Nach Gipfel:Â Scholz setzt auf Konsens bei Migration
14.10.2023 - 12:33:14Nach dem Migrationsgipfel im Kanzleramt hat Bundeskanzler Olaf Scholz sich zuversichtlich gezeigt, dass seine Ampel-Regierung bei dem Thema gemeinsame Lösungen mit den LĂ€ndern und der Opposition finden wird. «Wir haben ein gutes GesprĂ€ch gestern im Kanzleramt gehabt», sagte Scholz auf einer SPD-Versammlung in seinem Wahlkreis in Teltow bei Potsdam. «Das soll ein Thema sein, wo wir miteinander die Probleme lösen und nicht alle mit dem Finger aufeinander zeigen. Ich glaube, das hat unser Land verdient und das wollen auch die BĂŒrgerinnen und BĂŒrger.»
Bund, LÀnder und Opposition «auf einem gemeinsamen Weg»
«Ich finde, es kommt jetzt darauf an, dass Tempo stattfindet bei den Lösungen der Fragen», sagte Rhein als neuer Vorsitzender der MinisterprĂ€sidentenkonferenz. Er sei fĂŒr ein Migrations-Paket «aus einem Guss». Aus dem Kanzleramt hieĂ es, man sei sich einig, «dass Demokraten zusammenhalten und Demokratie verteidigen mĂŒssen». Bund, LĂ€nder und Opposition hĂ€tten sich «auf einen gemeinsamen Weg begeben».
Merz lobte im ZDF-«heute journal» die «gute AtmosphÀre» des GesprÀchs: «Wir sind uns im Ziel einig, und ob wir uns auf dem Weg einig werden, das werden die nÀchsten Tage und Wochen zeigen.»
Gemeindebund zweifelt an schnellerem Asylverfahren
Der StĂ€dte- und Gemeindetag hat die BemĂŒhungen der Politik um eine andere Migrationspolitik grundsĂ€tzlich begrĂŒĂt, stellt einzelne der von den LĂ€ndern vorgeschlagenen MaĂnahmen aber in Frage. So bezweifelte HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer Gerd Landsberg im Deutschlandfunk, dass die Asylverfahren wirklich auf drei Monate verkĂŒrzt werden können und die Umstellung der Leistungen auf eine Bezahlkarte zur Begrenzung der Zuwanderung beitrĂ€gt.
Zugleich bedauerte er, dass die MinisterprĂ€sidenten sich nicht fĂŒr eine Ausweitung der sicheren Herkunftsstaaten ausgesprochen haben. Bei deren Staatsangehörigen gibt es ein vereinfachtes Asylverfahren. Landsberg forderte, die nordafrikanischen Maghrebstaaten und Indien entsprechend einzustufen.
GrundsĂ€tzlich lobte er aber die BemĂŒhungen von Bund und LĂ€ndern: «Es ist gut, dass jetzt Bewegung in die Migrationspolitik kommt. Das war sicher den Ergebnissen der Landtagswahlen, aber auch der erkennbaren Ăberforderung der Kommunen geschuldet.»
SPD-Chef: Beim Migrationspakt keine Spiele spielen
Der SPD-Vorsitzende Lars Klingbeil hat die Union zu einer konstruktiven Mitarbeit an einer Lösung des Migrationsproblems aufgefordert. «Wir strecken die Hand aus. Da dĂŒrfen jetzt keine Spiele gespielt werden. Wir tragen gemeinsam Verantwortung fĂŒr dieses Land», sagte er den Zeitungen der Funke-Mediengruppe.
Die CDU-MinisterprĂ€sidenten von Hessen und Schleswig-Holstein, Boris Rhein und Daniel GĂŒnther, wĂŒrden den scharfen Kurs von CDU-Chef Friedrich Merz aber nicht mittragen. «Daher bin ich zuversichtlich, dass wir auch mit den unionsgefĂŒhrten LĂ€ndern Lösungen finden.»
