Opfer des Weihnachtsmarkt-Anschlags sitzen TĂ€ter gegenĂŒber
10.11.2025 - 16:17:35Mehr als zwei Stunden lang hören die Betroffenen zu, wĂ€hrend die Anklage die Todesfahrt ĂŒber den Magdeburger Weihnachtsmarkt nachzeichnet. Namen, Verletzungen, Operationen und Krankenhausaufenthalte. Weit mehr als 300 Opfer gab es, sechs Menschen - darunter ein Kind - ĂŒberlebten den Anschlag am 20. Dezember 2024 nicht. Fast elf Monate spĂ€ter sitzen viele Betroffene dem Mann aus Saudi-Arabien gegenĂŒber, der damals ĂŒber den Weihnachtsmarkt raste. Unter hohen Sicherheitsvorkehrungen hat der Prozess gegen Taleb al-Abdulmohsen begonnen.Â
Angespannt blicken die NebenklĂ€ger auf den 51-JĂ€hrigen, der in einer extra gesicherten Glaskabine sitzt und sich vor dem Landgericht Magdeburg selbst Ă€uĂert. Allerdings sagt er so gut wie nichts zur Tat, sondern zu vermeintlichen Verfehlungen der Polizei und zu Frauen in Saudi-Arabien. Auch ĂŒber die Medien zieht er her. Er hĂ€lt seinen Laptop hoch, wo «Sept. 2026» zu lesen ist. «Da ist die nĂ€chste politische Wahl in Sachsen-Anhalt», erklĂ€rte der aus Saudi-Arabien stammende Mann, der als Islamkritiker bekannt ist. Am 6. September 2026 wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewĂ€hlt.Â
Keine Entschuldigung, keine Reue
Zwischendurch gibt der 51-JĂ€hrige zu: «Ich bin derjenige, der das Auto gefahren hat.» Weitere konkrete Angaben macht er zunĂ€chst nicht. Keine Entschuldigung, kein Zeichen der Reue zu der Tat. Mehrfach versucht der Vorsitzende Richter Dirk Sternberg die ausschweifenden AusfĂŒhrungen des Angeklagten und auch politische ĂuĂerungen zu bremsen.
Die Anklage wirft ihm unter anderem vollendeten Mord in sechs FĂ€llen und versuchten Mord in 338 weiteren FĂ€llen vor. Oberstaatsanwalt Matthias Böttcher und sein Kollege Staatsanwalt Marco Reinl vollziehen bei der Verlesung der Anklage den Weg des Fahrers ĂŒber den Weihnachtsmarkt nach.Â
Schlangenlinien, um besonders viele Personen zu treffen
Zuerst erfasste Taleb al-Abdulmohsen Passanten, die an einer FuĂgĂ€ngerampel warteten. Er lenkte den mehr als zwei Tonnen schweren und 340 PS starken Wagen auf den Weihnachtsmarkt, etwa 350 Meter weit und mit bis zu 48 Kilometern pro Stunde.Â
Aus einer «vermeintlich persönlichen Frustration» heraus sei es dem Beschuldigten darum gegangen, eine «möglichst groĂe Menge von Personen» zu erfassen. DafĂŒr sei er in Schlangenlinien gefahren, um möglichst viele Personen zu treffen - um so die «von ihm gewĂŒnschte Aufmerksamkeit zu erlangen», so Böttcher.Â
Herumfliegende GegenstÀnde und Körper
Der Todesfahrer ĂŒberfuhr Menschen, andere wurden angefahren oder von herumfliegenden GegenstĂ€nden oder Personen getroffen - teils lieĂ sich das laut Generalstaatsanwaltschaft nicht mehr genau nachvollziehen. Immer wieder ist von Frakturen an Beinen und HĂŒften, von TrĂŒmmerfrakturen, SchĂ€del-Hirn-Traumata und schmerzhaften Prellungen die Rede. Kinder waren unter den Opfern ebenso wie Frauen und MĂ€nner. Eine Schwangere wurde so stark verletzt, dass die Fruchtblase platzte, ein Tag spĂ€ter kam das Kind zur Welt.
