Andreas Gassen, Karl Lauterbach

KassenÀrzte-Chef: Mehr ambulant statt stationÀr operieren

17.07.2023 - 07:57:50

Immer noch wĂŒrden «absurd viele» Eingriffe in KrankenhĂ€usern erfolgen, stellt KassenĂ€rzte-Chef Gassen fest. Er warnt vor einem Scheitern der Klinikreform. Doch der Vorstoß wird auch kritisiert.

KassenĂ€rzte-Chef Andreas Gassen fordert, die Zahl der Klinik-Operationen deutlich zu reduzieren und die Möglichkeiten fĂŒr ambulante Behandlungen auszuweiten. Er sagte der «Bild»: «Wir brauchen eine Kehrtwende bei den Operationen. Es gibt unverĂ€ndert viel zu viele stationĂ€re Behandlungen in Deutschland. Von den rund 16 Millionen im Jahr könnten drei bis vier Millionen ambulant durchgefĂŒhrt werden, also auch von niedergelassenen Ärzten.»

Gassen nannte zum Beispiel Leisten- und Gelenk-Operationen, die kĂŒnftig so von Praxis-Ärzten vorgenommen werden könnten, dass Patienten morgens kĂ€men und am Nachmittag wieder nach Hause könnten. Damit könnten Kosten eingespart werden, und auch Infektionen durch gefĂ€hrliche Krankenhauskeime wĂŒrden damit reduziert, so Gassen. Dazu mĂŒsse aber die VergĂŒtung fĂŒr Praxis-Ärzte angepasst werden.

Krankenhausgesellschaft gegen Vorstoß

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft reagiert ablehnend auf den Vorstoß zu mehr Operationen auch in Praxen. «Der Vorschlag klingt gut, ist aber völlig unrealistisch», sagte Vorstandschef Gerald Gaß der «Bild»-Zeitung. Schon heute mĂŒssten gesetzlich Versicherte viele Monate, zum Teil weit ĂŒber ein halbes Jahr auf einen Termin beim Facharzt warten. «Wir wollen uns gar nicht vorstellen, wie sich dieser Zustand noch weiter verschlechtern wĂŒrde, wenn jetzt noch zusĂ€tzlich Millionen von Patientinnen und Patienten aus den KrankenhĂ€usern auf ambulante Operationen in den Arztpraxen warten mĂŒssten.»

Gaß zeigte sich offen dafĂŒr, dass niedergelassene Ärzte in Kliniken operieren. Gerade komplexere ambulante Operationen sollten an den KrankenhĂ€usern durchgefĂŒhrt werden, um dort in einem fĂŒr Patienten gesicherten Umfeld auf mögliche medizinische Risiken gut und qualitativ hochwertig reagieren zu können.

Krankenhausreform bis 2024

Bund und LĂ€nder hatten sich vor einer Woche auf Eckpunkte fĂŒr eine Klinikreform verstĂ€ndigt. Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) will ĂŒber den Sommer einen Gesetzentwurf dazu erarbeiten. In Kraft treten soll die Reform Anfang 2024. Die PlĂ€ne sehen vor, das VergĂŒtungssystem mit Pauschalen fĂŒr BehandlungsfĂ€lle zu Ă€ndern, um Kliniken vom Druck zu immer mehr FĂ€llen zu lösen. Daher sollen sie 60 Prozent der VergĂŒtung allein fĂŒr das Vorhalten von Leistungsangeboten bekommen. Dies soll auch kleinere Kliniken auf dem Land absichern.

Gassen hatte bereits am Wochenende vor einem Scheitern der geplanten Krankenhausreform gewarnt. «Wenn die Ambulantisierung durch Einbindung der Praxen nicht gestĂ€rkt wird und die Auswahl der richtigen Kliniken nicht klug und strategisch koordiniert wird, dann wird diese Reform scheitern», sagte der Vorstandsvorsitzende der KassenĂ€rztlichen Bundesvereinigung der «Neuen OsnabrĂŒcker Zeitung». In Deutschland gebe es weiterhin «absurd viele» stationĂ€re Eingriffe, konstatierte Gassen. «Noch immer werden viel zu viele Behandlungen stationĂ€r erbracht und Versichertengelder verschleudert.»

Die KassenĂ€rztliche Bundesvereinigung (KBV) vertritt nach eigenen Angaben die Interessen der rund 185.000 freiberuflichen, in Praxen ambulant tĂ€tigen Ärzte und Psychotherapeuten.

@ dpa.de