Einladung erfolgte nach dem Rechtsruck in Hessen und Bayern
Scholz hatte nach den Landtagswahlen in Hessen und Bayern zu dem Treffen eingeladen. Dabei hatten alle Ampel-Parteien teils dramatische Verluste eingefahren, wĂ€hrend die AfD deutlich gewann und in Bayern auf Platz drei, in Hessen sogar auf Platz zwei landete. Der Rechtsruck wurde zu einem groĂen Teil auf die Unzufriedenheit mit der Migrationspolitik zurĂŒckgefĂŒhrt. Zwischen Anfang Januar und Ende September haben in Deutschland 233.744 Menschen erstmals einen Asylantrag gestellt, rund 73 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.
Scholz hat kurz vor den Wahlen erstmals ausgesprochen, dass aus seiner Sicht zu viele FlĂŒchtlinge nach Deutschland kommen. Schon davor hatte er den LĂ€ndern und der «demokratischen Opposition» einen «Deutschland-Pakt» angeboten, um Reformen in Deutschland voranzubringen. Er meinte damit aber nicht nur die EindĂ€mmung der irregulĂ€ren Migration, sondern auch andere Themen wie den BĂŒrokratieabbau.
Vorsichtiger AnnÀherungsversuch beim Abendessen
Das GesprĂ€ch gestern konzentrierte sich aber ganz auf die Migration. Neben Scholz, Rhein, Weil und Merz war noch Kanzleramtschef Wolfgang Schmidt (SPD) bei dem Abendessen in der Kanzlerwohnung im achten Stock der Regierungszentrale dabei. «ZunĂ€chst einmal haben wir uns heute Abend gut vertragen», beschrieb Weil anschlieĂend die AtmosphĂ€re. «Und wir sind, glaube ich, auch in der Sache so eng beieinander, dass daraus etwas werden kann.»
Alle Seiten waren sich einig, dass das Treffen nur eine erste Etappe auf dem Weg zu einem Treffen des Kanzlers mit allen MinisterprĂ€sidenten in Berlin am 6. November sein kann. Dann soll es allerdings zum Schwur kommen. Es gilt dann, die schwierigste Frage zu klĂ€ren: Die Finanzierung der Aufnahme von FlĂŒchtlingen, fĂŒr die die LĂ€nder zusĂ€tzliche Milliarden vom Bund fordern. Aber auch andere Fragen sollen bis dann geklĂ€rt werden. Am 6. November werde man «die Dinge finalisieren ... inklusive Finanzen», sagte Rhein.
Alle Seiten haben die Karten auf den Tisch gelegt
FĂŒr die weiteren Beratungen haben Bund, LĂ€nder und die Union nun ihre Karten auf den Tisch gelegt. Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) hatte bereits am Mittwoch die GrundzĂŒge eines Gesetzentwurfs vorgestellt, der darauf abzielt, die Zahl von Abschiebungen, die im letzten Moment scheitern, zu reduzieren. AuĂerdem sollen die AuslĂ€nderbehörden durch verlĂ€ngerte Fristen entlastet werden.
Die LĂ€nder einigten sich gestern unmittelbar vor der Runde im Kanzleramt auf einen Forderungskatalog, der sich an den Bund richtet. Darin verlangen sie, effektive MaĂnahmen zur Beschleunigung der Asylverfahren zu ergreifen, unerlaubte Einreisen etwa durch stationĂ€re Grenzkontrollen an den Grenzen zu Tschechien und Polen zu unterbinden und die Voraussetzungen zur EinfĂŒhrung einer bundesweit einheitlichen Bezahlkarte fĂŒr Asylbewerber zu schaffen. «Die bislang getroffenen MaĂnahmen sind noch nicht ausreichend, um eine Begrenzung der irregulĂ€ren Migration zu erreichen», heiĂt es in dem gemeinsamen Beschluss.
Nach der Runde im Kanzleramt legte dann auch die Union einen Forderungskatalog mit 26 Punkten vor. Darin wird von Scholz unter anderem ein «gemeinsames VerstĂ€ndnis» verlangt, «dass Deutschland mit Blick auf die Integration-Infrastruktur und den gesellschaftlichen Zusammenhalt eine Asylzuwanderung bis maximal 200.000 Personen pro Jahr vertrĂ€gt». Vor diesem Hintergrund mĂŒsse es eine RegierungserklĂ€rung des Kanzlers geben mit dem Signal: «Deutschlands AufnahmekapazitĂ€ten sind erschöpft».





