Jurist: Verbote von Pro-PalÀstina-Demos problematisch
19.10.2023 - 14:30:07Der Verfassungsrechtler Michael Wrase hĂ€lt die vor allem in Berlin erlassenen Verbote pro-palĂ€stinensischer SolidaritĂ€tsbekundungen auf Versammlungen oder in Schulen teilweise fĂŒr problematisch.
Eingriffe in die Versammlungsfreiheit seien nur dann zulĂ€ssig, «wenn von der Versammlung selbst eine unmittelbare GefĂ€hrdung fĂŒr die öffentliche Ordnung, fĂŒr die öffentliche Sicherheit, ausgeht», sagte der Rechtswissenschaftler von der UniversitĂ€t Hildesheim in einem Online-PressegesprĂ€ch des Mediendienstes Integration. Dies sei nur dann der Fall, wenn strafbare Handlungen zu erwarten seien, «aber nicht nur von Einzelnen auf der Versammlung, sondern eben meinetwegen von einer Mehrheit oder auch ausgehend von den Veranstaltern».
Momentan werde damit argumentiert, dass die Konfliktlage so aufgeladen sei, dass quasi bei jeder dieser Versammlung erst einmal davon ausgegangen werden mĂŒsse, dass es dort zu strafbaren Handlungen wie der Billigung von Terrorangriffen auf Israel komme, sagte Wrase. «Ob in dieser PauschalitĂ€t tatsĂ€chlich solche weitreichenden Verbote gerechtfertigt erscheinen, das wĂŒrde ich mal mit einem groĂen Fragezeichen versehen», fĂŒgte er hinzu.
Noch keine keine Entscheidung des Verfassungsgerichts
Anders als Rechtsextremisten, die gegen Versammlungsverbote hÀufig vor Gericht zögen, sei dies bei den Veranstaltern der Pro-PalÀstina-Kundgebungen bislang eher nicht der Fall, weshalb es hierzu bislang noch keine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts gebe.
Mit ihrem Rundschreiben an die Schulleitungen habe sich Berlins Bildungssenatorin Katharina GĂŒnther-WĂŒnsch in einer «Grauzone» bewegt, sagte der Jurist. Die CDU-Politikerin hatte darin am 13. Oktober festgehalten, auch das MitfĂŒhren von nicht strafrechtlich relevanten Symbolen, wie etwa Aufkleber mit Aufschriften wie «Free Palestine» oder das sogenannte PalĂ€stinensertuch, solle zur Wahrung des Schulfriedens in Berliner Schulen untersagt werden. EinschrĂ€nkend schrieb sie: «Welche MaĂnahmen im Einzelnen innerhalb des in diesem Schreiben aufgezeigten Rahmens fĂŒr Ihre Schule verhĂ€ltnismĂ€Ăig und effektiv sind, können nur Sie als die Verantwortlichen vor Ort einschĂ€tzen.»
«Da kann man juristisch durchaus Zweifel haben, auch in der konkreten Einordnung», sagte Wrase, beispielsweise, ob das Tragen des sogenannten PalĂ€stinensertuchs im Einzelfall als «UnterstĂŒtzung der Hamas gewertet werden kann oder der Terrorangriffe auf Israel» oder ob dies lediglich «eine allgemeine SolidaritĂ€tsbekundung» sei.


