Ostdeutschland zeigt auf: FachkrÀftemangel immer schlimmer
30.08.2024 - 13:10:29Eigentlich hat die Bundesagentur fĂŒr Arbeit schon vor langer Zeit aufgehört, in ihrer Statistik zwischen Ost- und Westdeutschland zu unterscheiden. Die Vorstandsvorsitzende Andrea Nahles hat nun doch noch einmal die Unterschiede zwischen den ArbeitsmĂ€rkten in neuen und alten BundeslĂ€ndern herausgearbeitet. Denn: Der Osten ist auf eine bedrohliche Art und Weise zur Modellregion fĂŒr den Westen geworden. Der Mangel an FachkrĂ€ften zwischen ThĂŒringen und Mecklenburg-Vorpommern ist dort schon jetzt viel gröĂer als im Westen.Â
Bevölkerung im Osten ĂŒberdurchschnittlich alt
«Der demografische Wandel schreitet in den ostdeutschen FlĂ€chenlĂ€ndern schneller und deutlich stĂ€rker voran als im Westen Deutschlands», sagte Nahles, die von einer Reise durch die neuen LĂ€nder zurĂŒckgekehrt war. Wesentlicher Grund sei die groĂe Abwanderungswelle junger Menschen nach der Wiedervereinigung. Somit sei die verbliebene Bevölkerung in Ostdeutschland ĂŒberdurchschnittlich alt. In den kommenden Jahren gingen viele weitere Ăltere in den Ruhestand, der FachkrĂ€ftenachwuchs fehle. WĂ€hrend die BeschĂ€ftigung in Westdeutschland noch wachse, sinke sie im Osten bereits. «Ostdeutschland zeigt jetzt schon demografisch, wo das gesamte Land in wenigen Jahren stehen könnte», sagte Nahles.Â
Zuzug von AuslÀndern hilft der Wirtschaft
Dabei offenbart die Statistik nicht nur ein Kuriosum. Die Wirtschaft im Freistaat ThĂŒringen profitiere ĂŒberdurchschnittlich vom Zuzug auslĂ€ndischer ArbeitskrĂ€fte, schilderte Nahles. Bereits seit 2017 ist dort der Aufwuchs der BeschĂ€ftigung ausschlieĂlich auf Menschen zurĂŒckzufĂŒhren, die keinen deutschen Pass haben. In Gesamtdeutschland ist dies erst seit 2023 so. «NatĂŒrlich auch mit Blick auf die Wahlen am Sonntag der Hinweis, dass wir gerade in diesen LĂ€ndern attraktiv bleiben mĂŒssen, fĂŒr Menschen, die aus anderen LĂ€ndern zuwandern und deswegen auch eine Kultur der Offenheit und der Vielfalt und des Willkommens sehr wichtig ist», sagte Nahles. In ThĂŒringen und Sachsen wird am Sonntag ein neuer Landtag gewĂ€hlt, die Umfragen sehen starke Ergebnisse fĂŒr die AfD voraus, die den Zuzug von AuslĂ€ndern eindĂ€mmen will.
Ein weiteres Kuriosum wird bereits seit Monaten beobachtet: Ungeachtet des fortschreitenden Mangels an FachkrÀften steigt die Arbeitslosigkeit weiter. «Nichts deutet daraufhin momentan, dass sich dieser stetige Anstieg zurzeit irgendwo ausbremst oder sogar revidiert wird», sagte Nahles. Auch die Chefvolkswirtin der staatlichen Förderbank KfW, Fritzi Köhler-Geib betonte: «Langsam macht sich die wirtschaftliche Stagnation auch am Arbeitsmarkt bemerkbar.»
Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland stieg im August im Vergleich zum Juli saisonbedingt um 63.000 auf 2,872 Millionen. Im Vergleich zum August des Vorjahres liegt die Zahl damit um 176.000 höher. Die Arbeitslosenquote stieg gegenĂŒber Juli um 0,1 Punkte auf 6,1 Prozent, die Zahl der offenen Stellen sank im Jahresvergleich um 72.000 auf 699.000. Die Bundesagentur griff fĂŒr ihre Statistik auf Zahlen zurĂŒck, die bis zum 14. August vorlagen.
«Die gedĂ€mpfte Tendenz der Vormonate setzt sich am Arbeitsmarkt fort», sagte StaatssekretĂ€rin Lilian Tschan vom Bundesarbeitsministerium. Als gute Nachricht wertete sie, dass immer mehr Ukraine-FlĂŒchtlinge den Weg in neue Jobs fĂ€nden. Im Juni 2024 seien 207.000 ukrainische Staatsangehörige in sozialversicherungspflichtiger BeschĂ€ftigung gewesen. Weitere 52.000 hatten Minijobs.Â
Ausbildungsmarkt in Bewegung
GĂŒnstiger sieht es auf dem Ausbildungsmarkt aus. Von Oktober 2023 bis August 2024 meldeten sich 418.000 junge Leute als Bewerber fĂŒr eine Ausbildungsstelle. Das waren 10.000 mehr als im Vorjahreszeitraum. Im August hatten noch 82.000 weder einen Ausbildungsplatz noch eine Alternative gefunden. Gleichzeitig waren von den insgesamt 502.000 Lehrstellen 158.000 bisher nicht besetzt. Die Zahl der unvermittelten Bewerber und die der offenen Ausbildungsstellen werde sich bis Ende September noch deutlich verringern, der Markt sei weiter in Bewegung, hieĂ es von der Bundesagentur.
ArbeitgeberprĂ€sident Rainer Dulger forderte angesichts der groĂen Zahl von noch unbesetzten Lehrstellen, das Ăbel des FachkrĂ€ftemangels an der Wurzel zu packen. Deutschland brauche dringend eine Verbesserung der BildungsqualitĂ€t und eine praxisorientierte Berufsorientierung. Mehr als ein Drittel der AusbildungsplĂ€tze sei im vergangenen Jahr unbesetzt gebliebenen, bei kleinen Betrieben seien es sogar fast zwei von drei gewesen. «Diese LĂŒcke ist wie ein schwarzes Loch, das unsere Zukunftsperspektiven aufsaugt, wenn wir nicht handeln», sagte Dulger.Â
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