Schengen, Grenze

Was bringen ausgeweitete Grenzkontrollen?

26.09.2023 - 11:29:16

Kommen sie jetzt oder kommen sie nicht, die Kontrollen an der Grenze zu Tschechien und Polen? Selbst in der Ampel-Regierung waren einige Innenpolitiker zuletzt etwas ratlos.

Vor allem ĂŒber Tschechien und Polen, aber auch auf anderen Routen kommen seit einigen Monaten wieder mehr Asylbewerber nach Deutschland. Zwischen Anfang Januar und Ende August haben mehr als 204.000 Menschen erstmals in Deutschland einen Asylantrag gestellt.

Viele von ihnen stammen aus LĂ€ndern wie Syrien oder Afghanistan, deren StaatsbĂŒrger in der Regel einen Schutzanspruch in der EuropĂ€ischen Union geltend machen können. Damit der Anteil derjenigen unter ihnen, die ihren Asylantrag in Deutschland stellen, nicht weiter steigt, rufen einige Innenpolitiker in Bund und LĂ€ndern schon seit Wochen nach stationĂ€ren Kontrollen an den Grenzen zu Tschechien und Polen.

Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) hĂ€lt das bisher nicht fĂŒr sinnvoll. In einem Interview sagt die Ministerin zwar, sie bereite «stationĂ€re Grenzkontrollen mit vor». Kontrollen, wie es sie seit 2015 in Bayern an der Grenze zu Österreich gibt, meint sie damit aber wohl nicht. Die wichtigsten Fragen und Antworten:

Kommen jetzt die stationÀren Kontrollen an den Grenzen?

Nein, das sieht im Moment nicht so aus. Denn die mĂŒssen bei der EU-Kommission beantragt werden, und das ist bisher nicht geschehen - und nach Informationen aus dem Bundesinnenministerium auch erst einmal nicht geplant.

Stattdessen plant Faeser verstĂ€rkte Kontrollen in der NĂ€he der Grenze und vertritt die Rechtsauffassung, dass die Bundespolizei dabei punktuell - etwa wenn man dort gerade eine Schleusung vermutet - auch direkt an der Grenze Fahrzeuge anhalten kann. Außerdem will Faeser mehr gemeinsame Streifen mit Polen und Tschechien.

Was spricht fĂŒr stationĂ€re Kontrollen?

Schleuser sind dadurch leichter zu schnappen, denn bei Kontrollen jenseits der Grenze sind sie oft schon verschwunden, wenn die Polizei die irregulÀr eingereisten Menschen aufgreift.

ZurĂŒckweisungen an Schengen-Binnengrenzen sind rechtlich nur dann zulĂ€ssig, wenn zuvor die temporĂ€re WiedereinfĂŒhrung von Grenzkontrollen gegenĂŒber der EU-Kommission notifiziert wurde. Allerdings kommen ZurĂŒckweisungen ohnehin nur in relativ wenigen FĂ€llen zur Anwendung, etwa wenn ein AuslĂ€nder mit einer Einreisesperre belegt ist oder keinen Asylantrag stellt.

Wie oft kommt es konkret zu ZurĂŒckweisungen?

An den Grenzkontrollstellen an der deutsch-österreichischen Landgrenze wurden im ersten Halbjahr 2023 nach Angaben der Bundesregierung 4489 Menschen zurĂŒckgewiesen.

Im gleichen Zeitraum wurden an der deutsch-schweizerischen Landgrenze, wo die Bundespolizei gemĂ€ĂŸ einer Vereinbarung mit Bern auf schweizerischem Hoheitsgebiet in ZĂŒgen kontrollieren darf, 4787 AuslĂ€nder zurĂŒckgewiesen, vor allem weil sie keine gĂŒltigen Reisedokumente vorweisen konnten.

Was spricht fĂŒr stationĂ€re Kontrollen?

Schleuser sind dadurch leichter zu schnappen, denn bei Kontrollen jenseits der Grenze sind sie oft schon verschwunden, wenn die Polizei die irregulĂ€r eingereisten Menschen aufgreift. ZurĂŒckweisungen an Schengen-Binnengrenzen sind rechtlich nur dann zulĂ€ssig, wenn zuvor die temporĂ€re WiedereinfĂŒhrung von Grenzkontrollen gegenĂŒber der EU-Kommission notifiziert wurde. Allerdings kommen ZurĂŒckweisungen ohnehin nur in relativ wenigen FĂ€llen zur Anwendung, etwa wenn ein AuslĂ€nder mit einer Einreisesperre belegt ist oder keinen Asylantrag stellt.

