100.000 oder 350.000 Menschen? So wird bei Protesten gezÀhlt
27.01.2024 - 07:22:59Wenn viele Menschen in der Ăffentlichkeit demonstrieren, geht der Ăberblick schnell verloren. Geht ihre Zahl auch noch in die Zehntausende, kommt DurchzĂ€hlen nicht in Frage. Dann werden die Teilnehmerzahlen geschĂ€tzt. In der Regel unterscheiden sich die Angaben von Veranstaltern und Polizei - und das teils eklatant.
Warum die Angaben auseinandergehen
Menschenmengen zu schÀtzen ist mit vielen Unsicherheiten behaftet. In der Forschung nehme man in der Regel das Mittel zwischen den Werten der Polizei und der Veranstalter an, sagt Protestforscher Sebastian Haunss von der UniversitÀt Bremen.
Zuweilen klaffen die Zahlen besonders weit auseinander. So sprachen die Veranstalter der Proteste gegen Rechtsextremismus und die AfD in Berlin vom vergangenen Sonntag von 350.000 Demonstrierenden, die Behörden nannten bis zu 100.000 Teilnehmer.
«Die Polizei gibt nur eine grobe SchĂ€tzung», erklĂ€rt die Berliner Polizeisprecherin Anja Dierschke. Die Behörde erhebe diese Zahlen, damit sie gegebenenfalls EinsatzkrĂ€fte umstrukturieren oder nachordern und Erfahrung fĂŒr kĂŒnftige Kundgebungen sammeln könne. «Unsere Aufgabe ist nicht, eine Demonstration ĂŒber die geschĂ€tzten Zahlen als erfolgreich oder erfolglos zu bewerten», so Dierschke.
Nach Erkenntnissen von Protestforscher Haunss sind die Zahlen der Organisatoren systematisch zu hoch, die der Polizei systematisch zu niedrig. «HĂ€ufig sind die Differenzen besonders groĂ bei Demonstrationen, die mehr Zulauf haben als zunĂ€chst erwartet», sagt er. Die Veranstalter wollten besonders viele Menschen mobilisiert haben. Auch die Polizei sei bei Demonstrationen nicht immer neutral und habe zuweilen womöglich politische Interessen, Proteste eher zu klein darzustellen. Sie plane eine bestimmte Anzahl an Beamten fĂŒr die Proteste ein und wolle am Ende nicht dastehen, als hĂ€tte sie die Situation unterschĂ€tzt.
Die Berliner Polizei lĂ€sst das Argument fĂŒr sich nicht gelten. «Wir berechnen im Vorfeld unseren KrĂ€fteeinsatz aus der Erfahrung der Vergangenheit und aus den Veranstalterangaben», sagt die Sprecherin. Verlaufe eine Demonstration friedlich und sicher fĂŒr alle, spiele am Ende die Zahl der EinsatzkrĂ€fte eine untergeordnete Rolle. Am vergangenen Sonntag waren es in der Hauptstadt rund 300 Beamte.
Wie gezÀhlt wird
Haunss zufolge ist es einfacher, die GröĂe von DemonstrationszĂŒgen zu ermitteln. Vom Streckenrand aus werden die vorbeiziehenden Reihen gezĂ€hlt und mit der durchschnittlichen Anzahl von Menschen, die sich pro Reihe vorwĂ€rtsbewegen, multipliziert. Der Wissenschaftler gibt den SchĂ€tzfehler bei dieser Methode mit etwa 10 bis 15 Prozent an.
Bei Kundgebungen sei eine Beurteilung deutlich schwieriger. Sie sind nur scheinbar statisch, es gibt ein immerwÀhrendes Kommen und Gehen. «Die Fluktuation der Menschen ist methodisch nicht zu erfassen», sagt Haunss. Je lÀnger die Proteste andauerten, umso unsicherer seien die Angaben. Sie zeigten nur den Stand zu einem bestimmten Zeitpunkt.
Erst wird ermittelt, wie viele Menschen sich auf einem Quadratmeter aufhalten - und dann auf die GesamtflĂ€che der Proteste hochgerechnet. Drei Menschen pro Quadratmeter sei in etwa die Dichte auf einem gut besuchten Konzert, so Haunss. Vor einer BĂŒhne könne es etwa gedrĂ€ngter zugehen als weiter hinten.
Der Polizei ist durchaus bewusst, dass diese auch von ihr angewandte Methode ihre TĂŒcken hat, und dass die ermittelte Zahl nur den Zeitpunkt der Erhebung abbildet - nicht die gesamte Demonstration. In der Regel schĂ€tzen Beamte vom Rand der Kundgebung die Menschen pro Quadratmeter. Zuweilen kommt - wie am vergangenen Sonntag - ein Helikopter zum Einsatz, um sich ein Bild von oben zu machen. Drohnen und KĂŒnstliche Intelligenz werden in Berlin aktuell nicht eingesetzt.
Durch viele Kundgebungen in der Hauptstadt kann die Polizei allerdings auf Erfahrungswerte zurĂŒckgreifen. Die Beamten wissen in etwa, wie viele Menschen auf den Platz um die SiegessĂ€ule passen oder auf die Wiese vor dem Reichstag.


