SOS vom Arbeitsmarkt - Drei Millionen Arbeitslose möglich
29.11.2024 - 15:51:24 | dpa.de
Ăber dem deutschen Arbeitsmarkt hĂ€ngt das Damoklesschwert von drei Millionen Arbeitslosen. Im Winter könnte die Zahl erreicht werden, nachdem die Herbstbelebung auch im November nicht in Schwung gekommen ist. «Die Entwicklung geht seit Herbst 2023 in die falsche Richtung», sagte die Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur fĂŒr Arbeit, Andrea Nahles bei der Vorstellung der November-Statistik fĂŒr den deutschen Arbeitsmarkt. Und ArbeitgeberprĂ€sident Rainer Dulger fĂŒgt hinzu: «Der Arbeitsmarkt funkt SOS. Drei Millionen Arbeitslose drohen diesen Winter RealitĂ€t zu werden. So hoch lag die Arbeitslosigkeit zuletzt vor knapp zehn Jahren.»Â
Im November sank die Zahl der Arbeitslosen im Vergleich zum Vormonat Oktober zwar saisonbedingt um 17.000 auf 2,774 Millionen. «Der RĂŒckgang fĂ€llt aus unserer Sicht schwach aus», sagte Nahles. «Ăblich wĂ€re jedoch ein etwas stĂ€rkerer RĂŒckgang gewesen». Die Zahl der Menschen ohne Job liegt um 168.000 höher als im November 2023. Die Arbeitslosenquote sank im Vergleich zum Oktober um 0,1 Punkte auf 5,9 Prozent. Im November 2023 hatte die Quote mit 5,6 Prozent niedriger gelegen. FĂŒr die Novemberstatistik zog die Bundesagentur Datenmaterial heran, das bis zum 13. des Monats vorgelegen hat.Â
Entlassungen und FachkrÀftemangel
Die GrĂŒnde fĂŒr die steigende Arbeitslosigkeit sieht Nahles nicht nur in konjunkturellen Problemen. Die deutsche Wirtschaft habe - etwa in der Industrie - vor allem strukturelle Sorgen, es komme in einigen Branchen zu groĂen VerĂ€nderungen, auch mit Entlassungen. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) sagte: «Die schwache Weltkonjunktur, Putins schrecklicher Angriffskrieg und zunehmender Protektionismus setzen unsere Wirtschaft unter Druck.»
Auf der anderen Seite fehlten in vielen Firmen weiterhin FachkrĂ€fte. Die Bundesagentur versuche diesem Zwiespalt, mit sogenannten Job-Drehscheiben zu begegnen. «Da ist unser Ehrgeiz sehr groĂ, das miteinander zusammenzubringen», sagte Nahles. Die Jobvermittler der Bundesagentur gingen auch direkt in betroffene Betriebe, um einen möglichst groĂen Teil von Entlassungen betroffener Mitarbeiter «Job to Job» zu vermitteln - also gar nicht erst arbeitslos werden zu lassen, bevor sie eine neue BeschĂ€ftigung finden. Â
Ob die Arbeitslosigkeit im nĂ€chsten Jahr weiter steige, hĂ€nge auch von der Geschwindigkeit ab, in der die Industrie in der Lage ist, die Transformationsprozesse voranzubringen, sagte Nahles. Martin MĂŒller, Arbeitsmarktexperte bei der staatlichen Förderbank KfW gibt ihr recht: «Um das ProduktivitĂ€tswachstum wieder anzukurbeln, muss Deutschland mehr investieren und die Digitalisierung auch im Dienstleistungssektor und in den Kommunen mit dem Ziel der ProduktivitĂ€tssteigerung weiter voranbringen», betonte er.
Mehr Kurzarbeit
Deutlich gestiegen ist zuletzt die Kurzarbeit. Im September - jĂŒngere verlĂ€ssliche Daten stehen nicht zur VerfĂŒgung - zahlte die Bundesagentur Kurzarbeitergeld an 268.000 BeschĂ€ftigte aus. Im August waren es 175.000, im Juli 194.000. Im November kamen bis zum 25. des Monats AntrĂ€ge fĂŒr 64.000 weitere hinzu. Ob diese tatsĂ€chlich in Anspruch genommen werden, ist aber noch nicht sicher. Insgesamt ist die Kurzarbeit in diesem Jahr deutlich höher ausgefallen als erwartet - die Bundesagentur musste 726 Millionen Euro an Kurzarbeitergeld auszahlen. Das ist mehr als doppelt so viel wie im Haushalt veranschlagt worden war.Â
Viele Unternehmen nutzten Kurzarbeit, um ArbeitsplĂ€tze zu sichern, und setzten gleichzeitig verstĂ€rkt auf QualifizierungsmaĂnahmen, um ihre FachkrĂ€fte fĂŒr die Anforderungen der Zukunft zu rĂŒsten, sagte Heil. «Wir werden diesen Prozess weiterhin entschlossen begleiten, um BeschĂ€ftigung zu sichern und Perspektiven zu schaffen.»Â
Die Nachfrage nach ArbeitskrĂ€ften ist weiter zurĂŒckgegangen. Im November standen in den Arbeitsagenturen 668.000 offene Arbeitsstellen zu Buche. Das sind 65.000 wenigerÂ
als vor einem Jahr. BeschÀftigungszuwÀchse gebe es nur noch in Branchen wie etwa der Pflege, oder im öffentlichen Dienst. Insgesamt nahm die BeschÀftigung im Vergleich zum Vorjahr noch einmal um 123. 000 Menschen zu.
Die Integration ukrainischer GeflĂŒchteter komme dennoch voran. Im September seien 233.000 Menschen aus der Ukraine sozialversicherungspflichtig beschĂ€ftigt gewesen, teilte Heils Ministerium mit. Das bedeute ein Plus von 12.000 im Vergleich zum Vormonat August und eine deutliche Steigerung von 71.000 gegenĂŒber dem Vorjahr.
Nahles forderte aus Anlass des Tages der Menschen mit Behinderung (3. Dezember) dazu auf, mehr Schwerbehinderte einzustellen. Aktuell seien 176.000 Schwerbehinderte in Deutschland arbeitslos, sechs Prozent mehr als vor einem Jahr. Die Qualifikation dieser Menschen sei mit einem FachkrĂ€fte-Anteil von 53 Prozent höher als bei nicht behinderten Arbeitslosen, wo sie nur bei 42 Prozent liege. Drei von vier Arbeitgebern mit mehr als 20 BeschĂ€ftigten kĂ€men inzwischen ihrer Verpflichtung «ganz oder teilweise» nach, fĂŒnf Prozent ihrer Belegschaft aus Behinderten zu rekrutieren.
So schÀtzen die Börsenprofis Aktien ein!
FĂŒr. Immer. Kostenlos.

