FachkrÀfte, Deutschland

Was soll sich Àndern bei der FachkrÀfteeinwanderung?

23.06.2023 - 12:58:24

Gastwirte, Heizungsbauer und Kliniken haben ein gemeinsames Problem: Ihnen fehlt Fachpersonal. Zwei Vorhaben, die der Bundestag nun beschlossen hat, sollen Abhilfe schaffen. Was ist geplant?

Seit MĂ€rz 2020 hat Deutschland ein FachkrĂ€fteeinwanderungsgesetz. Das Gesetz war von der schwarz-roten Koalition beschlossen worden, um den Zuzug von qualifizierten ArbeitskrĂ€ften aus Nicht-EU-Staaten zu erleichtern. Es soll jetzt reformiert werden, weil immer noch vielerorts Personal fehlt, vor allem FachkrĂ€fte. Flankiert wird diese Gesetzesnovelle von einem zweiten Gesetzesvorhaben der Ampel-Regierung. Das soll jungen Menschen helfen, eine Ausbildungsstelle zu finden. Gleichzeitig sieht dieses Gesetz mehr UnterstĂŒtzung fĂŒr von Jobverlust bedrohte ArbeitskrĂ€fte vor. Die wichtigsten Fragen und Antworten:

Was Àndert sich beim FachkrÀfteeinwanderungsgesetz?

Neu ist die EinfĂŒhrung einer sogenannten Chancenkarte auf Basis eines Punktesystems. Das war vor allem der FDP ein wichtiges Anliegen. Zu den Auswahlkriterien fĂŒr arbeitswillige Einwanderer, die diesen Weg wĂ€hlen, gehören Sprachkenntnisse, Berufserfahrung, Alter und Deutschlandbezug. Kanada macht das so Ă€hnlich seit vielen Jahren.

Außerdem sollen IT-FachkrĂ€fte auch dann kommen dĂŒrfen, wenn sie zwar keinen Hochschulabschluss haben, aber bestimmte Qualifikationen. Denn hier fehlen besonders viele FachkrĂ€fte. Die werden aber dringend benötigt, wenn Deutschland bei der Digitalisierung aufholen will.

Asylbewerber, die vor dem 29. MĂ€rz 2023 eingereist sind und eine Qualifikation sowie ein Jobangebot haben, sollen - wenn sie ihren Asylantrag zurĂŒcknehmen - eine Aufenthaltserlaubnis als Fachkraft beantragen können. Bislang musste man dafĂŒr erst ausreisen und sich dann vom Ausland aus um ein Arbeitsvisum bemĂŒhen.

Wer als hoch qualifizierte Fachkraft aus dem Nicht-EU-Ausland nach Deutschland kommt, soll kĂŒnftig nicht nur den Ehepartner und die Kinder mitbringen dĂŒrfen, sondern auch Eltern und Schwiegereltern. Voraussetzung fĂŒr den Familiennachzug ist aber, dass der Lebensunterhalt fĂŒr die Angehörigen gesichert ist. Sozialleistungen beantragen können die Eltern nicht.

Wer profitiert davon?

Unter anderem Unternehmen, die Stellen nicht besetzen können und deshalb wirtschaftliche Einbußen hinnehmen mĂŒssen. Qualifizierte ArbeitskrĂ€fte aus dem Ausland, die sich in Deutschland mehr Gehalt und bessere Karrierechancen erhoffen. FĂŒr Menschen, die Deutschland eigentlich verlassen mĂŒssten, wird es einfacher, durch eine Ausbildung oder indem sie einen Job als Fachkraft antreten, doch noch einen gesicherten Aufenthalt zu bekommen.

Wie sind die Erfolgsaussichten?

Dass das FachkrĂ€fteeinwanderungsgesetz von 2020 nicht die gewĂŒnschte Wirkung entfaltet hat, lag auch an der Corona-Pandemie, die international MobilitĂ€t eingeschrĂ€nkt hat. Außerdem ist der bĂŒrokratische Aufwand fĂŒr AuslĂ€nder, die als Erwerbsmigranten nach Deutschland kommen wollen, immer noch hoch. Das Verfahren sei so aufwendig, dass der Jobsuchende oder das Unternehmen in Deutschland irgendwann aufgeben und sich umorientieren, berichtete die Leiterin einer tunesischen Arbeitsagentur kĂŒrzlich Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) bei deren Besuch in dem nordafrikanischen Land. Ein Flaschenhals sind die deutschen Botschaften und Konsulate. Dort muss man oft lange auf einen Termin warten, um ein Visum zu beantragen.

