Högl, Bundestag

Högl: Bundestag sollte zĂŒgig ĂŒber Wehrdienst entscheiden

11.03.2025 - 12:29:39

Licht und viel Schatten: Der Jahresbericht der Wehrbeauftragten beschreibt eine Bundeswehr im Umbau. Mehrere Befunde sind sehr alarmierend.

Die Wehrbeauftragte des Bundestages, Eva Högl, sieht die Bundeswehr in zunehmend schweren Personalnöten: WĂ€hrend die Zahl der Soldaten bei rund 181.000 verharre, sei der Altersdurchschnitt binnen fĂŒnf Jahren deutlich gestiegen. Högl warnt: «Gleichzeitig wird die Bundeswehr immer Ă€lter. WĂ€hrend das Durchschnittsalter Ende 2019 noch 32,4 Jahre betrug, ist es bis Ende 2024 auf 34 Jahre gestiegen.»

Der Bundestag habe das von Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) vorgelegte Wehrdienstmodell wegen der Neuwahlen nicht mehr verabschiedet, so Högl. Sie mahnt: «Der nĂ€chste Bundestag sollte das Thema – die EinfĂŒhrung eines neuen Wehrdienstes sowie die EinfĂŒhrung eines verpflichtenden Gesellschaftsjahres – zĂŒgig diskutieren und Entscheidungen treffen.»

Kein umfassendes Lagebild möglicher Wehrpflichtiger

Vor allem fordert sie Tempo beim Wiederaufbau einer Wehrerfassung fĂŒr den Dienst in den StreitkrĂ€ften, die mit dem Aussetzen der Wehrpflicht im Jahr 2011 abgeschafft wurde. Der Staat weiß seitdem und auch drei Jahre nach der sogenannten Zeitenwende nicht umfassend, wer fĂŒr den Dienst in den StreitkrĂ€ften aktiviert werden könnte.

«Dadurch liegt kein umfassendes Lagebild hinsichtlich der jeweils der Wehrpflicht unterfallenden GeburtsjahrgĂ€nge und deren Bereitschaft sowie ihrer FĂ€higkeiten fĂŒr einen Wehrdienst mehr vor, obwohl die auf Artikel 12a Grundgesetz und dem Wehrpflichtgesetz beruhende Wehrpflicht fĂŒr deutsche MĂ€nner als potenzielle Verpflichtung weiterbesteht», so Högl.

Die Wehrbeauftragte hilft nach Artikel 45b des Grundgesetzes dem Bundestag bei der Kontrolle der StreitkrĂ€fte. Sie gilt aber auch als AnwĂ€ltin der Soldaten, die sich jederzeit an sie wenden können. Högls fĂŒnfjĂ€hrige Amtszeit endet in diesem Mai. Ihr Jahresbericht stellt die Lage in der Bundeswehr nach Themenbereichen fest.

Finanzen:

Mit rund 52 Milliarden Euro stand im Jahr 2024 gegenĂŒber dem Vorjahr ein um rund 1,8 Milliarden Euro erhöhtes Ausgabevolumen im Verteidigungshaushalt (Einzelplan 14) zur VerfĂŒgung. Die Ausgaben beliefen sich 2024 auf rund 50,3 Milliarden Euro.

DarĂŒber hinaus wurden aus dem Sondervermögen rund 19,8 Milliarden Euro bereitgestellt, von denen die Bundeswehr rund 17,2 Milliarden Euro ausgegeben hat. Högl schreibt: «Das Ministerium sollte in Zukunft sicherstellen, dass zur VerfĂŒgung stehende Gelder auch ausgegeben werden.»

Infrastruktur:

Da gebe es weiter «erhebliche Probleme». Der Gesamtinvestitionsbedarf belaufe sich aktuell immer noch auf rund 67 Milliarden Euro. Kasernen und Liegenschaften seien teils «in einem desaströsen Zustand». Projekte kÀmen teils kaum voran. Högl nennt eine Waffenkammer, wo seit dem Jahr 2017 der Baubeginn aussteht.