Am Ende starben sechs Menschen, fĂŒnf Frauen im Alter von 45 bis 75 Jahren sowie ein neunjĂ€hriger Junge. Die mehr als 300 Betroffenen stammen nach Angaben des Bundesopferbeauftragten aus fast allen BundeslĂ€ndern. Einige kommen auch aus dem Ausland wie etwa Spanien, den USA und GroĂbritannien.Â
Betroffene nehmen am Prozess als NebenklÀger teil
Rund 180 Betroffene und Hinterbliebene treten bislang als NebenklÀger auf, vertreten durch etwa 40 AnwÀlte. Das Interims-GerichtsgebÀude wurde errichtet, damit alle teilnehmen können. Der Bundesopferbeauftragte Roland Weber sprach vor Prozessbeginn mit anwesenden Betroffenen. «Mehrheitlich machen sie einen ruhigen und gefassten Eindruck», sagt Weber.
Viele NebenklĂ€ger lieĂen sich zum Prozessauftakt aber auch von ihren AnwĂ€lten vertreten und kamen nicht persönlich. «Wenn man mit den NebenklĂ€gern spricht, ist es so, dass die lieber den Prozess auf Abstand beobachten ĂŒber uns als AnwĂ€lte», sagt die AnwĂ€ltin Petra KĂŒllmei, die mehr als 100 Betroffene vertritt. Viele Opfer trauten sich ĂŒberhaupt nicht in die NĂ€he des Gerichtssaales.Â
Viele Betroffene trauen sich nicht zum Prozess
«Im GerichtsgebĂ€ude ist ja der Angeklagte, ist der TĂ€ter und vor dieser Konfrontation haben ganz viele Angst, viele haben auch psychische Probleme und sind gar nicht in der Lage, hier in den Gerichtssaal zu kommen», so KĂŒllmei. Psychische GrĂŒnde und auch körperliche BeeintrĂ€chtigungen werden auch von anderen genannt. Von denen, die zum Prozess kamen, blicken viele fassungslos, als der Angeklagte spricht. Manche wenden sich ab, andere schĂŒtteln die Köpfe.Â
Mit dem Hubschrauber gebracht
Das Verfahren gehört zu den gröĂten der Nachkriegsgeschichte. Zum Prozessauftakt reisten zahlreiche Medienvertreter aus dem In- und Ausland nach Magdeburg an. Im Zuschauerbereich blieben jedoch zunĂ€chst etliche der 100 PlĂ€tze in dem Interims-GerichtsgebĂ€ude frei.Â
Der Angeklagte, der als Arzt im MaĂregelvollzug mit psychisch kranken StraftĂ€tern arbeitete, wurde mit einem Hubschrauber aus der Haftanstalt Burg nach Magdeburg gebracht. Seit mehreren Tagen befindet sich der Mann in der Obhut des Justizvollzugs Sachsen-Anhalt. Davor hatte er mehrere Monate in Berlin in Untersuchungshaft gesessen. Weitere Details nannte ein Sprecher des Justizministeriums dazu nicht. Nach dpa-Informationen wird al-Abdulmohsen jeweils zu den Prozesstagen geflogen.
Prozess unter hoher Sicherheit
Erfolglos kritisierte der Verteidiger den Sitzplatz hinter schusssicheren Scheiben. Richter Sternberg betonte, der Platz sei wichtig zum Schutz des Angeklagten, er solle so vor möglichen Racheakten geschĂŒtzt werden.Â
Das GebĂ€ude ist von einem Zaun mit Stacheldraht umgeben und zusĂ€tzlich von mobilen Pollern geschĂŒtzt. Eine Hundertschaft der Polizei war im Einsatz, fast ebenso viele Justizbeamte aus Sachsen-Anhalt sicherten nach dpa-Informationen den Prozessauftakt ab. Trotz umfangreicher Sicherheitskontrollen begann die Verhandlung nahezu pĂŒnktlich.Â
Der Prozess wird am Dienstag fortgesetzt. Das Landgericht Magdeburg hat bis zum 12. MÀrz 2026 zunÀchst knapp 50 Verhandlungstage angesetzt.





