dĂŒrften sich in ihren Ambitionen bestĂ€rkt fĂŒhlen: Deutliche Zugewinne in Bayern. Allerdings bleiben sie in Hessen deutlich unter der FĂŒnf-Prozent-HĂŒrde.

Die Linke fliegt in Hessen aus dem letzten Landtag eines westdeutschen FlĂ€chenlandes, in dem sie noch vertreten war - und das in der Heimat der Parteivorsitzenden Janine Wissler. Die Querelen um die Absetzbewegung von Sahra Wagenknecht und ihren AnhĂ€ngern in der Bundestagsfraktion, die möglicherweise eine neue Partei grĂŒnden wollen, dĂŒrfte erheblich dazu beigetragen haben.

Es bleibt ein halbes Jahr bis zum Dauerwahlkampf

FĂŒr die Politik in Berlin bleibt nun ein halbes Jahr, um bei großen Themen wie EinschrĂ€nkung der irregulĂ€ren Migration, EntbĂŒrokratisierung und Kampf gegen die Wirtschaftsflaute voranzukommen. Im FrĂŒhjahr nĂ€chsten Jahres beginnt ein Dauerwahlkampf bis zur Bundestagswahl 2025.

Am 9. Juni gibt es einen Superwahltag mit der Europawahl und Kommunalwahlen in neun LĂ€ndern. Im Herbst folgen dann die Landtagswahlen in Sachsen, ThĂŒringen und Brandenburg. Mit der KĂŒr des Kanzlerkandidaten der Union dĂŒrfte dann anschließend der Wahlkampf zur Bundestagswahl 2025 endgĂŒltig eingelĂ€utet werden.

@ dpa.de