Deutschland schiebt 32 MĂ€nner nach Afghanistan ab
16.06.2026 - 15:08:50 | dpa.deDeutschland hat 32 Afghanen per Charterflug in ihr Heimatland abgeschoben. Das teilte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums auf Nachfrage mit. Unter den ausgewiesenen MĂ€nnern waren StraftĂ€ter, die unter anderem wegen Vergewaltigung, Tötungsdelikten, sexuellen Missbrauchs von Kindern, Drogenhandels und rĂ€uberischer Erpressung verurteilt worden waren. Die Ausreisepflichtigen kamen aus Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein, Bayern, Niedersachsen und Baden-WĂŒrttemberg sowie aus dem Verantwortungsbereich der Bundespolizei.Â
Die Maschine startete nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur in der Nacht vom Flughafen Leipzig/Halle in Richtung der afghanischen Hauptstadt Kabul. Nach Angaben eines dpa-Reporters vor Ort versammelten sich im Terminal rund 35 Gegner der Abschiebung zu einer Mahnwache.
Grundlage ist eine direkte Vereinbarung mit den in Afghanistan herrschenden islamistischen Taliban, die der Bundesregierung regelmĂ€Ăige Abschiebungen nach Afghanistan ohne Vermittlerstaaten ermöglicht.
Erster Abschiebeflug 2024
KĂŒrzlich war eine ursprĂŒnglich fĂŒr Ende Mai vorbereitete Sammelabschiebung von ausreisepflichtigen MĂ€nnern nach Afghanistan abgesagt worden, weil die Taliban-Machthaber nicht kooperierten. Nach dpa-Informationen wurde der Flug abgesagt, nachdem sich die militant-islamistischen de-facto-Herrscher in Kabul unzufrieden gezeigt hatten ĂŒber die aus ihrer Sicht mangelnde GesprĂ€chsbereitschaft von Vertretern des AuswĂ€rtigen Amts. Die Taliban sind vor allem daran interessiert, mehr Diplomaten an die afghanischen Vertretungen in Deutschland zu entsenden.Â
Mehr als ein Dutzend der MĂ€nner, die in der Nacht ausgeflogen wurden, kamen aus Bayern. «Ich begrĂŒĂe es sehr, dass wir heute insgesamt 14 schwere StraftĂ€ter aus Bayern erfolgreich nach Afghanistan abschieben konnten», sagte der bayerische Innenminister, Joachim Herrmann (CSU).Â
Im August 2024 waren erstmals seit der MachtĂŒbernahme durch die Taliban drei Jahre zuvor 28 mĂ€nnliche StraftĂ€ter mit Hilfe von Katar von Leipzig nach Kabul abgeschoben. Inzwischen gibt es auch wieder von Deutschland selbst organisierte Abschiebungen nach Afghanistan - sowohl Einzelabschiebungen per Linienflug als auch Sammelcharter.Â
Kritik an Absprachen mit Machthabern in KabulÂ
Kritiker bemĂ€ngeln, dass die Bundesregierung die Taliban einerseits wegen deren Menschenrechtsverletzungen - insbesondere was Frauen betrifft - nicht anerkennt, gleichzeitig aber, um Abschiebungen zu ermöglichen, praktische ZugestĂ€ndnisse macht. Dazu zĂ€hlt die Erlaubnis zur Entsendung einzelner Diplomaten an die afghanischen Vertretungen in Deutschland, an der zuvor ausschlieĂlich Diplomaten gearbeitet hatten, die noch von der VorgĂ€ngerregierung dorthin entsandt worden waren.Â
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) hatte im November erklĂ€rt: «StraftĂ€ter und GefĂ€hrder mĂŒssen dabei zunĂ€chst PrioritĂ€t haben.» Das bedeutet aber nicht, dass sich die Abschiebungen auch perspektivisch ausschlieĂlich auf diese beiden Gruppen beschrĂ€nkt sein werden.Â
GrĂŒne fragen nach etwaigen ZugestĂ€ndnissen an die Taliban
«Die ursprĂŒngliche Absage dieses Abschiebeflugs hat gezeigt, wie erpressbar sich Deutschland durch Dobrindts Zusammenarbeit mit den Taliban bereits gemacht hat», sagt die GrĂŒnen-Migrationsexpertin, Filiz Polat. Da der Flug nun doch stattgefunden habe, stelle sich die Frage, welchen Forderungen der Taliban sich die Bundesregierung gebeugt habe, um die Abschiebung zu ermöglichen. «Die Antwort darauf ist uns der Innenminister schuldig», findet die Bundestagsabgeordnete.Â
Die Linken-Politikerin Clara BĂŒnger sagte, Bund und LĂ€nder hĂ€tten menschenrechtliche Bedenken offensichtlich «vollends ĂŒber Bord geworfen». Mit Blick auf die Taliban sagte sie, um die Zahl der Abschiebungen in die Höhe zu treiben, sei den verantwortlichen Politikern scheinbar fast jedes Mittel recht.
