Jobsuche, Deutschland

Zahl der Arbeitslosen steigt vor dem Sommer

30.06.2023 - 12:43:50 | dpa.de

Lange zeigte sich der Arbeitsmarkt weitgehend unbeeindruckt von den Krisen und Problemen der Wirtschaft. Doch allmÀhlich werden die Spuren der konjunkturellen Probleme sichtbar.

«Die Arbeitslosigkeit steigt, und das BeschÀftigungswachstum verliert an Schwung» - Foto: Julian Stratenschulte/dpa
«Die Arbeitslosigkeit steigt, und das BeschÀftigungswachstum verliert an Schwung» - Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Die Entwicklung am Arbeitsmarkt ist normalerweise trĂ€ge - sie folgt konjunkturellen Entwicklungen meist mit Verzögerung und orientiert sich stark an saisonalen EinflĂŒssen. Im Juni - das ist fast ein Gesetz - sinkt die Zahl der Arbeitslosen, weil die Wirtschaft vor der Sommerpause noch einmal Gas gibt.

Diesmal ist es anders: Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland stieg im Juni im Vergleich zum Mai um 11.000 auf 2,555 Millionen. Das sind 192.000 Arbeitslose mehr als noch vor einem Jahr. Die Quote blieb unverÀndert bei 5,5 Prozent. «Der Arbeitsmarkt behauptet sich in einem schwierigen Umfeld gegen den Druck, unter dem die deutsche Wirtschaft von vielen Seiten steht», sagte die StaatssekretÀrin im Bundesarbeitsministerium, Leonie Gebers.

Ein Anstieg im Juni ist sehr ungewöhnlich

Die Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur fĂŒr Arbeit, Andrea Nahles, schĂ€tzt die Lage etwas skeptischer ein. «Zum Ausklang der FrĂŒhjahrsbelebung, die schon schwach war, prĂ€gt Vorsicht und ZurĂŒckhaltung das Bild am deutschen Arbeitsmarkt», sagte Nahles am Freitag in NĂŒrnberg. «Ein Anstieg der Arbeitslosigkeit im Juni kommt wirklich nur in AusnahmefĂ€llen vor», betonte sie. Und auch fĂŒr die nĂ€here Zukunft macht die Arbeitsmarktexpertin wenig Hoffnung. «Wir rechnen mit einem Anstieg in den nĂ€chsten Monaten», sagte sie. In welchem Umfang das passiere, werde man sehen mĂŒssen. Nahles legte jedoch Wert auf die Feststellung, es handele sich nicht um eine «krasse», jedoch um eine «merkliche» VerĂ€nderung.

Nahles machte vor allem die Konjunkturflaute fĂŒr die Situation verantwortlich. «Die schwierigeren wirtschaftlichen Rahmenbedingungen spĂŒren wir nun auch auf dem Arbeitsmarkt: Die Arbeitslosigkeit steigt, und das BeschĂ€ftigungswachstum verliert an Schwung.» Die Bundesagentur griff fĂŒr die Juni-Statistik auf Datenmaterial zurĂŒck, das bis zum 13. Juni zur VerfĂŒgung stand. Als beunruhigend wird vor allem empfunden: Jeder dritte Arbeitslose gilt als langzeitarbeitslos, insgesamt 908.000 und damit 30.000 mehr als im Mai.

Andrea Nahles hofft auf UnterstĂŒtzung aus Berlin

Um diesen Personenkreis zurĂŒck in den Arbeitsmarkt zu bekommen, wurde maßgeblich das neue BĂŒrgergeld eingefĂŒhrt, dessen zweite Stufe am Samstag inkraft tritt. Ob der neue «Instrumentenkasten», wie Nahles es nennt, aber auch wirksam greifen kann, ist noch nicht völlig sicher. Es hĂ€ngt am Geld, das im Bundeshaushalt fĂŒr den sogenannten Eingliederungstitel zur VerfĂŒgung steht. Nahles hofft auf den Bundestag - dort will sie in den nĂ€chsten Tagen noch einmal Überzeugungsarbeit leisten und weitere Millionen locker machen.

Monatelang war es der Zufluss von Ukraine-FlĂŒchtlingen, der die Arbeitsmarktstatistik negativ beeinflusste. Inzwischen ist es anders: Auch ohne die BerĂŒcksichtigung ukrainischer FlĂŒchtlinge wĂ€re die Arbeitslosigkeit im Juni gestiegen, sagte Nahles. Inzwischen sind 87.000 Ukrainerinnen in Deutschland sozialversicherungspflichtig beschĂ€ftigt, weitere 27.000 haben einen Minijob. Insgesamt hat die Bundesagentur 691.000 Ukrainerinnen und Ukrainer in der Statistik, davon 229.000 Kinder und 479.000 ErwerbstĂ€tige.

In Deutschland herrscht weiterhin Personalmangel

Die Kurzarbeit bewegt sich weiter auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau. Im April wurde fĂŒr 135.000 Personen konjunkturelles Kurzarbeitergeld gezahlt. Im MĂ€rz waren es noch 160.000 und im Februar 151.000. Aktuellere Daten liegen fĂŒr die tatsĂ€chliche Inanspruchnahme von Kurzarbeit nicht vor. Vom 1. bis 26. Juni wurde fĂŒr 45.000 Menschen Kurzarbeit angezeigt - jedoch ist unklar, fĂŒr wie viele diese auch zum Tragen kommt.

Ungeachtet der konjunkturellen Probleme herrscht in Deutschland Personalmangel. «Der FachkrĂ€ftemangel bleibt im historischen Vergleich weiter auf sehr hohem Niveau», sagte die Chefvolkswirtin der staatlichen Förderbank KfW, Fritzi Köhler-Geib. Abhilfe gibt es derzeit fast ausschließlich durch Zuzug aus dem Ausland.

Die Zahl der offenen Stellen lag im Juni mit rund 769.000 zwar um mehr als 100.000 niedriger als vor einem Jahr. Nahles betonte aber: «Das Risiko, arbeitslos zu werden, ist weiterhin sehr niedrig.» Noch immer sei eine vergleichsweise hohe Zahl von Arbeitsstellen unbesetzt. Die Arbeitgeber hĂ€tten auch ihre Taktik bisher nicht geĂ€ndert, es gebe auch weiterhin Halteeffekte. Allerdings sei es fĂŒr Arbeitslose auch deutlich schwieriger geworden, einen neuen Job zu finden.

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