Wie oft kommt es konkret zu ZurĂŒckweisungen?

An den Grenzkontrollstellen an der deutsch-österreichischen Landgrenze wurden im ersten Halbjahr 2023 nach Angaben der Bundesregierung 4489 Menschen zurĂŒckgewiesen. Im gleichen Zeitraum wurden an der deutsch-schweizerischen Landgrenze, wo die Bundespolizei gemĂ€ĂŸ einer Vereinbarung mit Bern auf schweizerischem Hoheitsgebiet in ZĂŒgen kontrollieren darf, 4787 AuslĂ€nder zurĂŒckgewiesen, vor allem weil sie keine gĂŒltigen Reisedokumente vorweisen konnten.

Was spricht gegen stationÀre Grenzkontrollen?

Sie binden viel Personal. Wenn die Kontrollen an einer Stelle verstĂ€rkt werden, nehmen die unerlaubten Einreisen erfahrungsgemĂ€ĂŸ nach einer Weile an einem anderen Grenzabschnitt zu, weil sich die Menschen, die nach Deutschland wollen, und ihre Schleuser darauf eingestellt haben.

Außerdem fĂ€llt es oft schwer, wenn solche Kontrollen erst einmal eingefĂŒhrt wurden, einen Ausstieg zu finden. Denn das wirkt dann leicht wie ein Signal, dass ein Staat seine Bestimmungen mit Blick auf irregulĂ€re Migration lockern will. Das zeigt das Beispiel der Kontrollen in Bayern.

Die waren im Herbst 2015 erstmals beantragt worden - damals hieß der Bundesinnenminister noch Thomas de MaiziĂšre und kam von der CDU. Seither sind sie immer wieder verlĂ€ngert worden - auch von Nancy Faeser. Das Ă€rgert vor allem die GrĂŒnen, die solche Kontrollen generell fĂŒr falsch halten.

Wo in der EU gibt es aktuell sonst noch stationÀre Kontrollen?

Obwohl im Schengen-Raum eigentlich das Prinzip der offenen Binnengrenzen gilt, sind es aktuell mehrere Staaten, die diese Karte gezogen haben. Spanien hat beispielsweise vom 28. September an fĂŒr einige Tage Kontrollen angekĂŒndigt und dies mit Sicherheitsvorkehrungen rund um die informelle Tagung der Staats- und Regierungschefs in Granada begrĂŒndet.

An HĂ€fen mit FĂ€hrverbindungen zu Schengen-Staaten kontrolliert Norwegen aktuell und begrĂŒndet dies mit Risiken fĂŒr kritische Infrastruktur an Land und im Seegebiet sowie der Gefahr durch russische GeheimdienstaktivitĂ€ten. DĂ€nemark fĂŒhrt fĂŒr seine Kontrollen an der Landgrenze zu Deutschland gleich mehrere GrĂŒnde an, unter anderem organisierte KriminalitĂ€t, irregulĂ€re Migration und die Bedrohung durch islamistischen Terror.

Österreich hat fĂŒr einige Abschnitte Grenzkontrollen notifiziert, Schweden fĂŒr alle Binnengrenzen. Auch Frankreich hat unter Verweis auf Terror-Risiken und irregulĂ€re Migration ĂŒber die zentrale Mittelmeerroute und die sogenannte Balkanroute Kontrollen an seinen Grenzen zu Belgien, Luxemburg, Deutschland, Italien, Spanien und der Schweiz beantragt. Die Franzosen kontrollieren aber nicht ĂŒberall rund um die Uhr, sondern eher punktuell und lageangepasst.

Was sagen die Gewerkschaften?

Die Deutsche Polizeigewerkschaft macht sich fĂŒr stationĂ€re Kontrollen stark. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) hĂ€lt dagegen das französische Modell fĂŒr besser. «Wir hatten zuletzt zwölf Hundertschaften der Bereitschaftspolizei an den Binnengrenzen und im Grenzraum», sagt Andreas Roßkopf, Vorsitzender des GdP-Bezirks Bundespolizei.

Heute seien jetzt noch zwei weitere Hundertschaften hinzugekommen. Damit sei die Belastungsgrenze erreicht. FlĂ€chendeckende stationĂ€re Kontrollen an der Ost-Grenze wĂ€ren nach seiner Überzeugung personell nur wenige Wochen durchzuhalten.

@ dpa.de