Eine GrĂ¶ĂŸenordnung: «Die Dienststellen der Bundeswehr befinden sich in rund 1.500 Liegenschaften, die ĂŒber ganz Deutschland verteilt und zusammengefasst ungefĂ€hr so groß wie das Saarland sind. Die gesamte NutzflĂ€che der etwa 35.000 GebĂ€ude mit ungefĂ€hr 900.000 RĂ€umen entspricht mit 27 km2 in etwa der GrĂ¶ĂŸe des Frankfurter Flughafens.»

BĂŒrokratisierung:

«Insgesamt neigt die Bundeswehr durch ihr vorgegebene oder selbst geschaffene Regelungen und deren kleinteilige (zuweilen auch fehlinterpretierte) Umsetzung dazu, Dinge zu verkomplizieren», schreibt Högl.

Eine Ursache liegt darin, dass die erforderliche Digitalisierung nicht vorankomme: «Beispielsweise berichtete ein Offizier auf einem Truppenbesuch der Wehrbeauftragten, dass es "16.000 Blatt Papier" bedĂŒrfe, um eine Kompanie in den Einsatz zu verlegen.»

Frauen:

Im Jahr 2024 leisteten insgesamt 24.675 Soldatinnen Dienst in den StreitkrĂ€ften. Damit sind Frauen außerhalb der SanitĂ€t mit 9,89 Prozent – und 13,62 Prozent insgesamt, also einschließlich der SanitĂ€t – trotz aller positiven Entwicklungen der letzten Jahre noch immer stark unterreprĂ€sentiert.

Soldatinnen sehen sich zudem nicht selten Vorurteilen, Diskriminierung und leider zuweilen sexueller BelÀstigung ausgesetzt. Insgesamt erhielt die Wehrbeauftragte im Berichtsjahr 48 Eingaben zu sexualisiertem Fehlverhalten. Daneben beobachtete sie die Ermittlungen zu 376 meldepflichtige Ereignissen wegen des Verdachts auf Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung.

Extremismus:

Der MilitĂ€rische Abschirmdienst (MAD) fĂŒhrte im Jahr 2024 insgesamt 305 (2023: 307) nachrichtendienstliche Abwehroperationen durch. Die PhĂ€nomenbereiche: Rechtsextremismus 219 (2023: 178), ReichsbĂŒrger und Selbstverwalter 5 (2023: 20), Islamismus 33 (2023: 32), Linksextremismus 11 (2023: 15), auslandsbezogener Extremismus beziehungsweise AuslĂ€nderextremismus 31 (2023: 47), Scientology Organisation 1 (2023: 1) und verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates 5 (2023: 14)

Suizide und Suizidversuche:

Das Amt der Wehrbeauftragten zÀhlte im Berichtsjahr 29 Selbsttötungen (2023: 15; 2022: 18; 2021: 20, 2020: 11, 2019: 21) und 44 Selbsttötungsversuche (2023: 57; 2022: 64; 2021: 58, 2020: 61, 2019: 52) von Soldatinnen und Soldaten. Ein einziger der im Berichtsjahr gemeldeten FÀlle wurde mit einer Dienstwaffe begangen.

Straftaten gegen die Bundeswehr

Im Berichtsjahr war die Bundeswehr in 185 FĂ€llen Ziel von AnschlĂ€gen oder Straftaten (2023: 122). In 13 FĂ€llen betrafen sie Angehörige der Bundeswehr (2023: sechs), zum Beispiel beim Tragen der Uniform in der Öffentlichkeit.

In 172 FĂ€llen richteten sich die Taten gegen das Eigentum der Bundeswehr (2023: 116). Dazu zĂ€hlten unter anderem drei BrandanschlĂ€ge und vier Sabotageakte. Högl weist auch bedrohliche DrohnenĂŒberflĂŒge hin. 

Lebensrettungs- und Hilfsaktionen:

Oftmals sei in der Gesellschaft gar nicht bekannt, dass Soldatinnen und Soldaten stumm im Hintergrund Hilfe leisteten. Im Jahr 2024 hĂ€tten Soldaten in mindestens 57 – der Wehrbeauftragten bekannten – FĂ€llen anderen Personen das Leben gerettet.

@ dpa.de