Handy-Betrug, EUStA

Handy-Betrug: Razzia wegen Mogel-Neuware in 19 LĂ€ndern

Veröffentlicht am: 29.09.2026 um 10:17 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

Bei einer europaweiten Razzia wegen mutmaßlichen Betrugs mit als neu verkauften Handys durchsuchen Ermittler rund 160 Objekte in 19 LĂ€ndern. Der geschĂ€tzte Schaden fĂŒr Verbraucher betrĂ€gt mindestens 300 Millionen Euro, hinzu kommen mutmaßliche SteuerausfĂ€lle in Millionenhöhe.

Ein Schwerpunkt der Aktion lag in Nordrhein-Westfalen. - Bild: Christoph Reichwein/dpa
Ein Schwerpunkt der Aktion lag in Nordrhein-Westfalen. - Bild: Christoph Reichwein/dpa

Wegen des Verdachts auf millionenfachen Betrug mit online verkauften Handys durchsuchen Fahnder rund 160 Objekte in 19 LĂ€ndern, darunter Deutschland.

Mindestens eine Million Handys verkauft

Nach Angaben der EuropÀischen Staatsanwaltschaft entstand Verbraucherinnen und Verbrauchern in der EU ein geschÀtzter Schaden von mindestens 300 Millionen Euro. Betroffen seien mindestens eine Million Mobiltelefone, die aus gebrauchten Teilen zusammengesetzt und im Internet als Neuware angeboten worden seien.

Der finanzielle Schaden entspricht dem Unterschied zwischen dem gezahlten Preis und dem tatsÀchlichen Wert der GerÀte. Die GeschÀftspraxis soll bis zuletzt weitergelaufen sein.

GerĂ€te ĂŒber Niederlande nach Deutschland

Den Ermittlungen zufolge wurden die Mobiltelefone zunĂ€chst in Hongkong und den Vereinigten Arabischen Emiraten aus gebrauchten Bauteilen zusammengebaut. Anschließend seien sie gereinigt, neu verpackt und in die Niederlande verschickt worden. Von dort gelangten sie zu Lagern in Deutschland und wurden ĂŒber Online-MarktplĂ€tze in der gesamten EU verkauft.

Seit 2018 sollen auf diese Weise mehr als eine Million Handys fĂŒhrender Hersteller vertrieben worden sein. Die EUStA sprach von einem Top-Anbieter fĂŒr Handys im Internet.

Millionen an Mehrwertsteuer hinterzogen

Die Beschuldigten sollen außerdem ĂŒber Briefkastenfirmen in EU-LĂ€ndern und der Schweiz eine Steuerregelung missbraucht haben. Dadurch sei in mehreren Mitgliedstaaten ein Mehrwertsteuerausfall von rund 30 Millionen Euro entstanden, davon mindestens 25 Millionen Euro in Deutschland.

Die Unternehmen sollen unrechtmĂ€ĂŸig nur die Gewinnmarge versteuert haben. Diese Regelung gilt fĂŒr weiterverkaufte Waren, fĂŒr die bereits Mehrwertsteuer entrichtet wurde. Weil die GerĂ€te als Neuware verkauft worden seien, hĂ€tte die Steuer nach Darstellung der Ermittler auf den gesamten Verkaufspreis berechnet werden mĂŒssen.

Schwerpunkt in Nordrhein-Westfalen

Ein Schwerpunkt der Aktion lag in Nordrhein-Westfalen. In Krefeld wurde nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur eine Lagerhalle in einem Gewerbegebiet durchsucht. Dort befanden sich nach SchÀtzung eines dpa-Reporters etwa 10.000 bis 15.000 Handys.

An den Maßnahmen waren nach Angaben der EUStA rund 1.770 Steuer-, Zoll- und Polizeifahnder beteiligt. Durchsucht wurde neben Deutschland auch in Österreich, Belgien, Bulgarien, Kroatien, Zypern, Estland, Finnland, Italien, Lettland, Litauen, Luxemburg, Polen, Portugal, RumĂ€nien, der Slowakei, Spanien, der Schweiz und den Niederlanden. Im Vereinigten Königreich wurde zudem eine Zeugin vernommen.

Sieben VerdÀchtige festgenommen

Bereits am Samstag wurden der EUStA zufolge sieben VerdĂ€chtige festgenommen: vier in Deutschland, zwei in Österreich und eine Person in Spanien. Unter ihnen sollen sich auch die zwei mutmaßlichen AnfĂŒhrer der Organisation befinden.

Die EUStA koordinierte den Einsatz mit dem Zollfahndungsamt Essen, dem Landesamt zur BekĂ€mpfung der FinanzkriminalitĂ€t Nordrhein-Westfalen und der Polizei DĂŒsseldorf. Ermittelt wird außerdem wegen Einfuhrschmuggels, möglicher VerstĂ¶ĂŸe gegen das Markenrecht und des Verdachts der Bildung einer kriminellen Vereinigung.

Die EuropÀische Staatsanwaltschaft verfolgt Straftaten zulasten der finanziellen Interessen der EU. Dazu zÀhlen unter anderem Mehrwertsteuerbetrug, GeldwÀsche, Korruption und der Missbrauch von Fördergeldern.

GrenzĂŒberschreitendes GeschĂ€ftsmodell

Der Fall zeigt, wie stark der Onlinehandel mit Mobiltelefonen international verflochten ist. Die mutmaßliche Lieferkette soll von der Beschaffung gebrauchter Bauteile in Asien ĂŒber die Aufbereitung und Verpackung in den Niederlanden bis zur Lagerung und zum Verkauf in Deutschland gereicht haben. Weil KĂ€uferinnen und KĂ€ufer in mehreren EU-Staaten bestellt hĂ€tten, bĂŒndeln die Ermittlungsbehörden ihre Maßnahmen grenzĂŒberschreitend.

Besonders schwer wiegt neben dem möglichen Betrug der Vorwurf des Mehrwertsteuerbetrugs. Die sogenannte Margenbesteuerung ist fĂŒr bestimmte gebrauchte Waren vorgesehen, bei denen die Umsatzsteuer bereits entrichtet wurde. Werden aus gebrauchten Teilen zusammengesetzte GerĂ€te dagegen als Neuware vermarktet, verĂ€ndert sich nach Darstellung der Ermittler die steuerliche Grundlage erheblich. Der mutmaßliche Steuerausfall in Millionenhöhe betrifft damit nicht nur einzelne KĂ€ufer, sondern auch öffentliche Haushalte.

Bedeutung fĂŒr KĂ€ufer

FĂŒr Verbraucherinnen und Verbraucher liegt das zentrale Risiko in der Differenz zwischen dem beworbenen Zustand und der tatsĂ€chlichen Beschaffenheit eines GerĂ€ts. Ein als neu angebotenes Smartphone kann bei gebrauchten oder ausgetauschten Komponenten eine andere technische Lebensdauer, einen geringeren Wiederverkaufswert und möglicherweise abweichende AnsprĂŒche gegenĂŒber dem HĂ€ndler haben. Die seit dem 27. September geltenden EU-Hinweise zur gesetzlichen GewĂ€hrleistung sollen die Orientierung im Handel verbessern, ersetzen aber keine PrĂŒfung des VerkĂ€ufers, der Produktbeschreibung und der Kaufunterlagen.

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