Prozess nach Weihnachtsmarkt-Anschlag startet in Magdeburg
10.11.2025 - 12:39:50Konzentriert richten sich die Blicke auf den Mann in einer extra gesicherten Glaskabine, wÀhrend die Anklage den Verlauf und die Folgen seiner Todesfahrt nachzeichnet. Fast elf Monate nach dem Anschlag auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt mit sechs Toten und mehr als 300 Verletzten hat der Prozess gegen Taleb al-Abdulmohsen vor dem Landgericht Magdeburg unter starken Sicherheitsvorkehrungen begonnen. Etliche Betroffene sind als NebenklÀger in dem extra errichteten Interims-GerichtsgebÀude dabei.
Der 51 Jahre alte Angeklagte wurde mit einem Hubschrauber aus der Haftanstalt Burg nach Magdeburg gebracht. Seit mehreren Tagen befindet sich der aus Saudi-Arabien stammende Mann in der Obhut des Justizvollzugs Sachsen-Anhalt. Davor hatte er mehrere Monate in Berlin in Untersuchungshaft gesessen. Weitere Details nannte ein Sprecher des Justizministeriums dazu nicht. Nach dpa-Informationen wird al-Abdulmohsen jeweils zu den Prozesstagen geflogen.
Fotografen hielt der Angeklagte einen Laptop entgegen, auf dem Bildschirm stand «#MagdeburgGate» und «Sept. 2026». Was dies bedeuten soll, war zunĂ€chst unklar. ĂuĂerlich regungslos verfolgte der Mann mit langem, grau melierten Bart dann in seiner Glasbox die Verlesung der Anklage.Â
Nachdem Oberstaatsanwalt Matthias Böttcher und sein Kollege Marco Reinl damit nach gut zwei Stunden fertig waren, kĂŒndigte al-Abdulmohsen an, sich zu Ă€uĂern. Dies werde «stundenlang, vielleicht auch tagelang» dauern, erklĂ€rte der 51-JĂ€hrige.
Zum Schutz in Glasbox
Erfolglos kritisierte der Verteidiger den Sitzplatz hinter schusssicheren Scheiben. Der Vorsitzende Richter Dirk Sternberg betonte, der Platz sei wichtig zum Schutz des Angeklagten, er solle so vor möglichen Racheakten geschĂŒtzt werden.Â
Der 51-JĂ€hrige, der als Arzt im MaĂregelvollzug mit psychisch kranken StraftĂ€tern arbeitete, war kurz vor Weihnachten mit einem Mietwagen ĂŒber den Weihnachtsmarkt gerast.
Schlangenlinien, um besonders viele Personen zu treffen
Die Anklage wirft ihm unter anderem vollendeten Mord in sechs FĂ€llen und versuchten Mord in 338 weiteren FĂ€llen vor. Oberstaatsanwalt Böttcher vollzog in der Anklage den Weg des Angeklagten ĂŒber den Weihnachtsmarkt nach.Â
Zuerst erfasste Taleb al-Abdulmohsen Passanten, die an einer FuĂgĂ€ngerampel warteten. Er lenkte den mehr als zwei Tonnen schweren und 340 PS starken Wagen auf den Weihnachtsmarkt, etwa 350 Meter weit und mit bis zu 48 Kilometern pro Stunde.Â
Aus einer «vermeintlich persönlichen Frustration» heraus sei es dem Beschuldigten darum gegangen, eine «möglichst groĂe Menge von Personen» zu erfassen. DafĂŒr sei er in Schlangenlinien gefahren, um möglichst viele Personen zu treffen - um so die «von ihm gewĂŒnschte Aufmerksamkeit zu erlangen», so Böttcher.Â
Herumfliegende GegenstÀnde und Körper
Der Todesfahrer ĂŒberfuhr Menschen, andere wurden angefahren oder von herumfliegenden GegenstĂ€nden oder Personen getroffen - teils lieĂ sich das laut Generalstaatsanwaltschaft nicht mehr genau nachvollziehen. Immer wieder war von Frakturen an Beinen und HĂŒften, von TrĂŒmmerfrakturen, SchĂ€del-Hirn-Traumata und schmerzhaften Prellungen die Rede. Kinder waren unter den Opfern ebenso wie Frauen und MĂ€nner. Eine Schwangere wurde so stark verletzt, dass die Fruchtblase platzte, ein Tag spĂ€ter kam das Kind zur Welt.
Am Ende starben sechs Menschen, fĂŒnf Frauen im Alter von 45 bis 75 Jahren sowie ein neunjĂ€hriger Junge. Mehr als 300 Menschen wurden verletzt oder traumatisiert. Sie kamen nicht nur aus Sachsen-Anhalt. Unter den Betroffenen des Anschlags sind nach Angaben des Bundesopferbeauftragten Menschen aus fast allen BundeslĂ€ndern. Einige kommen auch aus dem Ausland wie etwa Spanien, den USA und GroĂbritannien.Â
Betroffene nehmen am Prozess als NebenklÀger teil
Rund 180 Betroffene und Hinterbliebene treten bislang als NebenklÀger auf, vertreten durch etwa 40 AnwÀlte. Das Interims-GerichtsgebÀude wurde errichtet, damit alle Betroffenen teilnehmen können. Der Bundesopferbeauftragte Roland Weber sprach vor Prozessbeginn mit anwesenden Betroffenen. «Mehrheitlich machen sie einen ruhigen und gefassten Eindruck», sagte Weber am Rande des Verfahrens.
Viele NebenklĂ€ger lieĂen sich zum Prozessauftakt aber auch von ihren AnwĂ€lten vertreten und kamen nicht persönlich. Manchen ist eine Teilnahme aus psychischen GrĂŒnden nicht möglich, wie es hieĂ. Andere leiden noch unter körperlichen BeeintrĂ€chtigungen.Â
Das Verfahren gehört zu den gröĂten der Nachkriegsgeschichte. Zum Prozessauftakt reisten zahlreiche Medienvertreter aus dem In- und Ausland nach Magdeburg an. Im Zuschauerbereich blieben jedoch zunĂ€chst etliche der 100 PlĂ€tze frei.Â
Prozess unter hoher Sicherheit
Das GebĂ€ude ist von einem Zaun mit Stacheldraht umgeben und zusĂ€tzlich von mobilen Pollern geschĂŒtzt. Eine Hundertschaft der Polizei war im Einsatz, fast ebenso viele Justizbeamte aus Sachsen-Anhalt sicherten nach dpa-Informationen den Prozessauftakt ab. Trotz umfangreicher Sicherheitskontrollen begann die Verhandlung nahezu pĂŒnktlich.Â
Das Landgericht Magdeburg hat bis zum 12. MÀrz 2026 zunÀchst knapp 50 Verhandlungstage angesetzt.





