Brandmauer, Bundestag

Was es mit der «Brandmauer» auf sich hat

24.01.2025 - 16:05:22

Im Bundestag könnten UnionsantrÀge zur VerschÀrfung der Migrationspolitik auf die Tagesordnung kommen, denen die AfD zustimmt. Das Ende der sogenannten Brandmauer?

Unionskanzlerkandidat Friedrich Merz (CDU) hat nach der tödlichen Messerattacke von Aschaffenburg AntrĂ€ge zur VerschĂ€rfung der Migrationspolitik im Bundestag angekĂŒndigt - unter Inkaufnahme, dass diesen auch die AfD zustimmt. Die AfD wiederum hat ihr Werben fĂŒr eine Zusammenarbeit mit der Union nun noch einmal verstĂ€rkt und jubelt schon ĂŒber das Ende der «Brandmauer.» Was hat es mit dem Begriff auf sich und was könnte passieren? 

Was könnte nÀchste Woche im Bundestag passieren? 

Unionskanzlerkandidat und Fraktionschef Friedrich Merz (CDU) hat angekĂŒndigt, dass er VorschlĂ€ge fĂŒr schĂ€rfere Regeln in der Migrationspolitik vorlegen will. «Und wir werden sie einbringen, unabhĂ€ngig davon, wer ihnen zustimmt», sagte er. «Ich gucke nicht rechts und nicht links. Ich gucke in diesen Fragen nur geradeaus.» Er nimmt also eine Zustimmung der AfD in Kauf.

Offen ist aber, ob es ĂŒberhaupt so weit kommt, denn nach der GeschĂ€ftsordnung des Bundestags gibt es bei AntrĂ€gen, wie bei GesetzentwĂŒrfen, in der Regel drei Beratungen vor einer Schlussabstimmung. Das Verfahren kann mit einer Zweidrittelmehrheit verkĂŒrzt werden. Vor der Bundestagswahl sind nach der kommenden Sitzungswoche nur noch zwei Plenartage im Februar angesetzt.

Wie kam es ĂŒberhaupt zum Wort «Brandmauer» in Verbindung mit der AfD? 

Wer den Begriff zuerst in diesem Zusammenhang benutzt hat, lĂ€sst sich nur schwer nachvollziehen, aber schon 2014 - ein Jahr nach GrĂŒndung der damals vor allem Euro-kritisch auftretenden Partei - nutzte ihn der damalige CSU-GeneralsekretĂ€r Andreas Scheuer. Die AfD zog in Sachsen zum ersten Mal in ein Landesparlament ein, und Scheuer sagte zur Frage einer Zusammenarbeit, in diesem Punkt gebe es eine «Brandmauer». Der Begriff wurde spĂ€ter auch von anderen Parteien genutzt, um eine Zusammenarbeit auszuschließen. 2018 etwa nach den Ausschreitungen von Chemnitz, sagte GrĂŒnen-Politiker Cem Özdemir, man mĂŒsse eine «Brandmauer in Richtung AfD errichten».

Und wie geht CDU-Chef Merz damit um? 

Merz hatte im Dezember 2021 dem «Spiegel» gesagt: «Mit mir wird es eine Brandmauer zur AfD geben.» Im vergangenen Herbst, als Sachsen-MinisterprĂ€sident Michael Kretschmer (CDU) im Zuge der Landtagswahlen im Osten empfahl, vom Begriff der «Brandmauer» Abstand zu nehmen, weil die Partei ihn fĂŒr sich nutze und sich als MĂ€rtyrerin darstelle, sagte Merz: «Das Wort Brandmauer hat nie zu unserem Sprachgebrauch gehört. Das ist uns immer von außen aufgenötigt worden.» 

Die AfD hÀlt Merz das Wort immer wieder vor, um die Union unter Druck zu setzen, argumentiert mit ihren Wahlerfolgen und dass sich vor diesem Hintergrund die strikte Abgrenzung nicht mehr lange werde durchhalten lassen.

Wie begrĂŒndet die CDU ihre Ablehnung einer Zusammenarbeit?

Es ist ihre offizielle Beschlusslage. Auf ihrem Parteitag in Hamburg 2018 hatten die Christdemokraten festgehalten: «Die CDU Deutschlands lehnt Koalitionen und Ă€hnliche Formen der Zusammenarbeit sowohl mit der Linkspartei als auch mit der Alternative fĂŒr Deutschland ab.» Merz hatte vor kurzem in den ARD-«Tagesthemen» bekrĂ€ftigt: «Wir arbeiten nicht mit einer Partei zusammen, die auslĂ€nderfeindlich ist, die antisemitisch ist, die Rechtsradikale in ihren Reihen, die Kriminelle in ihren Reihen hĂ€lt, eine Partei, die mit Russland liebĂ€ugelt und aus der Nato und der EuropĂ€ischen Union austreten will.» Er stehe mit seinem Wort dafĂŒr, halte das und knĂŒpfe sein Schicksal als Parteivorsitzender an diese Antwort.

Was halten die Menschen von dieser strikten Position der CDU? 

Knapp zwei Drittel der Befragten (65 Prozent) im aktuellen ZDF-«Politbarometer» finden es richtig, dass die CDU eine politische Zusammenarbeit mit der AfD grundsĂ€tzlich ablehnt, 32 Prozent finden es nicht richtig. Die CDU/CSU-AnhĂ€nger unterstĂŒtzen mit großer Mehrheit von 73 Prozent den strikten Abgrenzungskurs.

Immer wieder heißt es, die Brandmauer bröckele lĂ€ngst. Inwiefern? 

Es geht dabei auch um eine Definitionsfrage. Was heißt eigentlich Zusammenarbeit? Merz hatte im ZDF-Interview 2023 eine Trennlinie zwischen Kommunalpolitik und den Ebenen darĂŒber gezogen. Die Zusammenarbeit beziehe sich auf gesetzgebende Körperschaften, sagte er und nannte Landtage, den Bundestag und das EU-Parlament. Wenn auf kommunaler Ebene ein Landrat oder BĂŒrgermeister von der AfD gewĂ€hlt werde, sei es selbstverstĂ€ndlich, nach Wegen zu suchen, wie man in der Stadt weiter arbeiten könne.

Das Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) war in einer im vergangenen September veröffentlichten Untersuchung zum Abstimmungsverhalten in ostdeutschen Kommunalparlamenten zum Ergebnis gekommen, dass es dort Zusammenarbeit mit der AfD gibt, aber nicht im großen Stil. Untersucht wurden mehr als 2.400 Sitzungen der Parlamente in Landkreisen und kreisfreien StĂ€dten von Mitte 2019 bis Mitte 2024 in allen ostdeutschen BundeslĂ€ndern. Die AfD stellte demnach 2.348 AntrĂ€ge und erhielt in rund 80 Prozent der FĂ€lle keine UnterstĂŒtzung. In rund 20 Prozent (484 FĂ€lle) wurde nachgewiesen, dass inhaltlich mit der AfD kooperiert wurde.

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