LĂ€nder wollen Klarheit ĂŒber Asylverfahren in Drittstaaten
06.03.2024 - 18:47:37Die LĂ€nder verlangen von der Bundesregierung Klarheit ĂŒber eine mögliche Verlagerung von Asylverfahren in LĂ€nder auĂerhalb der EU. In einem nach ihren Beratungen mit Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) veröffentlichten Beschluss bitten die 16 LĂ€nderchefs die Ampel-Regierung in Berlin, bei der nĂ€chsten Bund-LĂ€nder-Konferenz am 20. Juni dazu erste Ergebnisse vorzulegen.
Bald soll nach dem Willen der LĂ€nder auch feststehen, wann die damals vereinbarte Bezahlkarte fĂŒr Asylbewerber kommt. Sie soll teilweise Bargeld-Auszahlungen ersetzen und damit verhindern, dass die FlĂŒchtlinge Geld in ihre HeimatlĂ€nder ĂŒberweisen. In dem gemeinsamen Beschluss fordern die Regierungschefs der LĂ€nder den Bund auf, dafĂŒr zu sorgen, dass der Bundestag einen entsprechenden Entwurf dazu rasch verabschiedet.
Scholz: «Immer am Thema dran bleiben»
Scholz (SPD) und die amtierenden Vorsitzenden der MinisterprĂ€sidentenkonferenz, der Hesse Boris Rhein (CDU) und sein niedersĂ€chsischer Stellvertreter Stephan Weil (SPD), zogen vier Monate nach dem Migrationsgipfel im November insgesamt eine positive Zwischenbilanz der Umsetzung ihrer BeschlĂŒsse. Es seien in den vergangenen Monaten bereits «grundlegende VerĂ€nderungen auf den Weg gebracht» worden, betonte der Kanzler. Man dĂŒrfe bei der Begrenzung der irregulĂ€ren Migration jetzt nur nicht die HĂ€nde in den SchoĂ legen, sondern mĂŒsse «immer am Thema dranbleiben».
Unzufrieden zeigten sich dagegen die MinisterprĂ€sidenten von Nordrhein-Westfalen und Bayern, Hendrik WĂŒst (CDU) und Markus Söder (CSU). «Das reicht nicht: Die heutige MPK war wieder nur eine Bestandsaufnahme und hat nichts Neues gebracht», sagte Söder. Bayern und Sachsen forderten in einer gemeinsamen Protokollnotiz, dass neu ankommende ukrainische FlĂŒchtlinge kĂŒnftig statt BĂŒrgergeld wieder die normalen Leistungen fĂŒr Asylbewerber erhalten. «Mit dieser Halbherzigkeit werden die Zugangszahlen im Sommer kaum sinken», hieĂ es in der Notiz weiter. Hessen forderte, LĂ€nder mit einer Anerkennungsquote von unter fĂŒnf Prozent grundsĂ€tzlich zu sicheren HerkunftslĂ€ndern zu erklĂ€ren. ThĂŒringen stellte sich gegen «Asyllager an den europĂ€ischen AuĂengrenzen».
WĂŒst mahnt mehr Tempo an
WĂŒst meinte: «In der Migrationspolitik braucht es Tempo statt Zeitspiel.» Vor allem beim Thema Asylverfahren in Drittstaaten gehe es nur im Schneckentempo voran, bemĂ€ngelte der CDU-Politiker. Bereits 2021 habe die Bundesregierung in ihrem Koalitionsvertrag einen entsprechenden PrĂŒfauftrag verankert. «Passiert ist dann nichts», kritisierte WĂŒst.
Beim FlĂŒchtlingsgipfel im November hatte die Bundesregierung erneut eine PrĂŒfung zugesagt. Auch in anderen europĂ€ischen LĂ€ndern werden entsprechende Modelle diskutiert. Italien hatte im vergangenen Jahr eine AbsichtserklĂ€rung mit Albanien zur Errichtung von zwei Zentren zur Aufnahme von im Mittelmeer geretteten Migranten in Albanien unterzeichnet. Das UN-FlĂŒchtlingshilfswerk (UNHCR) hĂ€lt eine solche Verlagerung von Asylverfahren generell fĂŒr möglich, allerdings nur unter eng gefassten Bedingungen.