Wie geht es jetzt weiter?

Der SonderbevollmĂ€chtigte fĂŒr Migrationsabkommen, Joachim Stamp (FDP), soll zusĂ€tzlich die Möglichkeit bekommen, einzelnen LĂ€ndern bestimmte Kontingente fĂŒr die Erwerbsmigration nach Deutschland anzubieten. Hier wĂ€re dann keine besondere Qualifikation notwendig, nur ein Arbeitsvertrag. Im Gegenzug sollen diese Staaten besser kooperieren bei der RĂŒcknahme ihrer ausreisepflichtigen StaatsbĂŒrger aus Deutschland. So eine Regelung gibt es jetzt schon fĂŒr die Westbalkan-Staaten. Das aktuell geltende Kontingent fĂŒr Staatsangehörige von Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Nordmazedonien, Montenegro und Serbien hat die Ampel jetzt verdoppelt, auf kĂŒnftig 50.000 ArbeitskrĂ€fte pro Jahr.

Bei den langwierigen Verhandlungen der KoalitionĂ€re zum FachkrĂ€fteeinwanderungsgesetz zeigte sich wieder einmal das inzwischen schon bekannte Muster, dass sich FDP und GrĂŒne ineinander verhaken und die SPD als Moderatorin in der Mitte steht. Die SPD hĂ€tte die Reform gerne zusammen mit der geplanten Novelle des Staatsangehörigkeitsrechts ins Parlament gebracht. Doch vor allem die FDP war mit den VorschlĂ€gen, die dazu anfangs auf dem Tisch lagen, nicht ganz einverstanden. Deshalb entschloss man sich, die Novelle parallel zu den Änderungen bei der Förderung von Aus- und Weiterbildung anzugehen. Auch um zu zeigen, dass die Ampel die Probleme auf dem Arbeitsmarkt nicht nur durch Migration lösen will. Über die Reform des Staatsangehörigkeitsrechts wollte das Kabinett ursprĂŒnglich in der kommenden Woche beraten. Jetzt sieht es aber doch so aus, als wĂŒrde dort ĂŒber den Entwurf von Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) erst Mitte Juli entschieden.

Was soll das Aus- und Weiterbildungsgesetz bewirken?

Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) betont regelmĂ€ĂŸig, es mĂŒssten «alle Register» gezogen werden, um ArbeitskrĂ€fte zu gewinnen, auch im Inland. Beispiel Ausbildung: Viele Unternehmen suchen Azubis und gleichzeitig bleiben jedes Tausende Bewerber ohne Lehrstelle. Ein «MobilitĂ€tszuschuss» fĂŒr zwei kostenlose Familienheimfahrten pro Monat soll es kĂŒnftig leichter machen, auch weiter entfernt liegende AusbildungsplĂ€tze anzunehmen.

Ähnliches ist auch fĂŒr Praktika zur Berufsorientierung nach der Schulzeit geplant: Die Bundesagentur fĂŒr Arbeit kann hier kĂŒnftig Fahrtkosten zum Praktikumsort und auch Unterkunftskosten ĂŒbernehmen, wenn das Praktikum weiter entfernt vom Elternhaus liegt.

Wenn junge Menschen keinen betrieblichen Ausbildungsplatz finden, soll ihnen eine außerbetriebliche Ausbildung angeboten werden.

Und was soll beim Thema Weiterbildung passieren?

Hier ist ein «Qualifizierungsgeld» vorgesehen, ein Lohnersatz, den die Bundesagentur fĂŒr Arbeit zahlen soll. Gedacht ist es fĂŒr BeschĂ€ftigte, «denen im besonderen Maße durch die Transformation der Arbeitswelt der Verlust des Arbeitsplatzes droht, bei denen Weiterbildungen jedoch eine zukunftssichere BeschĂ€ftigung im gleichen Unternehmen ermöglichen können», heißt es im ErklĂ€rtext zum Gesetz. Das Bundesarbeitsministerium nennt etwa die Autobranche durch die Umstellung von Verbrenner auf Elektro. Vorgesehen ist auch, kleine und mittelstĂ€ndische Unternehmen stĂ€rker bei der Weiterbildung zu unterstĂŒtzen, durch vollstĂ€ndige Übernahme von Lehrgangskosten.

@ dpa.de