Hitzeschutzplan, Karl Lauterbach

Lauterbach will Zahl der Hitzetoten in Deutschland halbieren

28.07.2023 - 18:26:18

Mehrere Tausend Menschen sterben auch in Deutschland, wenn extreme Hitze herrscht. Der Gesundheitsminister will die Vorbeugung auf breiter Front voranbringen - und nennt auch ein konkretes Ziel.

Mehr öffentliche Informationen, mehr Vorbereitung, direkte Tipps von HausĂ€rztinnen und HausĂ€rzten: Mit einer Reihe von Schutzmaßnahmen sollen GesundheitsschĂ€den und Tote durch Hitzewellen in Deutschland noch in diesem Sommer stĂ€rker vermieden werden.

«Wir haben das Ziel, die Zahl der SterbefĂ€lle in diesem Jahr zu halbieren, also unter 4000 zu halten», sagte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD). Ein jetzt vorgelegter Hitzeschutzplan sieht dazu auch mehr AufklĂ€rung und Betreuung in Pflegeheimen vor. Im Blick stehen zudem Kliniken und GesundheitsĂ€mter. PatientenschĂŒtzern reichen die PlĂ€ne nicht aus, die Opposition warnte vor Alarmismus.

«Hitze kann tödlich sein», steht vor rotem Hintergrund auf einem neuen Plakat, das Lauterbach in Berlin vorstellte. Es soll zentrale Verhaltenstipps bekannter machen - etwa «ausreichend Wasser trinken» oder «Anstrengungen vermeiden». Oberstes Ziel der Vorbeugung sei der Schutz von Risikogruppen, heißt es im Plan des Ministeriums - also von Älteren, Kindern, chronisch Kranken, allein lebenden Menschen, PflegebedĂŒrftigen, Menschen mit Behinderungen und Obdachlosen.

RKI: 1500 Hitzetote in Deutschland in vergangenen Monaten

Nach SchÀtzungen des Robert Koch-Instituts (RKI) sei allein von Mitte April bis Mitte Juli von 1500 Hitzetoten in Deutschland auszugehen, erlÀuterte das Ministerium - darunter 880 Menschen, die 85 Jahre oder Àlter waren. Beim Berechnen der Zahl der Hitzetoten wird verglichen, wie viele Menschen mehr in Wochen mit hohen Temperaturen sterben als in vergleichbaren Wochen. Das Barcelona Institute for Global Health hatte von 8170 hitzebezogenen Toten im Sommer 2022 in Deutschland berichtet. In ganz Europa waren es demnach mehr als 60.000 Tote.

Die AufklĂ€rung forcieren wollen auch die HausĂ€rztinnen und HausĂ€rzte, wie der Verbandsvorsitzende Markus Beier sagte. Denn sie behandeln jĂ€hrlich 34 Millionen chronisch Erkrankte. Dabei solle jeder Kontakt fĂŒr Informationen, Tipps und individuelle Beratung zum Hitzeschutz genutzt werden - etwa, wenn Menschen mit Inkontinenz eigentlich nicht so viel trinken wollen, wenn sie einkaufen gehen. Wichtig seien auch Hinweise, dass Medikamente bei Hitze anders wirken könnten, erklĂ€rte Beier. Schulungen fĂŒr Ärztinnen und Ärzte seien schon angelaufen.

Frankreich als Vorbild

Ausgebaut werden sollen generell die Informationen vor Hitzewellen, ausgehend von Warnungen des Deutschen Wetterdienstes. Lauterbach sagte, er habe dazu mit Kulturstaatsministerin Claudia Roth (GrĂŒne) auch öffentliche RundfunkhĂ€user angeschrieben. Das Ziel: Infos zu Hitzeschutz sollten mehr in den Nachrichten thematisiert werden. Im August soll mit Vertretern der KrankenhĂ€user und des Öffentlichen Gesundheitsdienstes ĂŒber weitere Schutzvorkehrungen beraten werden.

Mit dem Bundesinnenministerium werden demnach Möglichkeiten fĂŒr akute Gefahrenwarnungen vorbereitet, etwa ĂŒber SMS-Nachrichten auf Handys oder die offizielle bundesweite Nina-Warnapp. Das sei aber nicht vor normalen Hitzewellen nötig, erlĂ€uterte Lauterbach - sondern nur fĂŒr katastrophale Hitzesituationen, in denen am Tag auch mehrere Hundert Menschen sterben könnten. Ob das System in diesem Sommer zum Einsatz kommen kann, steht demnach noch nicht fest. Im Herbst soll dann bei einer Konferenz eine Bilanz der ersten Maßnahmen gezogen werden.

In engem Austausch sei man auch mit den französischen Behörden, sagte Lauterbach. Denn den Hitzeschutzplan im Nachbarland hatte er schon ausdrĂŒcklich als Vorbild genannt. Dort sollen in der höchsten von vier Warnstufen Kommunen etwa den Zugang zu SchwimmbĂ€dern und StrĂ€nden erleichtern, Wasser verteilen oder den Sportunterricht an Schulen streichen. Der deutsche Hitzeschutzplan entspreche nun zu 80 Prozent dem, was auch in Frankreich gemacht werde, sagte Lauterbach.

Kritik: «Aneinanderreihungen von SelbstverstÀndlichkeiten»

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz kritisierte das Konzept des Ministers: «Aneinanderreihungen von SelbstverstĂ€ndlichkeiten sind kein Hitzeschutzplan», sagte Vorstand Eugen Brysch. «Apps, Plakate und Warnmeldungen senken die Temperaturen in den RĂ€umen von Kranken und PflegebedĂŒrftigen um kein Grad Celsius.» Ein Hitzeschild sei nicht zum Nulltarif zu haben. Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) sagte, wichtig fĂŒr langfristigen Hitzeschutz seien auch Umbauten in Kliniken und Pflegeheimen. CDU-Gesundheitsexperte Tino Sorge hielt Lauterbach unangemessenen Alarmismus vor. Bei Schutz und Vorsorge sollte der gesunde Menschenverstand Richtschnur sein.

Der Minister Ă€ußerte sich auf Nachfrage auch zu dem leichten Wirbel, den eine Twitter-Nachricht aus seinem Italien-Urlaub ausgelöst hatte. Er habe nur darauf hingewiesen, dass die sĂŒdlichen LĂ€nder in Europa in Zukunft mehr mit Hitzewellen zu tun haben wĂŒrden. Das sei Konsens in der Wissenschaft. «Ich rate nicht vom Urlaub in Italien ab. Ich habe ihn selbst genossen, werde ihn auch wieder genießen.» Italiens Tourismusministerin Daniela SantanchĂš hatte irritiert auf den Tweet reagiert und erklĂ€rt, man sei sich des Klimawandels bewusst, der nicht nur SĂŒdeuropa, sondern den ganzen Planeten betreffe - und man sei sicher, dass die Deutschen Italienurlaub weiter schĂ€tzen wĂŒrden.

@ dpa.de