Deutschland, Extremismus

Verfassungsschutz: Bahn im Fokus von Linksextremisten

26.09.2025 - 11:15:06 | dpa.de

Linksextremisten nehmen laut Verfassungsschutz bei Angriffen auf die Infrastruktur in Kauf, dass Unbeteiligte betroffen sind. Was und wer steckt hinter den meisten AnschlÀgen?

  • Nach einem Anschlag werden Kabel repariert. (Archivbild) - Foto: Christoph Reichwein/dpa
  • Reparaturarbeiten in Berlin an einem beschĂ€digten Strommast. (Archivbild) - Foto: Michael Ukas/dpa
Nach einem Anschlag werden Kabel repariert. (Archivbild) - Foto: Christoph Reichwein/dpa Reparaturarbeiten in Berlin an einem beschÀdigten Strommast. (Archivbild)  - Foto: Michael Ukas/dpa

Linksextremisten nehmen bei ihren Angriffen auf Einrichtungen der kritischen Infrastruktur laut Verfassungsschutz keine RĂŒcksicht auf die Interessen von Berufspendlern und anderen Unbeteiligten. Das zeigen der Behörde zufolge AnschlĂ€ge auf die Energieversorgung und den Bahnverkehr in den vergangenen Monaten und Jahren. Laut einer Statistik der Polizeibehörden gab es im vergangenen Jahr knapp 300 politisch motivierte Straftaten gegen Verkehrsbetriebe oder Verkehrsmittel. 

Angriffsziele Energieversorger und Bahn

In einer aktuellen Analyse des Bundesamtes fĂŒr Verfassungsschutz (BfV) heißt es, Linksextremisten zielten bei ihren Angriffen nur selten auf einen Ausfall von Einrichtungen der Grundversorgung. Vielmehr wollten sie zumeist ausgewĂ€hlte Wirtschaftsunternehmen schĂ€digen – beispielsweise durch eine Kappung der Stromversorgung. «Dabei nehmen sie etwaige KollateralschĂ€den billigend in Kauf», schreibt der Nachrichtendienst. 

Ein Beispiel seien Patientinnen und Patienten eines Pflegeheims, die nach dem Brandanschlag an zwei Strommasten am 9. September im SĂŒdosten Berlins in KrankenhĂ€user verlegt werden mussten, weil die Beatmung nicht mehr gewĂ€hrleistet werden konnte. 

Rechtfertigungsmuster Klimaschutz

«Am hĂ€ufigsten wird ein vorgebliches Engagement fĂŒr den Klimaschutz als Rechtfertigung fĂŒr AnschlĂ€ge herangezogen», schreibt das BfV. Ziel sei es dabei, die Klimaprotestbewegung zu radikalisieren und den Staat sowie seine Institutionen zu delegitimieren. 

Weitere BegrĂŒndungen, die von Linksextremisten angefĂŒhrt wĂŒrden, seien den Themenfeldern «Antimilitarismus», «Antirepression» und – vor allem bei AnschlĂ€gen auf Baustellen und Immobilienunternehmen – «Antigentrifizierung» zuzuordnen. 

Unter Gentrifizierung versteht man die Aufwertung eines Wohngebiets durch Sanierung und Modernisierung, was mit dem Zuzug einkommensstĂ€rkerer Bewohner einhergeht. Steigende Mieten fĂŒhren dann oft zu einer VerdrĂ€ngung langjĂ€hriger, einkommensschwacher Mieterinnen und Mieter. 

Steuerung von Weichen und Signalen zerstört

Diesen Sommer waren etwa in Nordrhein-Westfalen zwei BrandsĂ€tze an der Bahnstrecke DĂŒsseldorf-Duisburg gezĂŒndet worden. Dadurch wurden Kabel fĂŒr die Steuerung von Weichen und Signalen zerstört. Die Folge: Erhebliche Verzögerungen im Fern- und Regionalverkehr. Landesinnenminister Herbert Reul (CDU) sprach von einem möglichen linksextremistischen Hintergrund.

Bereits 2018 hatten Linksextremisten Signalkabel entlang derselben Strecke zwischen DĂŒsseldorf und Duisburg zerstört, um gegen Abschiebungen vom DĂŒsseldorfer Flughafen zu protestieren.

Deutsche Bahn stark betroffen

«Die Deutsche Bahn AG ist seit Jahren besonders von linksextremistischen AnschlĂ€gen betroffen», bilanziert das Bundesamt, allerdings ohne dabei auf die Ermittlungen zu den jĂŒngsten Angriffen auf Bahnstrecken einzugehen. 

Insgesamt verzeichnete die Polizei 2024 bundesweit 524 Straftaten mit mutmaßlich politischem Hintergrund, die sich gegen die Infrastruktur richteten. 2023 waren es laut Statistik 823 Taten. In den Jahren 2021 (337 Straftaten) und 2022 (475 Straftaten) waren es noch deutlich weniger.

Auch Datennetze und Kraftwerke als Angriffsziele

Laut Polizeistatistik gab es im vergangenen Jahr 35 politisch motivierte Straftaten, die sich gegen Datennetze, beziehungsweise IT-Infrastruktur richteten. Insgesamt 281 Taten zielten gegen Energieversorgungsbetriebe oder Einrichtungen der Energieversorgung. Bei 131 Straftaten notierte die Polizei «Infrastruktur» als Angriffsziel. Zudem gab es gemĂ€ĂŸ der Statistik 106 gegen Kraftwerke gerichtete Straftaten. 

Bundesweit 299 politisch motivierte Delikte richteten sich gegen Verkehrsmittel, Verkehrsbetriebe oder Verkehrseinrichtungen. In 13 FÀllen ging es dabei um Brandstiftung. SachbeschÀdigung registrierte die Polizei in 28 FÀllen.

Handlager russischer Geheimdienste

Neben Linksextremisten haben die Sicherheitsbehörden, wenn es um Angriffe auf die Infrastruktur geht, auch auslĂ€ndische Akteure - vor allem russische Geheimdienste - im Blick. «Derzeit besteht auch eine erhöhte abstrakte GefĂ€hrdung in Bezug auf SabotageaktivitĂ€ten beziehungsweise entsprechende Vorbereitungshandlungen in Verantwortung auslĂ€ndischer Stellen», teilt ein Sprecher des Bundesinnenministeriums auf Anfrage mit. Hier sei insbesondere seit 2024 eine Zunahme zu beobachten. Dabei setze Russland in der Regel auf Handlanger, die ĂŒber soziale Medien oder Messengerdienste angeworben und gesteuert wĂŒrden. 

Neue gesetzliche Vorgaben sollen kommen

Das Bundeskabinett hatte kĂŒrzlich den Gesetzentwurf fĂŒr das sogenannte Kritis-Dachgesetz beschlossen. Der Entwurf sieht strengere Vorgaben fĂŒr die Betreiber grĂ¶ĂŸerer Anlagen aus den Sektoren Energie, Transport und Verkehr, Finanzwesen, Sozialversicherung, Gesundheit, ErnĂ€hrung, Wasser, Siedlungsabfallentsorgung, Informationstechnik und Telekommunikation sowie Weltraum vor. Sie mĂŒssen Schutzmaßnahmen planen, umsetzen und die Behörden ĂŒber sicherheitsrelevante VorfĂ€lle informieren. Experten halten es jedoch fĂŒr kaum realisierbar, Strommasten und Bahngleise flĂ€chendeckend zu ĂŒberwachen und AnschlĂ€ge dort zu vermeiden.

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