Weil Ă€uĂert rechtliche Bedenken gegen Obergrenze fĂŒr Asylbewerber
In der Debatte ĂŒber eine Obergrenze fĂŒr Asylbewerber wurden sehr unterschiedliche Sichtweisen deutlich. Hessens MinisterprĂ€sident Rhein nannte die Diskussion als Vorsitzender der LĂ€nder-Konferenz legitim. Der niedersĂ€chsische MinisterprĂ€sident Weil hĂ€lt eine Obergrenze aus verfassungsrechtlichen GrĂŒnden dagegen nicht fĂŒr realistisch. Sachsens MinisterprĂ€sident Michael Kretschmer (CDU) hatte zuletzt «50.000 oder 60.000 FlĂŒchtlinge pro Jahr» als mögliche Grenze genannt.
«Als Ziel kann man ĂŒber alles reden», sagte Weil dazu. FĂŒr eine Obergrenze wĂ€ren aber grundlegende rechtliche Ănderungen notwendig, nicht nur in Deutschland, sondern es gehe hier auch um die Genfer FlĂŒchtlingskonvention.
Rhein mahnt Realismus bei EindÀmmung der Zuwanderung an
Weil zeigte sich auch skeptisch, was einen schnellen RĂŒckgang der Asylbewerberzahlen angeht. «Niemand soll von unseren BeschlĂŒssen erwarten, dass sie sofort den Schalter umlegen», sagte er. Auch Rhein sagte, man mĂŒsse da «ja doch realistisch bleiben».
In Deutschland hatten im vergangenen Jahr rund 329.000 Menschen einen Erstantrag auf Asyl gestellt â etwa 50 Prozent mehr als 2022. Die mehr als eine Million FlĂŒchtlinge aus der Ukraine, die seit Kriegsbeginn Ende Februar 2022 nach Deutschland kamen, sind darin nicht erfasst, da sie kein Asyl beantragen mĂŒssen. Viele Kommunen sind mit der Unterbringung inzwischen ĂŒberfordert.
Im Januar dieses Jahres wurden fast 26.400 Asyl-ErstantrĂ€ge gezĂ€hlt. Hochgerechnet auf das Gesamtjahr ergĂ€be dies eine Ă€hnliche Zahl wie 2023. Dabei ist aber noch nicht berĂŒcksichtigt, dass im FrĂŒhjahr, Sommer und Herbst ĂŒblicherweise mehr FlĂŒchtlinge kommen als im Winter.
Einige Streitpunkte bereits vor dem Treffen abgerÀumt
Um gegenzusteuern, hatten sich Bund und LĂ€nder im November auf ein MaĂnahmenpaket verstĂ€ndigt. Enthalten war eine Pro-Kopf-Pauschale des Bundes als zusĂ€tzliche Beteiligung an den Asylkosten abgerungen: 7500 Euro pro Jahr fĂŒr jeden, der erstmals in Deutschland Asyl beantragt. Damit eine erste Abschlagszahlung an die LĂ€nder in Höhe von 1,75 Milliarden Euro fĂŒr 2024 noch im ersten Halbjahr kommt, will der Bund bald einen Gesetzentwurf zur Ănderung des Finanzausgleichsgesetzes vorlegen.
Die Vorsitzende der GrĂŒnen-Bundestagsfraktion, Katharina Dröge, sagte, es sei bedauerlich, dass die MinisterprĂ€sidenten bei ihrem Treffen keinen Schwerpunkt auf die wirtschaftliche Situation in Deutschland gelegt hĂ€tten. SchlieĂlich hĂ€tten sich Regierungschefs unterschiedlicher Parteien bereits öffentlich fĂŒr dringend nötige Investitionen und eine Modernisierung der Schuldenbremse ausgesprochen. Es brauche einen Schulterschluss mit den LĂ€ndern - «fĂŒr Investitionen eine zukunftsfĂ€hige Wirtschaft und ein Land, das einfach funktioniert».





