Lebt es sich ĂŒberall gleich gut? Ampel sieht Fortschritte
03.07.2024 - 15:49:16Robert Habeck hat wieder seine berĂŒhmten Schautafeln dabei. Eine Pappe nach der anderen hĂ€lt der Bundeswirtschaftsminister bei der Vorstellung des «Gleichwertigkeitsberichts 2024» in die Höhe. Die Botschaft: Es geht aufwĂ€rts, wirtschaftlich schwĂ€chere Regionen holen auf, die Lebensbedingungen in Deutschland gleichen sich an. «Der Bericht erzĂ€hlt eine Geschichte von einer positiven Angleichung nach oben», sagt der GrĂŒnen-Politiker. Das ist die eine Seite. Doch erzĂ€hlt der Bericht noch eine andere Geschichte: die von Unzufriedenheit, von Murren und ZukunftsĂ€ngsten im Land.
Auf mehr 220 Seiten hat die Bundesregierung alle erdenklichen Daten zusammengetragen, um Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Stadt und Land herauszufiltern, zwischen starken Regionen und schwĂ€cheren, zwischen Ost und West. Steht doch im Grundgesetz das Gebot der «Herstellung gleichwertiger LebensverhĂ€ltnisse». Zudem wurden 31.000 Interviews gefĂŒhrt dazu, wie die Menschen selbst die Lage einschĂ€tzen. Beides zusammen sei «wirklich bedeutsam» und «LektĂŒrestoff fĂŒr die Sommerferien», sagt Habeck. «Ich halte das wirklich fĂŒr ein entscheidendes Kompendium zu der Frage, wie es Deutschland geht.» Daran könne man auch die Förderpolitik neu kalibrieren.
In 27 von 38 Kategorien geht es laut Regierung aufwÀrts
Wirtschaft, Gesellschaft, Infrastruktur, Klima und Umwelt: In diesen Feldern vergleicht der Bericht insgesamt 38 «Gleichwertigkeitsindikatoren». Dazu zÀhlen etwa das kommunale Steueraufkommen, die Arbeitslosenquote, die Zahl der Straftaten, die Geburtenrate und Lebenserwartung, die Erreichbarkeit des nÀchsten Supermarkts und der Anteil der WaldflÀche an der GesamtflÀche der 400 Kreise und kreisfreien StÀdte.
In 27 der 38 Kategorien nĂ€hern sich laut Regierung die VerhĂ€ltnisse an, bei vier weiteren ist der Trend nicht eindeutig. Bei sieben geht es auseinander. Dazu gehört etwa der Anteil von FachkrĂ€ften und Experten an den sozialversicherungspflichtig BeschĂ€ftigten. Auch bei der WohngebĂ€udedichte, dem VerhĂ€ltnis von Kindern zu KitaplĂ€tzen, dem Anteil der Einpersonenhaushalte und dem Altenquotienten wachsen die Unterschiede. Habeck betont, Sorge bereite vor allem der demografische Wandel. Will sagen: Regionen mit schrumpfender Bevölkerung stehen vor groĂen Herausforderungen.Â
Die Menschen haben trotzdem einiges auszusetzen
Im Befragungsteil des Berichts zeigt sich dann: Die Menschen schĂ€tzen die Situation teils ganz anders ein und sehen vor allem die Infrastruktur kritisch. «Verkehrsanbindungen und MobilitĂ€tsangebote werden von lediglich 44 Prozent als gut beurteilt, gefolgt von der digitalen Infrastruktur mit 38 Prozent», heiĂt es zum Beispiel. «In Bezug auf die Ansiedlung und GrĂŒndung neuer Unternehmen schĂ€tzen bloĂ 35 Prozent der Befragten die Situation als gut ein.»Â
Weiter geht es mit der Möglichkeit, bezahlbaren Wohnraum zu finden: «Mehr als acht von zehn Befragten empfinden dies als sehr (42 Prozent) oder eher (41 Prozent) schwierig.» In GroĂstĂ€dten wird das noch deutlich kritischer gesehen als in lĂ€ndlicheren RĂ€umen. Und schlieĂlich das Beispiel Bildung und Betreuung: «Lediglich 43 Prozent der Befragten stimmen voll und ganz oder eher zu, dass die QualitĂ€t der Schulen gut ist; nur 39 Prozent stimmen voll und ganz oder eher zu, dass die QualitĂ€t der Kinderbetreuung gut ist.»
Stimmung ist schlechter als die Lage - oder umgekehrt
Das Beispiel Kinderbetreuung nimmt Habeck auf, um auf die Stimmung im Land zu kommen. Wieder hĂ€lt er ein Schaubild hoch - den Vergleich zwischen dem tatsĂ€chlichen Angebot von Kitas und Krippen und der Zufriedenheit mit dem Angebot. Daran zeige sich unter anderem: WĂ€hrend die Betreuung tatsĂ€chlich in den östlichen BundeslĂ€ndern top sei, sei dort in einigen Regionen die Zufriedenheit nicht ganz so hoch. Umgekehrt sei das Angebot der Betreuung in Bayern schlechter, aber die Menschen nicht ĂŒberall unzufriedener. «Die Lage ist manchmal so: Wir sagen ja manchmal, die Stimmung ist schlechter als die Lage, das stimmt fĂŒr einen Teil. Aber manchmal ist die Stimmung auch besser als die Lage.»
Im Osten sei auch die wirtschaftliche Entwicklung derzeit stĂ€rker als im Westen, betont der Wirtschaftsminister. Und doch sei die wahrgenommene Wirklichkeit manchmal eine andere. ErklĂ€ren lasse sich das nicht einfach. «Der Bericht hat keinen Psychologieteil», sagt der Minister. Er verweist auf die historischen Erfahrungen von Strukturwandel und Arbeitsplatzverlust. Seine Kabinettskollegin, Innenministerin Nancy Faeser, sagt es so: «Die Menschen sind krisenmĂŒde.» Keine ganz neue Erkenntnis. Die SPD-Politikerin hĂ€lt fest: «Gute und gleichwertige LebensverhĂ€ltnisse in ganz Deutschland sind entscheidend fĂŒr den gesellschaftlichen Zusammenhalt.» Das sei fĂŒr sie echte «Heimatpolitik».
Kritik ist garantiert
Die Opposition will Erfolgsmeldungen der Regierung wenige Wochen vor den wichtigen Landtagswahlen in ThĂŒringen, Sachsen und Brandenburg ohnehin nicht so stehen lassen. «Allem Schönreden durch Minister Habeck und Ministerin Faeser zum Trotz: Der Gleichwertigkeitsbericht der Bundesregierung ist kein Grund zur Freude, sondern sollte die Alarmglocken schrillen lassen», kommentiert die Linken-Politikerin Heidi Reichinnek. Und ParteigrĂŒnderin Sahra Wagenknecht meint gar: «Der Gleichwertigkeitsbericht ist die nĂ€chste Klatsche fĂŒr die Ampel. Wohnen, Schulen, Verkehr, Gesundheit: Die LebensverhĂ€ltnisse waren in der Bundesrepublik vielleicht noch nie so ungleichwertig wie derzeit.»





