Kommt die Bafög-Reform doch nicht? - Ărger in der Koalition
31.05.2026 - 13:38:50 | dpa.deBundesforschungsministerin Dorothee BĂ€r hat mit einer pessimistischen EinschĂ€tzung zur geplanten Bafög-Reform einen neuen Koalitionskrach ausgelöst. «Mein Haus hat alle Weichen gestellt fĂŒr die Bafög-Reform, und wir sind auch im Zeitplan. Ich habe aber auch gehört, dass die Reform von den Regierungsfraktionen nicht mehr unterstĂŒtzt wird», sagte die CSU-Politikerin den Zeitungen der Funke-Mediengruppe.
Dabei schien ein Streit ĂŒber die Finanzierung der geplanten Bafög-Reform eigentlich Ende April beigelegt. Man gehe beim Bafög jetzt regulĂ€r ins Gesetzgebungsverfahren, sagte damals eine Sprecherin des Forschungsministeriums. Zumindest die SPD ging seither fest davon aus, dass die Reform steht, weshalb BĂ€rs ĂuĂerung bei den Sozialdemokraten nun maximale Irritation auslöst.
SPD reagiert ĂŒberrascht und verĂ€rgert
«Da die SPD-Fraktion geschlossen fĂŒr die Umsetzung der vereinbarten BAföG-Reform zum Wohle der FachkrĂ€fte von Morgen steht, sind die ĂuĂerungen von Dorothee BĂ€r schlicht falsch und nicht zutreffend», sagt die stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Wiebke Esdar. Sie rate der Union dringend «hier kein Chaos zu verursachen», sondern sich an das zu halten, was vereinbart sei.Â
«Die Koalitionsfraktionen haben sich gemeinsam auf eine Bafög-Reform verstĂ€ndigt, die mehr FlexibilitĂ€t, den Abbau von BĂŒrokratie sowie eine Erhöhung der Wohnkostenpauschale und RegelsĂ€tze vorsieht.» Diese VerstĂ€ndigung sei auf Basis des Koalitionsvertrags erfolgt und gelte fort. «Gemeinsam mit Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) wurde bereits eine Finanzierung sichergestellt», sagt Esdar.
Die Unionsfraktion kommentierte die ĂuĂerungen der Forschungsministerin zunĂ€chst nicht.
Esdar erklĂ€rte, eine einseitige AufkĂŒndigung der Koalitionsvereinbarung zum Bafög schade nicht nur den NachwuchskrĂ€ften und dem Standort Deutschland, sondern auch der Koalition und der demokratischen Kultur insgesamt. Die SPD-Abgeordnete Lina Seitzl forderte BĂ€r auf, «dass sie ihre Hausaufgaben macht und die vereinbarte Bafög-Reform nun zĂŒgig ins Kabinett einbringt», damit sie zum Wintersemester in Kraft treten könne.
Niedersachsens Wissenschaftsminister Falko Mohrs (SPD), Koordinator der LÀnder mit SPD-Regierung in der Wissenschaftsministerkonferenz, sagte: «Das wÀre ein Schlag ins Gesicht vieler Studierender und ein Vertrauensbruch, nachdem sich endlich auf die versprochene Reform geeinigt wurde.» Man sei «schwer irritiert».
Bafög-Modernisierung im Koalitionsvertrag angekĂŒndigt
Im Koalitionsvertrag hatten Union und SPD angekĂŒndigt, das Bafög «in einer groĂen Novelle» zu modernisieren. Im ersten Schritt sollte demnach zum kommenden Wintersemester die im Bafög enthaltene Wohnkostenpauschale fĂŒr Studierende, die nicht mehr bei den Eltern wohnen, von derzeit 380 auf 440 Euro im Monat angehoben werden. AnschlieĂend sollte der sogenannte Bafög-Grundbedarf - aktuell 475 Euro im Monat - in zwei Schritten zum Wintersemester 2027/2028 und ein Jahr spĂ€ter dauerhaft an das Niveau der Grundsicherung angepasst werden. Der eigentliche Bafög-Satz wird immer individuell nach Einkommen der Eltern und anderen Faktoren berechnet.
BĂ€r zeigt VerstĂ€ndnis fĂŒr möglichen Reform-Stopp
BĂ€r zeigte VerstĂ€ndnis fĂŒr einen möglichen Stopp der Reform. «Wenn PflegebedĂŒrftige sparen sollen und beim Elterngeld KĂŒrzungen vorgenommen werden, dann ist nachvollziehbar, dass man nicht gleichzeitig an anderer Stelle groĂe zusĂ€tzliche Leistungen verspricht», sagte sie. «Politik besteht eben darin, PrioritĂ€ten zu setzen und tragfĂ€hige Gesamtpakete zu schnĂŒren.»
Die Situation fĂŒr Studierende in Deutschland beschrieb die Ministerin als sehr privilegiert. «Es gibt keine StudiengebĂŒhren, und der Staat ermöglicht vielen jungen Menschen ĂŒberhaupt erst ein Studium.» Es sei «kein Drama, wenn Studierende neben dem Studium jobben â viele sammeln dabei sogar wichtige Erfahrungen fĂŒrs Leben und den Beruf», gegebenenfalls in den Semesterferien.
Empörung des Studierendenwerkes
Auf Ablehnung stieĂen ihre ĂuĂerungen auch beim Deutschen Studierendenwerk, das fĂŒr Bafög-Bewilligung und -Auszahlung zustĂ€ndig ist. Der Vorstandsvorsitzende Matthias Anbuhl warf BĂ€r vor, den Bezug zur Lebenswirklichkeit vieler Studierender verloren zu haben. Laut Statistischem Bundesamt geben Studierende, die nicht bei den Eltern wohnen, im Schnitt 53 Prozent ihres verfĂŒgbaren Haushaltseinkommens fĂŒrs Wohnen aus - deutlich mehr als in der Gesamtbevölkerung mit knapp 25 Prozent (2024). Die Union habe bei jĂŒngeren WĂ€hlern zuletzt drastisch an Zustimmung verloren, sagte Anbuhl. Breche die Koalition ihr Bafög-Versprechen, werde sich dies fortsetzen.
Kritik von den GrĂŒnen und aus Niedersachsen
GrĂŒnen-Fraktionsvize Misbah Khan will hier ein wiederkehrendes Muster erkennen: Vor allem im sozialen Bereich zeige sich, dass viele Vereinbarungen und Versprechen aus dem Koalitionsvertrag von Schwarz-Rot nichts wert seien, sagte sie. «Gerade weil Bildungschancen das wichtigste Zukunftsversprechen einer gerechten Gesellschaft sind, ist es fatal, dass sowohl die finanzielle UnterstĂŒtzung fĂŒr Menschen in Ausbildung als auch die Infrastruktur der Hochschulen vernachlĂ€ssigt werden.»
Linksfraktionsvize Nicole Gohlke sagte: «Es ist kein 'Drama', zu jobben, aber es ist ein strukturelles Drama, wenn das Studium zum reinen Privileg derer verkommt, die reiche Eltern im Hintergrund haben.»
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